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Neue Hessische Zeitung.

Organ der konstitutionellen Partei.

Donnerstag, 7. Februar 1850. JV 64# Morgen - Ausgabe.

Diese Zcitunq erscheint mit Ausnahme der Sonntage und Sonnabende täglich zwei Mal. Sonntags wird ein Unterhaltungsblatt beigcgcben. Die Morgen-Ausgabe wird von 7,11 bis 12 Uhr, die Abend - Auggabe in Kastel von 5 bis 7 Uhr exoedirt. Sonnabends eriolat die Ausgabe nur'Abends, Sonntags nur Morgens. Man abonnirt bei allen löblichen Postämtern, in Kassel in der yiitfbarbtl^en und Vollmann schcn Buch - und Kunsthandlung. Der ÄbonnemcntSpreis beträgt halbjährlich 3 Thlr., vierteljährlich 1 Tblr. 15 Sgr., wofür alle kurhessischen Postämter das Blatt ohne Aufschlag liefern. Anzeigen werden mit 1 Sgr. für den Raum einer Pctitzeile berechnet.

Kassel, 7. Februar 1850.

Mildem sicherer Nachricht zufolge gestern in der preuß. Haupt­stadt vollzogenen feierlichen Akte ist die deutsche Geschichte endlich an dem großen Wendepunkte angelangt, der durch die Fort­schritte und Stürme dieses Jahrhunderts vorbereitet, den Ab­schluß seiner ersten Hälfte bedeutsam genug zugleich als Ab­schluß von deren innern Geschichte und als den Anfang einer ganz neuen und großen Entwicklung bezeichnet.

Die schlimmen Möglichkeiten, von denen wir in den jüngst verwichenen Tagen der Krisis, durch düstere Zeichen beun­ruhigt, ausgegangen sind, um auch ihnen die vernichtende Kraft abzusprechen, welche sie für die Zaghaftigkeit zu be­sitzen schienen, sie sind nicht eingetreten. Die letzte Verstän­digung, deren Mißlingen den Abschluß des großen Werkes bedrohte, ist erfolgt, die Begründer und Vorkämpfer des deutschen Bundesstaates stehen heute fester als je vor Deutsch­land da, und durch die feierlichen Eide, welche von gestern an ein religiöses Volk und einen religiösen König an eine Re­präsentativ - Verfassung fesseln, ist Preußen unwiderruflich in die Reihe der Freistaaten des westlichen Europa eingetreten.

Dieser Augenblick ist uns zu groß, um an der Frage nach der Art und Weise herum zu mäkeln, wie er heraufgeführt wurde. Es ist wahr, die Mehrheit der preußischen Volksver­treter hat sich in der letzten Stunde von ihren früheren Ab­stimmungen etwas abdingen lassen, und die Männer, die wir zu unserer Partei zählen, haben sich dieser Nachgiebigkeit stand­haft widersetzt. Aber auch der andere Theil, von welchem jetzt der heilige Vertrag für alle Zukunft geschlossen ist, auch die Krone hatte sich gegen jegliches AblKngen erklärt, und auch sie hat zuletzt sich wesentliche Aenderungen gefallen lassen. Mögen diese und noch viel andere Dinge, welche jenseits der Markscheide eines neuen Lebens liegen, in dem Augenblicke vergessen sein, wo der Staat aus dem wüsten und schwanken­den Zustande des Kampfes und der Gährung endlich eine feste Gestalt, ein festes, unverbrüchliches Grundgesetz, eine feste organische Entwickelung gewonnen bat.

Auch der Inhalt der neuen Verfassung und die letzten Aenderungen, welche ihrem Abschlusse vorhergingen, können an dem Gewichte der großen Thatsache nichts ändern. In dem einen wesentlichen Punkte, dem Schwurgerichte für große poli­tische Verbrechen, das aber nicht einen lokalen, sondern einen nationalen Charakter tragen soll, wird die unparteiische Be­trachtung nur einen Fortschritt erkennen. Was den andern Punkt, die teilweise Paine betrifft, so gehören wir gewiß nicht zu deren Anhängern, sind aber deßhalb doch nicht ver­blendet genug, um einer Verfassung deßhalb ihr Dasein und ihre Wahrheit absprechen zu wollen, weil in dem Ober- Hause das Princip der Erblichkeit eine sehr beschränkte Gel­tung gefunden hat.

Noch Niemand hat die englische Verfassung um deswillen für eine Chimäre erklärt, weil dort die Erblichkeit fast aus­schließend das Eine Haus bildet. Auch die Konstitutionen der kleinen deutschen Staaten, welche bis zum Jahre 1848 mit erblichen Elementen von ganz anderer, oft viel weniger be­rechtigter Natur behaftet waren, sind wahrlich nicht um dieser Bestandtheile willen so unbedeutend geblieben, sondern einzig

und allein aus dem Grunde, weil eben Preußen nicht dersel­ben Verfassung sich erfreute.

Der preußische Staat hat jetzt eine Verfassung. Um die Größe dieses Wortes zu begreifen, möge man sich alles des­jenigen erinnern, was seit einem halben Jahrhundert die größ­ten Geister, die edelsten Herzen, die tiefsten Intelligenzen Deutschlands erstrebt und ersehnt haben. Das Ziel, welches Männern wie Stein und Hardenberg vor der Seele stand, der Punkt, den seitdem die Staatsmänner und Patrioten, je eifriger sie sich mit des Vaterlandes Größe beschäftigten, um so inniger als den unerläßlichen Anfang einer ehrenvollen und gedeihlichen Zukunft erkannten und herbeizuführen suchten, er ist erreicht. Die breite parlamentarische und freiheitliche Ba­sis ist geöffnet, auf welcher die öffentliche Meinung im edel­sten Sinne des Wortes den Geschicken und der Thätigkeit des Staates voranzuschrciten vermag. Nicht Willkühr und Laune können mehr herrschen, nicht kleine und schlechte Interessen können mehr entscheiden; aber auf dem ruhigen und unwider­stehlichen Wege des Gesetzes ist den großen und guten Ge­danken des Volkes der sichere Siegesgang verbürgt.

Sollen wir noch besonders nach dem kümmerlichen, oft bedrohten, nie genügend gewährleisteten Stillleben unserer eignen kleinen kurhessischen Geschichte die Größe der Bürgschaften er­messen, welche jetzt in Preußen doch auch für uns festgestellt und beschworen worden sind? Oder wollen wir nicht lieber, da diese Betrachtung zu eng scheinen könnte und in der That allzunahe liegt, den Blick hinausschweifen lassen über das ganze große Vaterland und über dessen Grenzen hinaus? Hin­aus über die Meere, in jene Ferne, wo es den deutschen Namen wieder zu Ehren zu bringen, wo cs den deutschen Handel zu schirmen und zu pflegen, den deutschen Einfluß zu begründen gilt? Es kann nicht fehlen, daß alles dieß geschehe von dem Tage an, wo die großen Kräfte, welche in dem deutschen und vornehmlich im preußischen Volke ruhen, selbst­ständig und frei werden von dem lähmenden Alpe östlicher Despotie. Sie find frei, unwiderruflich frei und selbstständig geworden von dem Tage an, wo Preußen aus der absolu­tistischen in die freie Nepräsentativverfassung herüber getreten ist.

In dieser Bedeutung, welche der gestrige Tag für die Freiheit daheim, wie für die Ehre draußen hat, liegt aber auch seine entscheidende Wichtigkeit für die deutsches Ein­heit, für den deutschen Bundesstaat. Mögen mancherlei Ge­fahren und Zufälle zunächst den äußeren Bestand, die äußere Form der bundesstaatlichen Einheit umschwärmen. Was ist daran im Ganzen und Großen gelegen, sobald der Kern und das Wesen feststeht und gesichert ist? Der Kern und das Wesen des deutschen Bundesstaates aber ist doch die Grün­dung und Ausdehnung einer freien und deutschen Politik in Deutschland.

Preußen ward an die Spitze dieser Politik gestellt und sein König zur Führung berufen, nicht um seiner schönen Au­gen willen, sondern weil nur im preußischen Staate die in­neren Bedingungen zu solcher Aufgabe lagen. Durch seine Verfassung ist jetzt Preußen auch äußerlich und vollständig zu solcher Aufgabe befähigt, ja es ist jetzt sogar durch den Fort­gang seiner ganzen Entwickelung dazu genöthigt.