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Neue Hessische Zeitung.

Organ der konstitutionellen Partei.

Sonnabend, 9. Februar 1850. J\g 68» Abend-Ausgabe.

Deutschland.

T Kassel, 8. Febr. Im Wahlkreise Eschwege, in welchem die Abgeordnetenwahl aus den 14. v. M. anberaumt ist, haben zuverlässigen Mittheilungen zufolge von 8697 Min- kerbesteuerten 3932, von 3723 Mittelbefteuerten 1149 und von 771 Höchstbesteuerten 315, im Ganzen also von 13,191 Wahlberechtigten 5396 ihr Stimmrecht ausgeübt. Die Wahlbetheiliguug stellt sich also auch in diesem Wahlkreis zwischen % und */2, ungefähr zu % der Berechtigten heraus.

f Kassel, 8. Febr. Denjenigen, welche von der Vor­aussetzung auegehen, daß ein Landtagsabgcorkneter in der Ständeversammlung über thatsächliche Verhältnisse nur nach vorgängiger deßhalbiger gewissenhafter Information rede, und welche daher der, von dem Herrn Abg. Gräfe in der Siz- zung vom 6. d. M. über Postverhältnisse gethanenen Aeuße­rung Glauben beizumessen geneigt sein möchten, macht hier­mit ein Sachkundiger die Mittheilung, daß dieberüchtigte" Aktentaxe zwar noch in anderen Postgebieten, aber schon seit geraumer Zeit nicht mehr bei den taxisschen Posten besteht. Daß Herr Gräfe wie die Kass. Allg. Ztg. auf pag. 256 referirt neben der speciellen Aeußerung über die hiesigen Porlotaxen auch vonder mangelhaften und drückenden Ver­waltung der Thurn und Taxisschen Posten, die eine wahre Kalamität für das Land sei," geredet habe, scheint nach dem Referate auf pag. 260 der N. Hess. Ztg. auf einem Mißver­ständnisse zu beruhen. Anderen Falles würde auch sicher der Herr Landtagskommissar den Redner zu einer näheren Be­gründung eines so herben Tadels gegen die, eineu Zweig der Staatsverwaltung bildende, Postanstalt aufgefordert haben.

Frankfurt, 2. Februar. Die Reihen derGroßdeut- schcn" lösen sich auf; Hrn. v. Blittersvorf's Enthüllungen in der vorgestrigen und gestrigen Nummer der ObcrpostamtSzei- tling haben diese Wirkung hervorgebracht. Das laute Getöse von der Einigung unter den vier kleinen königlichen Regie­rungen drohte zur schmählichsten Anklage wider das Groß- dcutschthum zu werden, da es sich erwies, daß man gelogen habe, und da die Absicht, weßhalb es geschah, klar an den Tag trat. Hr. v. Blittersdorf, dieser kühne Mann, der nach der Märzbcwegung mit der größten deutschen Kokarde am Hut auf den Gassen Frankfurts gesehen wurde, glaubte das Steuer bei solcher Gefahr ergreifen und die Ehre des Groß- dculschthums retten zu müssen. Er beschwor die höllischen Geister, welche einst das Vaterland zerrissen, erniedrigt und kann der Revolution prcisgcgcben batten, zu sich herauf. Das Gespenst" kam und stand ihm Rede, und was aus der Un­terwelt A-ges für Deutschland zu rathen war, vernehmen unsere Ohren durch den Mund des Geistersehers, der seine Worte mit der infernalen Prophezeiung schloß:das Ge­spenst werde sich später in Fleisch und Blut verwandeln." Und siehe da! noch glaubten wir zu träumen, als schon der schneidende Luftzug einer eisigen Wirklichkeit folgte, und Herr v. Blittersdorf jene Vorschläge des Hrn. v. v. Pfordten ent­schleierte, von denen uns gesagt war, daß in ihnen die Summe dessen enthalten sei, was ein höherer Verstand, als der im Drikönigsbündniß, eine reichere Gewährung an Ein­heit und Freiheit, als diejenige des Bundesstaates mit preu­ßischer Spitze, der harrenden Nation zu bieten habe. Hr. v. Blittersdorf sprach; seine Rede war die des Hrn. von der Pfordten, aber ein Schrei des Entsetzens antwortete darauf aus jeder deutschen Brust. Jetzt endlich gewann der vage Begriff:Kontrerevolution" seine konkrete Form. Darum

hatte Baiern den Bundesstaat verworfen, um wieder zum Bundestage zurückzukehren; Hr. v. Blittersdorf, der entschie­denste Reaktionär, konnte sich mit diesem Plan befreunden, ihn befürworten: wahrlich, wir hatten das Großveutfch- thum nie gefürchtet, jetzt aber erschien es uns in seiner nack­ten Erniedrigung fast bemitleidenswerth. Ein Bundestag, auf der Zersplitterung Deutschlands angelegt, ein Reich, in dessen Umfang fremde Nationen hereingezogen werden, um die eigene deutsche Volkskraft zu ersticken, das sind die Vor­schläge , welche Hr. v. b. Pfordten durch den Mund seines Dolmetschers machen läßt. Und gegen kiese, glaubt er, wird man den Bundesstaat Hingeben; gegen sein Staatenhaus das Volkshaus opfern? Weil er nicht an Deutschland, sondern nur an Baiern denkt, meint er, die deutsche Nation solle ihm zu Gefallen auf ihre Existenz verzichten, sie werke sich dem Verfall uno der Knechtschaft fügen, weil der baierische Mini­ster ihr ein einiges und freies Dasein mißgönnt? Nach so ungeheurer Enttäuschung lösen sich, wie gesagt, die Reihen derGroßdeutschcn"; was nicht versinken will, scheidet von dem Irrlicht, dem man so lange gutgläubig nachging. Ein allgemeines sauve qui peut ist die Erwiderung auf den Vorschlag, über den die Regierungen noch berathen und den sie sich aneignen mögen, wenn ihnen die Entfremdung vom Volke Vortheil verheißt. Wir hören bereits solche, denen der Bundesstaat wenig Vertrauen einflößte, offen ihre Zu­stimmung zu demselben erklären. Sie wollen ein schmachvoll durchlebtes Menschenalter und die Leiden der letzten beiden Jahre nicht ohne die Lehre überwunden haben, sich vor grö­ßerem Unheil zu bewahren. Der Bundesstaat wird daher Allen als einziger Rettungsanker erscheinen, und wir dürfen nach den jetzigen Enthüllungen erwarten, daß es sich im geg­nerischen Lager nicht mehr um die Frage handelt: ob das Ziel der Nation überhaupt, sondern ob mit Ausschluß der irregeführten s. g. Großdeutschen erreicht werden soll. Letzteres wird schwerlich im Willen derer liegen, die das Bedürfniß, auf dessen Befriedigung der Bundesstaat abzweckt, jemals empfunden haben. Auch kann es als höchst charakteristische Thatsache gelten, daß, wie man erzählt, öftere Stimmen hie­siger Blätter gegen den Bundesstaat nicht aus dem Volksbe- wußtsein hervorgehen, sondern daß sie die sehr vereinzelten Aeußerungen eines Diplomaten sind, der ihnen im Wege der Drohung Eingang zu verschaffen weiß. Es würde zur nicht geringenBelustigung" gereichen, alle Artikel aus der Fever dieses Mannes zusammenzusteUen, der die seltene Gabe besitzt, hier in Frankfurt nicht nach, sondern aus Den verschiedensten Orten zu korresponviren, wobei gewiß die Wahrheit sehr zu kurz kommt, da er selber in der maßlosesten Weise über das Unvermögen Anderer schilt, sie mit eigenen Augen, also an Ort und Stelle, aufzufinden. Daß unter solchen Umstän­den die hierher gelangten Vorschläge Oesterreichs für eine materielle Einigung mit Deutschland nicht geeignet sind, be­sonderen Eindruck zu machen, bedarf wohl kaum der Erwäh­nung. Sagt sich doch Jeder von selbst, daß erst die beiden Zollgebiete in Deutschland mit einander verschmolzen sein müssen, ehe man an eine Handelseinheit mit Oesterreich den­ken sann; Gebt jenes nicht vorher, so führt Vas österreichi­sche Projekt zur Trennung Deutschlands und wird damit bas wirksamste Mittel, den " v. V. Pforvtcnschen Reaktionsplan durchzusehen. Es liegt daher im Interesse Deutschlands, ab­zuwarten, ob die inneren Verhältnisse es erlauben werden, eine Verbindung einzugehen, die wahrlich dadurch am wenig-