Neue Hessische Zeitung.
Organ der konstitutionellen Partei.
Sonnabend, 23. Febr. 1850. j\2 M2. Abend - Ausgabe.
Kassel, 22. Februar, Abends.
Die neueste Ministerkrisis, welche dem Vernehmen nach vorgestern bei uns eingetreten ist und ihrer Lösung gegenwärtig entgegen sieht *), hat zu vielen Vermuthungen Veranlassung gegeben, und erscheint allerdings auf den ersten Blick in mehr als einer Beziehung so bedrohlich, daß wir, zur besseren Orientirung der Leser, unsere Betrachtungen darüber nicht zurückhalten dürfen.
Wir unterlassen es, auf die inneren Ursachen, auf die Natur und Beschaffenheit kurhessischer Ministerkrisen im Allgemeinen nochmals zurückzukommen und wollen in dieser Beziehung auf das bei ähnlichen Gelegenheiten schon früher wiederholt Bemerkte lediglich verweisen. Im August v. I. war es ein geringfügiger Gegenstand — eine bundesgemäße militärische Maßregel — welche zu der bekannten Entlassung des Ministeriums Eberhard führte. Die gegenwärtige Ministerkrise bietet nur insofern etwas Neues, als ihr eben gar kein Vorwand, sondern, wie man erfährt, nur die einfache allerhöchste Weigerung zu Grunde liegt, mit den dermaligen verantwortlichen Räthen der Krone die nothwendigen Staatsgeschäfte zu besorgen. Diese Weigerung ist allerdings um so bedeutungsvoller, als sie den bekannten allerhöchsten Zusicherungen vom 18. August v. I. widerstreitet. Ganz abgesehen von der faktischen Unmöglichkeit, bei einer solchen Weigerung ihren Dienstpflichten ferner zu genügen, mußten die Minister darin eine veuiliche Weisung erblicken, welcher sie entsprochen und ihre Entlassung eingereicht haben. Es ist ihnen darauf gestern der Bescheid geworden, Se. königl. Hoh. seien mit der Bildung eines neuen Kabinets beschäftigt.
Als gute konstitutionelle Staatsbürger sind wir weit entfernt, in diese der Krone zustehende Thätigkeit irgendwie störend eingreifen zu wollen. Desto mehr wird die für uns sehr praktische Frage unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen: welches denn wohl die Elemente sein mögen, die sich zu dieser neuen Bildung fügen könnten? Weitschweifend und mannigfaltig sind die darüber cirkulirenden Vermuthungen, und es dürfte schon deßhalb angemessen sein, auf die engen Gränzen zu verweisen, in denen sich doch eigentlich nach der Natur unserer politischen Verhältnisse vergleichen Vermuthungen zu bewegen haben.
Es kann zunächst keine Rede davon sein, daß sich etwa unter den politischen Freunden und Anhängern des Ministeriums Eberhard Personen finden sollten, die sich dazu entschließen könnten, Pflichten zu übernehmen, zu deren Erfüllung sich ihre seitherigen Führer außer Stande gesetzt sehen. Die Wahl solcher Männer kann auch vernünftigerweise gar nicht beabsichtigt sein. Denn man würde in diesem Falle Die Absicht eines bloßen Ministersturzes voraussetzen müssen, ine Absicht, die wir gar nicht annehmen dürfen. Wäre sie vorhanden, so würde sich zu ihrer Ausführung gewiß kein ehrenhafter Parteigenosse bereit finden lassen.
Die Ansichten von politischer Ehre, welche im August v.J. in so übereinstimmender und erhebender Weise sich durch Wort lnd That beurkundet und in der ganzen gebildeten Welt damals ehrende Anerkennung gefunden haben, sie sind unseres Wissens auch jetzt, im Februar, noch dieselben. Wir wüßten licht, daß seitdem in den Reihen unserer Partei neue Minister gewachsen wären.
*) Wir bitten das Datum zu beachten. D. R.
Wollte man aber von den Männern absehen, welche sich zur konstitutionellen Freiheit dieses Landes bekennen und nach Pflicht und Gewissen nur im Sinne seiner Institutionen zu handeln vermögen, dann dürfte — zur Ehre unserer Mitbürger und insbesondere unserer Staatsdiener sei es gesagt — die verbleibende Auswahl wohl äußerst dürftig ausfallen. Zwar hört man wohl auch bei uns hin und wieder von einer Kreuzpartei, einer Partei Gerlach rc., freilich mehr im Scherz und als Hyperbel, reden. Allein die wenigen Individuen, welche diese Partei ausmachen sollen, sind, sicherem Vernehmen nach, nicht qualificirt, auch nur für kurze Frist einem im konstitutionellen Leben so weit entwickelten Staat, wie Kurhessen, regieren zu können.
Wenn man daher nicht etwa annehmen will, daß ein aus den Gegnern der deutschen Politik unseres Ministeriums in der Ständeversammlung gebildetes Kabinrt in Aussicht stehe — und diese Annahme würde wohl immer noch als Vie am meisten gerechtfertigte erscheinen — so dürfte allerdings, da eS auch keine österreichische Partei im Lande gibt, nur noch für eine einzige Vermuthung Raum bleiben.
Auch diese, Vermuthung haben wir äußern hören und sie scheint uns, offen gestanden, bei einigem Nachdenken die unwahrscheinlichste von allen zu sein.
Man will nämlich wissen, die Entlassung der Minister sei zwar keineswegs durch schwarzgelbe, wohl aber durch schwarzweiße Intriguen und Einverständnisse herbeigeführt. Nicht zur Vereitlung des Bundesstaates— welche ohnehin nach Lage der Sache nicht mehr möglich wäre und nur auf einen lächerlichen Versuch hinauslaufen würde — sondern nur zu vessen um so besserer Durchführung rc. sei im Einverständniß mit der preußischen Regierung ein Ministerwechsel bei uns vorbereitet, in welchem ein preußischer, bei uns noch wohlbekannter Staatsmann die Hauptrolle zu übernehmen berufen sei.
Diese und ähnliche Dinge laboriren an der Einen, freilich sehr bedeutenden Unwahrscheinlichkeit, daß sie zu ihrem angeblichen Zwecke gerade im umgekehrten Verhältnisse stehn. Wenn man es nicht lassen kann, ter preußischen Regierung einen Geschmack an der Reaktion als solcher zuzutrauen und sie des schnödesten Undanks zu bezichtigen — Beschuldigungen, die wir unserer Stils für abgeschmackt halten — dann sollte man ihr doch wenigstens die gewöhnliche Klugheit nicht absprechen. Diese aber erlaubt es bekanntlich nicht, die Pferde hinter den Wagen zu spannen, um ihn vorwärts zu bringen. Es wäre fürwahr ein seltsames Mittel, die Sympathien eines Nachbarvolkes zu gewinnen und zu sichern, wenn man dieses Volk an seinem verwundbarsten Fleck, an seiner von der allgemeinen Liebe getragenen Regierung angreifen und ihm Leute aufvrän- gen wollte, deren bloßer Name — was auch sonst ihre Befähigung sei — in dem VolkSbewußtscin einer Kriegserklärung auf Leben und Tod gleich stehen würde.
Es wird genügen, an dieses Verhältniß zu erinnern. Für uns selbst bedarf es dessen nicht, da wir die hohe Achtung kennen, welche in ganz Preußen unv insbesondere in Preußens Volksvertretung und Kabinet einer Regierung bisher zu Theil geworden, deren Weisheit und Patriotismus das gelungen ist, wonach andere Regierungen vergebens gerungen haben — die Versöhnung der Freiheit mit der Ordnung. Wahrlich, von dieser Seite ist unserer innigsten Ueberzeugung nach gegen das Ministerium Eberhard nichts unternommen worden. Aber von welcher Seite droht denn nun die Gefahr? Was