Neue Hessische Zeitung.
Organ der konstitutionellen Partei.
Sonntag, 10. Februar 1850. ^^ 60e Morgen - Ausgabe.
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Die griechische Angelegenheit.
Die politische Welt hallt seit einigen Tagen von einem Ende zum anderen von den Gewaltmaßregeln wider, welche England kürzlich gegen Griechenland in Betreff etlicher noch unerledigter Beschwerden ergriffen hat. Die Nachrichten, welche uns darüber bis jetzt zugrgangen sind, erzählen bloß die letzten Thatsachen , den äußeren Ausbruch der Mißhelligkeiten. Sie sind uns durch österreichische, baierische und zum kleineren Tbeil durch französische Vermittlung geworden. Sie enthalten sämmtlich Verwünschungen des edlen Lords, welcher feit Jahren die Erbitterung der hohen Diplomatie so oft auf sich gezogen hat, und Lobpreisungen des vortrefflichen Benehmens der russischen, österreichischen und französischen Vertreter. Sie sind ganz in der Art gehalten, wie man seit lange her gewohnt ist, etwa in der Augsb. Allg. Ztg. die orientalische und namentlich die griechische Angelegenheit besprochen zu sehn, wornach die Russen sich wie die Engel betragen, von den fatalen Engländern aber nichts als Unheil herrührt.
Niemand ist geschwinder dabei gewesen, in dieses Zeter einzustimmen und allen Zorn gegen die herrschsüchtige, brutale, ungerechte Nation des Westens aufzuwenden, welche das schwache, schutzbedürftige, harmlose Schoßkind der großen Mächte so hart und unpoetisch behandle, — als die Deutschen, und vor Allen die recht liberalen, konstitutionellen Deutschen Blätter. Es macht das gewiß ihrem guten Herzen und ihrer Liebe für das goldne Hellas alle Ehre: ob es aber von politischem Takte und Derjenigen Besonnenheit zeuge, deren eine Nation sich stets befleißigen soll, zumal wenn sie eben zu politisiren anfängt: dieses ist eine andere Frage.
Zwar haben sich einige Blätter, z. B. die Constit. Zeitg. mit dem bloßen Berichte der erschrecklichen Thatsachen nicht begnügt und sich allerdings auch nach einer Motivirung derselben umgesehn. Sie meinen, das Ganze rühre von der Rachsucht des Lord Palmerston her, welcher nun einmal Griechenland nicht leiden könne. Auch hat man lesen müssen, die Eifersucht, welche England gegen Vie Anfänge der griechischen Marine hege, werde wohl mitgewirkt haben.
Diese Erklärungsarten dürften wohl kaum als befriedigende gelten können. Es ist uns deßhalb eine wahre Erquickung gewesen, als wir in der Köln. Zeitung 'einen Leitartikel fanden, der sich zwar im Ganzen dem herrschenden Geschrei anschloß, inzwischen doch zu einer gründlicheren Betrachtung dieser Angelegenheit wenigstens Bahn gebrochen hat. Er gesteht nämlich, was Die tiefer liegenden und wahren Ursachen des Ereignisses betrifft: „Da wir nicht, wie Münchhausen, einen Diener besitzen, welcher das Gras wachsen hört, so fühlen wir uns nicht im Stande, tantas coniponere lites. Lord Palmerston ist allerdings mit seinem gewöhnlichen Ungestüm verfahren, Der zuweilen nicht am rechten Orte ist. Im Uebrigen scheint uns die Angelegenheit nicht hinlänglich aufgeklärt, um darüber abzuurtheilen. Dagegen reichen Die bekannten Thatsachen aus, sich klar und bestimmt Rechenschaft ru geben, aus welche Punkte es bei Deren Beurtheilung ankommt. Zuerst natürlich daraus, ob die Rechtsansprüche, welche England erhebt, begründet, ob wirklich englische Unterthanen beraubt, gemißhandelt und mit Ruthen gestrichen worden sind.--- Es entsteht sodann die fernere Frage: Ist der angegriffene
Staat lin civilisirter, in welchem cs möglich ist, auf ordentlichem Rechtswege gerechte Ansprüche zu befriedigen? Wir wollen diese Frage nicht entscheiden, jedoch bemerken, daß ein angesehenes, gegen Lord Palmerston stets feindseliges Journal über Griechenland bei dieser Gelegenheit folgendes Zugeständ- niß macht: „Daß die griechische Regierung trotz der 1844 von Der Krone erzwungenen freisinnigen Verfassung durchaus nicht die geringste Achtung verdient, ist leider zu bekannt. Zu schwach, um Ordnung zu erhalten, erstorben gegen jedes Gefühl nationaler Würde; ohne Die gewöhnlichsten Begriffe der Ehre und des Rechtes, hat sic die brutalsten und schändlichsten Ercesse zur Erreichung ihrer Zwecke aufgemuntcrt, hat ihre Schulden und Verpflichtungen auf die betrügerischste Weise unberücksichtigt gelassen u. s. w. Sollte eine solche Regierung vielleicht nicht als eine solche zu betrachten sein, von welcher Forderungen auf dem Wege des Rechtes beizutreiben sind, so würde England, wenn es nach Erschöpfung aller gütlichen Mittel zur Gewalt seine Zuflucht nimmt, nur einer hergebrachten Praxis und dem Beispiele folgen, welches Frankreich gegen Mexiko, Marokko und den Dep von Algier gegeben hat, Den es eines Fächerschlages wegen seines Landes beraubt hat"; — und knüpft hieran folgende sehr passende Bemerkungen an: „Da wir uns versagen, auf alle diese Fragen eine bestimmte Antwort zu geben, so wollen wir wenigstens mit einer unbestreitbaren Wahrheit schließen: Nicht an uns, nicht an der konstitutionellen Partei des Festlandes ist es, blindlings den englischen Staatsmann zu verdammen und stürzen zu helfen, dessen Name fast gleichbedeutend ist mit Freundschaft gegen das konstitutionelle System, Feindschaft gegen den Absolutismus. Oder wenn auch dieser Satz noch bestrillen werden könnte, so wollen wir mit einem Wunsche schließen, mit Dem jeder Deutsche einverstanden sein wird: Gebe Golt, daß der Tag nahe sei, wo jeder Deutsche in fremdem Lande eines so aufmerksamen und wirksamen Schutzes seiner Person und seines Eigenthumes sicher ist, wie der geringste Unterthan Ihrer Majestät der Königin von Großbritannien!"
Die Verhandlungen Der beiden Häuser vom 5. auf Die erste Kunde des Vorfalls sind inzwischen bekannt geworden. Sie werden, sobald die Akten vorgelrgt sind, zu einer in die Sache tiefer eingehenden Erörterung führen. Aber schon jetzt konnte cs auffallen, wie lau die ganze Sache von Den Todfeinden des Ministers behandelt worden ist, welche sicherlich nicht versäumen würden, diese Gelegenheit ganz anders aus- zubeuten, wäre das Unrecht wirklich so bodenlos, als es uns im russisch - österreichisch - baierischen Prisma vargcstcllt worden ist. Schon jetzt können wir aus Torp bl ältern vernehmen, daß sich Die Sache ganz anders verhalte, als sie in Wien vargestellt werde und daß Lord Palmerston namentlich Rußland gegenüber, im Rechte sei.
Es Dürfte deßhalb wohl gerathen scheinen, in dem sittlichen Zorne über Die englische Derbheit, welche auch hier Statt gefunden haben mag, nicht sofort das Kinv mit dem Bade aus- zuschütten, vielmehr über den Kern Der Sache das Urtheil bis zur vollständigen Ermittelung des Thatbestandes zu >us- pendiren. Einstweilen möge man sich daran erinnern, daß das in seiner inneren und äußeren Politik seit Jahren unter- russischer Herrschaft dahin vegetirenbe Griechenland für England — und nicht bloß für England — doch noch etwas