Einzelbild herunterladen
 

Neue Hessische Zeitung.

Organ der konstitutionellen Partei.

Freitag, 8. Februar 1850. J\@ 66» Morgen - Ausgabe.

Diese Zeitung erscheint mit Ausnahme der Sonntage und Sonnabende täglich zwei Mal. Sonntags wird ein Unterhaltungsblatt beigcgeben. Die Morgen-Attsgabe wird von 7,11 bis 12 Uhr, die Abend - Ausgabe in Kasiel von 5 bis 7 Uhr expedirt. Sonnabends erfolgt die Ausgabe nur'Abends, Sonntags nur Morgens. Man abonnirt bei allen löblichen Postämtern, in Kassel in der Luckbardt'schcn und Vollmann'schcn Buch - und Kunsthandlung. Der Äbonnemcutspreis beträgt halbjährlich 3 Thlr., vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., wofür alle kurhessischen Postämter das Blatt ohne Aufschlag liefern. Anzeigen werden mit 1 Sgr. für den Raum einer Pctitzeile berechnet.'

Dentschlanb.

Marburg, 6. Februar. Die Wahlen zum Erfurter Reichstag sind nun auch hier im -Gange, in denen sich leider die deutsche Uneinigkeit abspiegelt. Aus der Wahl der drit­ten Klasse ist nur ein Wahlmann hervorgegangen, der Ober­bürgermeister Uloth. Für die zwei anderen Wahlmänner muß die Wahl wiederholt werden. Eben so hat die Wahl der Höchstbcstcuerten in Betreff des dritten Wahlmannes zu kei­nem Resultat geführt. Die zwei Gewählten sind der Buch­händler Elwert und der Apotheker Heß. Die Wabl der zwei­ten Klaffe ist auf den Bierbrauer Lederer, den Sractsekretar Mütze und den Mühlenbesitzer Sander gefallen. Ueber den Erfurter Reichstag herrschen insbcsvnkece unter den Landleu­ten die seltsamsten Begriffe. Viele äußern, sie wollten Hessen bleiben und nicht preußisch werden, sie wollten nicht für den Kurfürsten und auch für den König von Preußen zahlen, ein Regent wäre hinlänglich. Sie wählten daher gar nicht. Die frankfurter Nationalversammlung habe genug vergebliche Kosten gemacht. Da die Wahlmänner zur Wahl des Depu- tirten wohl vor 14 Tagen nicht zusammentreten werden, so ist ein Wort über die Person des letzteren noch n:cht für ver­spätet zu erachten. Daß bei demselben nicht Kenntnisse und Erfahrungen in einzelnen Zweigen des bürgerlichen Gemein­wesens, in Landwirthschaft, Handel und Gewerbe, auch nicht juristische Kenntnisse genügen, sondern eine eigentlich staats­männische Bildung erforderlich sei, bedarf keiner Ausführung. Da bei dem zu beschickenden Reichstage die hessischen Inter­essen, wenn schon ohne separatistische Tendenz, also in einem untergeordneten Verhältniß, eine Vertretung verlangen, so wird der Gewählte auch von den hessischen Zuständen und Bedürfnissen, von der gesummten Entwickelung unseres kon­stitutionellen Lebens eine genaue Kenntniß besitzen müssen. Wir erlauben uns nun, namentlich für Marburg, auf einen Mann die Aufmerksamkeit zu richten, welcher die gedachten Eigenschaften in vollem Maße besitzt: auf den Geh. Lega­tionsrath Jordan. Er hat seine politische Einsicht und Gesinnung nicht bloß durch Phrasen, die wohlfeil genug, sondern durch die That bewährt, er hat sich durch seine ener­gische Wirksamkeit um unser Vaterland vielfach verdient ge­macht. Er ist nicht in dem Fall, die Stellung auf den Reichstag als Mittel für Privatzwccke zu benutzen. Die Dankbarkeit ist auch eine politische Tugend, und wir sind zu der ersteren um so mehr verpflichtet, da Jordan, der frü­her so hoch Gefeierte, in der neuesten Zeit, namentlich in Marburg auf eine unwürdige Weise geschmäht worden ist. Daß er sich selber untreu geworden, kann nur Unverstand und Böswilligkeit meinen, in dem verwerflichen Glauben, der ehrliche Mann, welcher für seinen Freimuth Schmach und Kerker geduldet, verwandle sich über Nacht in einen ehrlosen Schelm.

T Hersfeld , 6. Februar. Zur gestern Statt gehabten Wahl des Reichstagsabgeordneten für den Wahlkreis Hers­feld erschienen, ungeachtet der höchst ungünstigen Witterungs­verhältnisse, 93 Wahlmänner, von welchen in erster Abstim­mung Staatsprokurator Pfeiffer zu Rotenburg mit 57 Stim­men gewählt wurde. Von den übrigen Stimmen fielen 32

auf den Geh. Rath Schwedes zu Kassel, 3 auf den Oberge- richtsvirektor Rommel zu Rotenburg und 1 auf den Oberge­richtsanwalt v. Mülbner daselbst. In einer Vorberathung ter Wahlmänner wurde außer Pfeiffer und Schwedes auch der Geh. Reg.-Rath Duysing zu Kassel als Kandidat ausgestellt. Bei der im Wesentlichen gleichen politischen Richtung der drei Kandidaten, die namentlich in Erfurt alle drei gleichmäßig für schleunigsten Abschluß des Verfassungswerkes wirken wür­den, war die Auswahl zwischen denselben eine reine Personen- frage. Während für Schwedes und Duysing namentlich auch deren reiche Kenntniß und Erfahrung im Gewerbe- und Han­delswesen, in Zollverhältnissen rc. geltend gemacht wurde, sah sich doch die Majorität nicht veranlaßt, von ihrem schon früher öffentlich aufgestellten Kandidaten abzugehen, zumal vielfach die Hoffnung ausgesprochen wurde, daß auch den bei­den verdienstvollen Männern, deren Kandidatur von anderer Seite vertheidigt war, zu einer heilsamen Thätigkeit in Erfurt, sei es durch die Wahl eines anderen Wahlbezirkes, sei es durch Berufung in das Staatenhaus, die so sehr wünschens- werthe Gelegenheit werbe zu Theil werden.

z/ Fulda. Die öffentlichen Sitzungen des Stadtrathes, wenn auch schwach besucht, bieten doch des Interessanten so Mancherlei dar, daß sie sattsamen Stoff der Besprechung her­beiführen. Zuerst ist die Art der Geschäftsbehandlung über­haupt ein auffallender Gegenstand. Mit einer Hast, die man sogar eine Ucberstürzung nennen kann, wurden einige für die Kämmereikasse und das öffentliche Interesse besonders wichtige Angelegenheiten behandelt und zur Erledigung gebracht, aus denen man überall mehr persönliche Rücksichten, als Be­zugnahmen aufs Wohl der Stadt folgern konnte. Wir erin­nern hier an die 800 fl. Gratifikation und an die völlig improvisirte Dienstbesetzung der erledigten Fleischwieger-SleUe. Wenn nicht außer dem Sitzungslokale eine vorherige Verstän­digung und Besprechung Statt gefunden hätte, so müßte man das Verfahren bei diesen Gelegenheiten als ein förmliches Ueberrumpeln und Gcfangennchmen der Stadtrathsglieder be­zeichnen. Der dirigirende Vorstand hat bei dergleichen Erleb­nissen immer seine liebe Noth, um die Galoppireilden im ge­setzlichen Geleise zu erhalten und darüber zu wachen, daß die Diskussionen kein spanisches Ansehen gewinnen, da es an Pi­keurs und BandcUetten - Schwingern niemals fehlt. Wenn man den Aeußerungen mancher Votanten auf den Grund blickt, so sollte man glauben, man vernehme jenen al­ten, klassischen ftanzösischen Dynasten, der da sagte: ,.Der Staat bin ich. Mein Wille und mein Vergnügen ist Gesetz!" Unter anderen Vorkommenheiten wurde auch von dem hier gebildeten Central - Eisenbahn - Ausschuß- Komite die Mitwirkung des Stadtrathes gewünscht, durch eine besondere Deputation im Einverständnisse des Bürgervereins, eine gewisse Thätigkeit zu entwickeln, viel­leicht Vorschüsse aus der Kämmereikasse zu allenfaUftgen De­putationen nach Kassel zu verwilligen?!! Der Oberbürger­meister hat sich nicht darauf eingelassen, im Rückblick auf die Vorgänge vom Jahre 1841. Die fünf Mitglteder des da­maligen Eiscnbahnkomitës, welche durch Hrn. Dr. Herquet 200 Thlr. in gleichen Theilen zu ihren Ausgaben in Kassel erhielten,