Neue Hessische Zeitung.
Grgan der hunftituthndkn Partei.
Dinstag, 5. März 1850. JM 108. Morgen-Ausgabe.
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Deutschland.
*** Kassel, 4. März. Der plötzliche, unter abnormen Umständen eingelretene Wechsel unseres Ministeriums ist seiner Natur nach nicht bloß ein Personen-, sondern auch ein Systemwechsel. Könnte dieß nach Allem, was vorgegangen, in Zweifel gezogen werden, sowürde eS aus Privaterklärungen der neuen Räthe und aus ihrer bereits zu Tage getretenen höchst auffälligen Handlungsweise hervorgehen. Unter diesen Umständen sieht man mit Spannung den Veränderungen entgegen, welche in der Besetzung solcher Stellen eintreten werden, welche volle Uebereinstimmung der Beamten mit dem herrschenden Regierungssy- stemc nothwendigerweise voraussetzen. Dahin gehören z. D. die Stellen der Ministerialreferenten, vor Allen aber die des Vertreters der Regierung in der Kammer.
Der in der letzten Stänvesitzung erhobene Formenstrcit wegen Annahme des dem Ministerium Hassenpflug von Seilen der Kammer ausgesprochenen Mißtrauensvotums hat die allgemeine Aufmerksamkeit noch besonders auf die Haltung des Landtagskommissars, Herrn RegiernngSraths Wiegand, und dessen sowohl zur Kammer, als zum neuen Regierungssystem offenbar unhaltbar gewordene Stellung Hingelentt. Bei der bekannten politischen Richtung des Hrn. Wiegand ist sein Verhältniß zur Kammer unhaltbar geworden von dem Augenblicke an, wo ihm die Aufgabe gestellt ist, — wie es sich bei dem in der letzten Sitzung versuchten Manöver gezeigt hat — eine seinen Ansichten schnurstracks zuwiderlaufende, inkon- stitutioncUe, dabei höchst unwürdige Politik, sei eS auch in speciellem Auftrag, zu verirrten. Ist man doch Dem Vernehmen nach im Verfassungsausschuß allgemein Der Ansicht, daß man sich lediglich an die Landtagskommission zu halten habe, deren Sache es sei, den Verkehr zwischen Ministerium und Ständen aus konstitutionellem Wege zu vermitteln und welche durch besondere Instruktionen und Zumuthnngen wohl zum Rücktritt, aber keineswegs zur Ablehnung ihrer konstitutionellen Pflichten veranlaßt werden könne.
Was das Verhältniß des seitherigen Landtagskommissars zum Ministerium betrifft, so hat Hr. Wiegand selbst darüber keinen Zweifel gelassen, indem er sich in dem Schreiben auf ausdrückliche Instruktion berief und der Ständeversammlung wiederholt und rückhaltlos erklärte, wie er hier nur auf gemessenen Befehl handle und von seiner persönlichen Ansicht abzusehen bitte. Wir erfahren nunmehr aus zuverlässiger Quelle, daß Hr. Wiegand, nachdem er vergebens die Entbindung von den Landtags-Kommissionsgeschäften als eine sich von selbst verstehende sofortige Folge des neuen Regiments erwartet, bereits vor mehreren Tagen um solche förmlich nachgesucht habe. Er soll geltend gemacht haben, seine Stellung setze einen mit den Grundsätzen der Regierung übereinstimmenden Vertreter voraus, als welchen er sich nicht betrachten könne.
Wir konnten von Hrn. Wiegand nichts Anderes erwarten. Die völlige Uebereinstimmung dieses Mannes mit der Politik und dem Regierungssystcme der entlassenen Märzminister hatte sich in der ausgezeichneten und beredten Vertretung, welche diese Politik gerade in seiner Thätigkeit gefunden hat, zu entschieden ausgeprägt. Auch war cs bei der entschieden konsti
tutionellen Gesinnung des Hrn. Negierungsraths Wiegand gewiß nicht anzunehmen, daß er seine Stellung in der Kammer etwa wie einen Dienst auffassen könne, von welchem man verlangen könnte, heute dieses, morgen jenes System auf Befehl zu vertreten und zu vertheidigen, und wie ein schlechter Advokat â deux niains zu Plaidiren. Wir glauben auch, daß Hr. Hassenpflug selbst zu klug sein wird, dergleichen seinem Landtagskommissar zuzumuthen, ganz abgesehen von den Rücksichten Der Humanität, welche schwerlich gestatten dürften, einem ehrenwerthen Beamten die Qual einer unnatürlichen uud kompromittirenden Stellung wider seinen Willen aufzunöthigen.
Auch soll in Der That dem Hrn. Geh. Obersinanzrath Duysing Die Aufforderung zur Uebernahme der Landtagskommission, wiewohl vergebens, zugegangen sein.
Rücksichtlich Der Ministerialreferenten befindet sich das Ministerium Hassenpflug, wie cs scheint, in nicht geringer Verlegenheit. Im Finanzministerium hat sich durch den Abgang Wippermann's, dessen bekannte Arbeitskraft rem Staate einen Referenten zu ersparen vermochte, Die Nothwendigkeit noch eines Referenten ergeben, da Herr Lometsch bekanntlich Herrn Wippermann nicht zu ersetzen vermag. Herr Duysing ist deßhalb wieder ins Finanzministerium versetzt worden. Zu vortragenden Räthen im Ministerium des Innern sollen die Herren Gymnasialdirektor Vilmar aus Marburg und Bezirksdirektor Staatsrath Volmar aus Eschwege, beide dahier jetzt anwesend, bestimmt sein. Ueber die Verzögerung einer endlichen Entschließung hierüber kursiven mehrfache Gerüchte. Herr Volmar soll für die ihm zugedachte Stellung, die er früher Jahrzebende hindurch bekleidete, bis er Ministerialvor- stand, später Regierungsdirektor wurde und die daher „eine Art von Rückschritt wäre", gedankt haben. Wenn dieß aus Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit des uns zugedachten neuen oder eigentlich alten Regierungssystems geschehen ist, — so soll uns die Bestätigung dieser Nachricht von Herzen^ freuen.
Ob Die Ernennung Vilmars an dessen bekannten Grundsätzen über das Verhältniß der Kirche zum Staate anstößt, mu§ noch dahin gestellt bleiben. Hr. Vilmar, Der Führer unserer Hppcrorthovoxen, verlangt Die Kirchengewalt aus Den Händen des Landesherr» , Dem sie verfassungsmäßig zusteht, zurück, um sie einer orthodoxen Hierarchie, einstweilen unseren unglücklichen Superintendenten zum Geschenk zu machen. Seine Ernennung zum Ministerialrathe würde hiernach die wichtige Nebenbedeutung haben, daß Der Landesherr Der Kirchengewall müde und den extravaganten Ansichten und Begehren geneigt geworden sei, welche unter Vilmars Auspicien in Der bekannten Jesberger Synode beschlossen und in besonderer Denkschrift dem Landesherr» vorgelegt worden sind. Mag es mit Vilmars Ernennung werden wie cs wolle, daß Hr. Hassenpflug ihn überhaupt in sein Lager hat aufnehmen wollen, ist ein sehr bezeichnendes Merkmal seiner Richtung.
Von den Bezirksdirektoren-Stellen ist Marburg erledigt, Eschwege würde erledigt werden, wenn Vollmar ins Ministerium als Referent einträte. Ob Hr. Eberhard für Marburg verwendet werden soll, oder ob Hr. Regierungsrath v. Specht aus seinem neulichen Besuche Der Residenz, Der angeblich ei-