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Neue Hessische Zeitung.

Organ der konstitutionellen Partei.

Donnerstag, 21. Febr. 1850. *A^ 88. Abend-Ausgabe.

Die Vermittelung der Extreme.

Seit Ancillon fein berühmtes Buch über diesen Gegenstand schrieb (1828), und Ludwig Philipp vie „richtige Mitte" von 1830 durch einseitiges Beharren auf einem der wirklichen Vertheilung der Volksintelligenz unv der Volkskraft nicht mehr entsprechenden Wahlgesetze zu einer politischen Gevatterschaft (Coterie) herabvrückte, seitdem ist der Weg der „goldenen Mittelstraße" in der öffentlichen Meinung so verdächtigt worden, daß gar viele schwache Geister, nur um dem Ver­dachte dieser Schwäche, deren sie sich selbst bewußt sind, zu entge­hen, gegen ihre innerste Ueberzeugung unter eine der extremen Fahnen getreten sinv, und daß seit 1848 unstreitig mehr Muth und vielleicht auch mehr Geschick dazu gehört, an einer allen berechtigten Gegensätzen entsprechenden Vermittelung mit Erfolg zu arbeiten, als dem Strome der rechts oder links drängenden Leidenschaften zu folgen. Der Majorität ver Frankfurter Reichsversammlung und in deren Fortsetzung der Gothaer deutschen Partei ist durch die Ereignisse von 1848 der Beruf geworden, ihren festen Glauben an eine mögliche Ve.söhnung des Königthums mit der Freiheit v er Völ­ker und an eine, unbeschadet der wahrhaft begründeten San­der i n t e r e s s e n der e i n z e l n e n v e u t s ch e n V o l k s st ä m m e Herzustcllknve, einheitliche deutsche Staatsgewalt auch den angeblichen Freibeitsmännkln gegenüber, zu bewähren, unv Alles daran zu setzen, um vas deutsche Volk auf dem Wege der „goldenen Mittelstraße" zum großen politischen Ver­söhnungsfeste zu führen.

Hört man indeß unsere Gegner zur Rechten und zur Lin-, ken, dann sollte man freilich glauben, daß jede Vermittelung der sichere Weg nicht nur zum politischen, sondern auch zum sittlichen Verderben sei. Aber es bedarf kaum einer etwas aufmerksameren Prüfung der Gründe des tövtlichen Hasses, mit welchem beide Theile die Vermittelungspartei verfolgen, um einzusehen, daß die „Rothen" den „Schwarzen" — wir geben diesen Namen der Kürze halber der mit ven speci­fisch Schwarzweißen und Schwarzgelben vereinigten Priesterpartei beider Konfessionen — und diese wiederum jenen nur deßhalb zum Siege gegen die Schwarz- roth- golden kn zu verhelfen suchen, weil jeder Theil weiß, daß das ihm e n t g c g e n st e h c n d e Extrem sich u n m ö g l i ch lange behaupten kann, sondern nach einem nothwendigen Naturgesetze wieder ins andere Extrem überschlagen, v. h. die Gewalt wieder in die Hände der eigenen Partei abgeben muß, während beide überzeugt sind, daß eine wirk­liche Vermittelung der Extreme eine dauernde Zukunft haben, und die überbleibenden unverbesserlichen Parteimänner rechts wie links in eine eben so hoffnungs- als bedeutungs­lose Minorität bringen würde.

Daß die „Rothen" selbst einen nur vorübergehenden Sieg ihrer Grundsätze mit Strömen von Blut unv mit Dem Wobl ganzer Provinzen für nicht zu theuer erkauft halten, das ist zu bekannt, als Vaß wir darüber Beweise zu liefern hätten, unv ist so unnatürlich uuv für jedes unbefangene Ge­müth so empörend, daß es einer Widerlegung durch Vernunft­gründe nicht bedarf, weil ein jeder, der solchen Gründen überhaupt zugänglich ist, Darüber von vorn herein mit uns einverstanden ist.

Um so auffälliger erscheint es dagegen, daß Vie „Schwar­zen", von denen der größere Theil behauptet und auch wohl aufrichtig glaubt, daß er sich das Christenthum in Der rein­sten Auffassung angeeignet habe, und daß er den Vorschriften

desselben nicht nur im gesellschaftlichen, sondern auch im staat­lichen Leben unverbrüchlich nachzuleben verbunden und geson­nen sei, daß auch diese Extremen lieber der „Hölle" Den Sieg gönnen, als der „Humanität". So kennt z.B. vas in Halle erscheinende und von P h. Nathusius revi- girte „Volksblatt für Stadt und Land", welches in Beziehung auf die Bethätigung des Christenthums recht viel Gutes und Wahres bringt, in politischen Dingen nur „G o tt" unv „Teufel", nur „Preußen" unv „Sch al­ten st aalen", nur „Mpstiker" und „rothe Republi­kaner": „Wenn Ihr mich fragt", (so heißt es unter An- verem in Nr. 4 v. J. S. 57) „Wen sollen wir nach Erfurt „wählen? so sage ich ganz ernstlich: nur zweierlei Leute. Ent- „wever einen echten rothen Demokraten, einen Socialisten — „oder einen „ „Pietisten" " wie man es eben nennt, also Leute „Die Glauben haben, sei es an Den lebendigen Gott oder an „Den Teufel, und die den Muth haben, ihren Kopf an ihren „Glauben zu setzen." Und kurz vorher: „Werden die Konserva- „tiven sich wieder in ihrem gewohnten Glanze zeigen? Werden sie „wieder flüstern: „„Nur gemäßigte Männer! nur Männer „aus der Mitte!"" und dann so mitten in ven Dreck (!) „hineingreifen? während die gemäßigten Männer gerade Vie „Einzigen sind, Die zu Allem fähig sinv" .... „Entschiedene „Leute sind im Gegentheil die einzigen, Die sichere Bürgschaft „bieten, vaß sie nicht über Die Schnur hauen".... „Wenn „AUerweltSpolacken aus Crefeld, Mannheim, Gotha sich mit- „kinanvcr verbinden, davon wird kein einig Deutschland".... „Jene entschiedenen Parteien sind es, die die Kämpfe Der Zeit „auetämpfen, alles klebrige ist Ballast, vor Die Räder Der „Weltgeschichte geworfen, der sie eine Weile aufhält, bis sic „darüber forlgehen."

Wir sehen ab von dem Styl, der, von einem gebildeten Manne angenommen, offenbar auf andere Leserkreise berechnet ist, als auf solche, in denen Der Vcrf. selbst seine Gesellschaft wählen möchte, und fragen nur: Ist denn Der Mensch selbst nur „Gottes", oder des „Teufels", und ist er nicht, solange er wenigstens auf Erden wandelt, ein Mittelding, in Dem bcive sich berühren? Bietet etwa Preußen nur L i ch t se i l e n dar, und die übrigen deutschen Staaten nur Schattenseiten? Oder haben die deutschen Staaten nicht sammt und sonders bei dünkelhafter, eigensüchtiger Trennung sich stets mit Schmach beveckt und ins Verderben gestürzt, während sie bei gegenseiti­ger patriotischer Hingebung stets Ruhm und Segen geerntet haben? Und besteht wahre F e l v h e r r n gr ö ß e und wahrer F e l d h e r r n m u t h etwa darin, daß man in leidenschaftlicher Erregtheit mit Der uns anvertrauten Schaar tollkühn auf Den Feind einstürmt, wie unv wo man ihn trifft, ohne zu erwä­gen, ob in einer solchen Stellung auch Der Sieg zu erwarten sei oder eine schmachvolle Niederlage, und ob im günstigsten Falle Die Opfer nicht größer seien als der Kampfpreis Wer überhaupt fähig ist, auch nur in Einem Augenblicke seines Lebens von einer Idee sich begeistern oder von einer blinden Leidenschaft sich Hinreißen zu lassen, Der ist schon ausreichend befähigt, um den Lorbeer einer solchen Heldenthat zu pflücken, für Die das „Wochenblatt" schwärmt; aber von einem Feld­herrn im wahren Sinn des Wortes verlangen wir, daß er Die ©einigen unter einsichtsvoller Berücksichtigung aller feind­lichen Bewegungen entweder sicher zum Ziele, oder wiederum in eine solche Stellung führe, die Dem Feinde die wenigste Aussicht auf einen erfolgreichen Angriff gewährt.

Wir könnten uns übrigens, um nicht etwa nur Die B e- redpigung, sondern Die Naturwüchsigkeit und die