Neue Hessische Zeitung.
Organ der konstitutionellen Partei.
Donnerstag, 24. Januar 1850. ^^ ^O» Morgen - Ausgabe.
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Die Verfassungs-Krisis in Preußen und der deutsche Bundesstaat.
II.
Wir haben uns int vorigen Artikel die Folgen nicht verhehlt, welche aus dem ungünstigen Ausgange der preußischen Verfassnugskrise für den Konstitutionalismus in Preußen, für die Begründung des öffentlichen Rechtszustandes in Deutschland und insbesondere für den Fortgang unserer bundesstaatlichen Bestrebungen hervorgehen werden.
Aber man wird weiter gehen und an die Folgen Folgerungen knüpfen, wie sie von der bekannten Manier und Taktik unserer radikalen Gegner rechts und links, wie sie aber auch von der, jeder Mittelpartei und ganz besonders der deutschen Mittelpartei, eigenthümlichen Zaghaftigkeit, gar nicht anders zu erwarten sind. Das laute Geschrei der Einen, der Schrecken und die Befürchtungen der Anderen werben sich der Thatsachen bemächtigen, und statt ihnen fest ins Auge zu schauen unk zum Guten zu wenden, sie dort unkenntlich machen, hier ganz aus dem Gesichte verlieren.
Weil der Konstitutionalismus in Preußen noch an einem wesentlichen Puukte krankt, wird man ihn, der Geschichte unk tausend Thatsachen zum Trotz, ganz hinwcgläugnen; weil die konstitutionelle Partei noch nicht an das Ziel ihrer Bestrebungen gelangt ist und den letzten unausbleiblichen Sieg noch nicht errungen bat, wird man sie ohne Weiteres für vernichtet erklären; weil das Zustandekommen des deutschen Bundesstaates von neuen Gefahren bedroht ist, wirk man sofort dessen Unmöglichkeit behaupten.
Die radikalen Stimmen links lassen sich bereits in dieser Art vernehmen; doch liegt hier dieses Mal die mindere Gefahr. Ihnen geht es wie dem Lügner tu ker Fabel, dem Niemand mehr glauben will, auch kann nicht, wenn er einmal . die Wahrheit reden sollte. Gefährlicher ist ker Radikalis- mus rechts, welcher weniger schreit als handelt, jener Faklions- geist,welchem in diesem Augenblicke mehr als Phrasen, welchem das Ohr des Königs zu Gebote steht.
Am gefährlichsten aber würde in diesem Augenblicke die Muthlosigkeit der Konstitutionellen sein, wenn sie sich von den Einen bethören und vor den Andern feig das Felv räumen wollten.
Es ist wahr, die Einführung des konstitutionellen Lebens in Preußen und ker deutschen Politik wirk vielfach gehemmt und verwirrt durch die unglückliche Konstellation, welche es nun einmal nicht gewollt hat, daß Preußens große Mission unter den Auspicien eines großen Friedrich vor sich gehe. Die eigenthümlichen Gaben und frommen Neigungen des gegenwärtigen Königs, die im fcstbegründetcn konstitutionellen Staate vielleicht zu dessen Verherrlichung, unk schwerlich zu sonderlichem Schaden gereichen würden, werden zu Hindernissen in dem Augenblicke, wo cs darauf ankommt, nicht mit romantischen Trieben, sondern mit nüchternem, gesundem Menschenverstände den Staat erst fest zu begründen. In einem solchen kritischen Momente bildet sich leider aus allzu vielen Talenten das unglückselige Talent, im besten Augenblicke Alles zu verderben. Es ist wahr, daß der absolute Herrscher einer europäischen Großmacht, erfüllt von der Erinnerung großer Ahnen
und einer ruhmvollen Geschichte, getragen durch die monarchische Gesinnung seines Volkes, sich nur schwer und allmählich an die Konsequenzen der bürgerlichen Freiheit und an die nothwendigen Bedingungen eines freien Verfassungsstaates gewöhnen kann — unk kaß kiese Aufgabe ker Persönlichkeit des gegenwärtigen Königs besonverS schwer fallen mag. Es ist wahr, daß die konstitutionelle Verfassung in Preußen längst fertig und zur Wahrheit gelangt wäre, wenn nicht die nichis- würvigen Einflüsse einer Partei, denen zu allen Zeiten an ihren Zehnten und Gefällen und Fideikommissen mehr gelegen war, als an dem Heile der Nation, immer neue Steine in den Weg geworfen hätten.
Aber eben, weil dieses Alles wahr ist, deßhalb liegt durchaus kein Grund vor, am endlichen Siege des Konstitutionalismus in Preußen zu verzweifeln. Eben weil es bloß Eine Person und Eine Clique ist, die sich dessen konsequenter Durchführung noch in cen Weg stellt, wird kiese Durchführung um so sicherer gelingen. Denn Eine Person unk kie zufällige Stellung jener Clique vermag nur vorübergehenke Schwierigkeiten zu bereiten. Wo ein neues Princip unk eine neue Ordnung bereits überall zum Durchbruch gelangt ist, wo fast das gesammte Staats- und Volksleben von ihm kurch- krungen ist, wo ihm alle Kräfte kirnen, ka vermag ein Einzelner unk wäre er auch ein König und standen zehn Gerlachs hinter ihm, diese in der Natur der Dinge liegende Entwickelung nicht mehr auf die Dauer rückgängig zu machen. So ist es aber doch, wie Jeder zugeben muß, in Preußen.
Doch davon im nächsten Artikel.
Deutschlanv.
chch Kassel, 23. Januar. Unter den Bestimmungen des Forstverwerthungsgesetzes, welches gegenwärtig kein landstan- kischen bete. Ausschüsse wieder vorliegt, ist es, überraschend genug, Vie Ucberweisung Der Holzvertheilung an Die Bürgermeister gewesen, Die auf besonders lebhaften Widerspruch gestoßen ist. Da gerade diese von dein Gesetze beabsichtigte Reform für kaS wahre Lankesintercsse in mehr als einem Betracht besonders wichtig erscheint, unk ihre definitive Beseitigung Dem Gesetze ein Hauplverdienst nehmen würde, so möchte, um einen solchen beklagenswerthen Ausgang wo möglich zu verhindern, eine kurze Erinnerung an die wesentlichsten Gesichtspunkte, von denen bei dieser Bestimmung ausge- gangen wurde, wohl an Der Stelle sein.
Die Holzvertheilung soll nach der Absicht des Gesetzentwurfes künftig nicht von Den Staatsbeamten, Den Förstern, sondern von den Ortsvorständen ausgeführt werken, weil dieses dem Geiste der Gemeindeordnung entspricht. Der Grundsatz Der Selbstverwaltung wird bei keiner Gelegenheit mehr lebendige Wurzeln in der Gemeinde schlagen können, als bei dem für Den Landmann so wichtigen Geschäfte Der Holzver- thcilung, wenn dieses in seine eigenen Hände, k. h. in Die Hände des aus seiner Wahl unmittelbar hervorgegangenen Ortsvorstandes gelegt ist. Die Gemeinde kann sich dann auch im Interesse ihrer Angehörigen über kie zweckmäßigste Art der Vertheilung und Verwerthung je nach ihrem Bedürfnisse und Belieben einrichten, und solche nützliche Lokalänkerungen