- 274 —
mehr als ein Gegenstand philheyenischer Sentimentalität ist. Es' ist das äußerste Vorgebirge jener großen Länderstrecken, über welche durch tausend Mittel der List und der Gewalt Rußland fort und fort seine Netze wirst; jenes Mitteleuropa, in welchem sich vielleicht sehr bald auch die Geschicke der abendländischen Welt entscheiden sollen, und für welches nicht umsonst die russischen Armeen in den Donauländirn in stets wachsender Stärke gerüstet stehen. Mögen die Satelliten ältlicher Politik für Rußland und gegen England ihr Kriegsgeschrei erheben. Wer sich zum Westen zählt, der stimme nicht so ohne Weiteres in diesen Chorus ein.
Deutsckland.
Kassel, 9. Febr. Der größere Theil der Wahlen zum Volkshause wird in wenigen Tagen beendigt und nunmehr ohne weitere Zögerung zu den Wahlen zum Staaten- Hause zu schreiten sein. Es liegen hinreichende Gründe vor, welche eine Beschleunigung dieser Wahlen sowohl von Seiten der Staatsregierung, als der Ständeversammlung dringend nothwendig machen, um so mehr, als UMriebe eintreten könnten, welche den Abschluß dieser Wahlen hinzuhalten vermöchten. Deßhalb werden auch die beiden erst nach Ablauf einiger Wochen bevorstehenden Wahlen zum Volkshanse in Fulda cknd Marburg keinen Falls abgekartet werden dürfen. — Ueber die Reihenfolge der Ernennungen der von Kurhessen zum Staatenhause zu sendenden 7 Mitglieder durch die Regierung, durch die Volksvertretung, so wie durch Zusammenwirken beider findet sich keine ausdrückliche Bestimmung. Man wird sich dayer an die Reihenfolge halten müssen, in welcher das Ernennungsrecht im §. 86 und 87 des Entwurfs der Reichsverfassung aufgeführt wird. Hiernach geht die Regierung voran, dann folgt die Volksvertretung, und zuletzt schlägt die Regierung drei Kandidaten vor, aus denen die Ständeversainmlung einen zu wählen hat; denn es ist im §. 87 cit. vorgeschrieben, daß „in denjenigen Staaten, welche eine ungerade Zahl von Mitgliedern senden, in Betreff des letzten derselben" dieß Verfahren einzuhalten ist. Diese Vorschrift hat auch einen sehr naheliegenden Grund, welcher zwar im vorliegenden Falle nicht von materiellem Interesse fein dürft?, doch jedenfalls schon wegen der Zukunft nicht außer Augen gesetzt werden kann.
Berlin, 7. Febr. Die Con st. Ztg. äußert sich sehr anerkennend über die königl. Rede, welche, — wie Alles, was aus dem Munde dieses an Geist und Heez gleich ausgezeichneten Monarchen fließt, mit dem Gepräge selbsteigner Anschauung und glanzender Originalität, — offen, so männlich und fürstlich, das Ja so wahrhaft „vollkräftig und bedächtig" ausspreche und das eidliche Gelöbniß auf „feste und unverbrüchliche" Beobachtung der Verfassung so „treu, wahrhaftig und ohne Rückhalt" gebe. Der Uebergang aus dem absoluten in das konstitutionelle StaatSleben werde sehr passend und wahrhaft königlich ausgedrückt durch die Worte: „Ich erscheine heute vor Ihnen, wie nie zuvor und nie hernach." Der Satz: „Das Werk, dem Ich heute meine Bestätigung aufdrücken will, ist entstanden in einem Jahre, welches die Treue werdender Geschlechter wohl mit Thränen , aber vergebens wünschen wird, aus unserer Geschichte hinaus zu ringen", fei eben so poetisch schön, als politisch wahr. „Während er die Gefühle aller konservativen Gemüther ausdrückt, erhebt er die politische Klarheit des Staatsmannes über die Gefühlspvlilik, und zeichnet die Bodenlosigkeit einer Partei, deren ganze Weisheit darin besteht, die großen geschichtlichen Thatsachen der letzten Jahre zu ignorireu und die vormärzlichen Zustände zurück zu bringen." „Wahr ist auch, vollkommen wahr, daß „Leben und Segen der Verfassung von der Erfüllung unab- weislicher Bedingungen abhängt", davon, daß die loyale, freisinnige, konstitutionelle Meinung des Landes sich nicht fort- reißen lasse, etwaigen Mißbrauch der konstitutionellen Freiheit zur Verführung des Volkes zu dulden, wie sie anderer Scits darüber zu wachen hat, daß die verantwortlichen Räthe der Krone streng und gewissenhaft die Rechte der preußischen Nation wahren und in Ehren halten; davon, daß das Regieren
mit diesem Grundgesetze möglich gemacht werde, möglich sei." Die konstitutionelle Partei in Deutschland habe niemals behauptet, der Monarch regiere „von Berfassungs Gnaden", so wenig als sie in den positiv-rechtlich festgestellten Volksreebten eine bloße Gabe fürstlicher Huld erkenne. „Ein freies Volk unter einem freien König", das sei die Lesung des preußischen Volkes, wie eö die seines Fürsten ist. „Der König hat sich, fährt die C. Ztg. fort, wiederholt auf das Gelöbniß bei der Huldigung zu Königsberg bezogen und es bestätigt, ein milder, christlicher König zu sein, der seinen Ruhm weniger in Waffenthaten, als in väterlicher Regierung suche. Wir wüßten nicht, daß das mit der konstitutionellen Regierungsform irgend in Widerspruch sei, deren Wesen vielmehr in Milde und Versöhnung besteht. Der König wiederholt sodann das Gelöbniß, mit seinem Hause dem Herrn zu dienen, das er am 11. April 1847 ausgesprochen. Die Gewissensfreiheit, die nunmehr jedem Preußen verbürgt und verbrieft ist, findet natürlich um so mehr ihre Anwendung auf das königliche Haus, und jedes Volk wird einen religiösen, und deßhalb auch gottesfürchtigen und gewissenhaften Monarchen unendlich höher schätzen, als den frivolen Ungläubigen, dessen Treue und Regententugend kein inneres Moment verbürgt. Und so ist auch das vollkommen wahr, daß „kein Gelöbniß Werth haben kann, das nicht von einem religiösen Gemüthe auSgeht." Am Schlüsse spricht die Const. Ztg. die Ueberzeugung aus, das preußische Volk werde mit den nämlichen edlen und religiösen Gefühlen, wie sein König, den neuen Vertrag der Liebe und der Treue annehmen und beschwören.
Berlin, 6. Februar. Unter den verschiedenen Festlichkeiten, die in Folge der heute Statt gefundenen Vereidigung auf die Verfassung begangen wurden, bemerken wir, daß von Seiten des Magistrats in dem großen Frievrichs-Waisenhause, dem Friedrich - Wilhelmshospitale , dem Nikolaus-Bürgcrhospi- tale und dem Arbeitshause sämmtliche Bewohner dieser Anstalten und ihrer Filiale festlich bewirthet, die Pfleglinge der kleinen Hospitäler aber mit Geldgeschenken erfreut worden sind. — An sämmtliche Schulen städtischer Verwaltung wurde ein gedrucktes Festblatt vertheilt, das vom D.rektor des Kölnischen Gymnasiums, Herrn August, verfaßt war. Darauf findet sich nachstehender Sinnlpruch: Made Deoruin Cura Coeligenae Gustos Libertatis! Virlute Instaurati Jurejurando Inaugurati Imperii Decus Friderice Extollis Borussica Regna, was nach des Verfassers Übersetzung im Deutschen lautet: Heil, Gottgeliebter, himmelentsprossener Freiheit Hort! Durch Tapferkeit neubefcftigtcr , durch Eidschwur geheiligter Herrschaft Zierde, Friedrich, erhöhst Du Dein Preußen-Reich.
Berlin, 7. Febr. Von allen Kirchen, in denen gestern zur Feier des VersassungsabschlusseS ein solenner Gottesdienst Statt fand, waren die Hofdomkirche und die St. Hedwigskirche vom Publikum am meisten besucht. In letzterer hielt der Propst v. Ketteler, unter Assistenz der Kaplane Wawreczko und Ruland, das Hochamt. Dem Gottesdienste im Dome wohnten auch Se. Majestät der König und Ihre königlichen Hoheiten der Prinz Karl, der Prinz Avalbert und Prinz Friedrich bei. Dieselben wurden, als sie die Kirche verließen, von der draußen harrenden Volksmenge mit lautem Jubel empfangen. Ein ähnlicher Empfang wurde auch dem General v. Wrangel zu Theil , als die Volksmenge ihn beim Herauskommen aus der Kirche erblickte.
Berlin, 7. Februar. (Konst. Ztg.) Ueber die Feier des gestrigen Tages tragen wir noch Folgendes nach: Morgens früh riefen die Glocken zu der Feier des Gottesdienstes. Auf der Freitreppe des Doms halten die Veteranen-, Schützen- und Jägerkorps in ihren Uniformen eine Ehrenwache und Spalier gebildet, durch welches Se. Maj. der König und die königl. Prinzen bei ihrem Ein- und Austritt aus der Kirche hindurch schritten, jedesmal von den zahlreich versammelten Zuschauern mit freudigem Zurufe begrüßt. Nach der Tafel unterhielt sich der König viel mit einzelnen Abgeordneten auf das Leutseligste. Unter anderen ließ er durch den Minister v. Manteuffel den Vicepräsidenten der zweiten Kamme?, Herrn Simson heranrufen, und sagte ihm, nachdem er einige Fragen