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Neue Hessische Zeitung.

Organ -er konstitutionellen Partei.

Donnerstag, 17. Januar 1850. J\g 28. Morgen - Ausgabe.

Diese Zeitung erscheint mit Ausnahme der Sonntage und Sonnabende täglich zwei Mal. Sonntags wird ein Unterhaltungsblatt beigegeben. Die Morgen-Ausgabe wird von/2ll bis 12 Uhr, die Abend - Ausgabe in Kassel von 5 bis 7 Uhr crvedirt. Sonnabends erfolgt die Ausgabe nur'Abends, Sonntags nur Morgens. Man abonnirt bei allen löblichen Postämtern, in Kassel in der Luckkardt'schcn und Vollmann schen Buch - und Kunsthandlung. Der Äbonncmentsprcis beträgt halbjährlich 3 ThIr., vierteljährlich 1 Tblr. 15 Sgr., wofür alle kurhessischcn Postämter das Blatt ohne Aufschlag liefern. Anzeigen werden mit 1 Sgr. für den Raum einer Petitzeile berechnet.

Als Wahlmänner für die Wahl eines Vertreters zum deutschen Parlament werden, nach allgemeiner Verabredung unter der konstitutionellen Partei, um jeder Zersplitterung der Stimmen vorzubeugen, für die Wähler der zweiten Klasse, welche am 18. Januar wählen, empfohlen:

Für die 1. Abtheilung (von A bis H) Wahllokal Nath­haus : Prok. Alsberg, Polizeivorstand Henkel, Schlosscrmstr. Dallwlg, Geh. Reg. -Rath Duysing.

Für die 2. Abtheilung (von H bis 8) Wahllokal Neal- schule: Litterat Hahndorf, Sekretär Koch, Metz­germeister Mollat, Oberbürgermeister Hartwig.

Für die 3. Abtheilung (von 8 bis Z) Wahllokal Ne- gierungSgebäude: Schreinermeister Herzog, Geh. Rath v. Schenck, Kaufmann Scheurmann, Staatsprokurator Schneider.

D Wer die dermalige Lage Deutschlands mit besonnenem Blicke übersieht, dem muß es klar werden, daß die Wahlen zu dem Parlamente in Erfurt für das Volk wie für die Für­sten der kleinern deutschen Staaten, außer Oesterreich und Preußen, das einzige Mittel sind, um einen Antheil an der Leitung der höchsten Angelegenheiten des deutschen Vaterlan­des zu erhalten, ja daß sie das einzige Rettungsmittel für ihre künftige Existenz sind. Der deutsche Bund bleibt, so viel ist jetzt sicher, aber die bisherige Form ist zerbrochen und alles hängt davon ab, welche neue Form er erhalten soll.

Bis zum Jahre 1848 bestand zwar formell eine gewisse Gleichberechtigung, in der That aber regierten auch damals Oesterreich und Preußen allein. Ueber alle wichtigern Gegen­stände suchten diese sich vorher zu verständigen und ihre An­träge hatten keinen Widerspruch zu besorgen. Doch war das Verhältniß der kleinern Staaten noch etwas günstiger, weil sowohl die konstitutionelle Einrichtung der letzteren auf die absolut regierten Großmächte einen gewissen moralischen Ein­fluß geltend machte, als weil die Regenten der letzteren gegen die anderen Fürsten Rücksicht nahmen, weil insbesondere die Politik der absoluten Herren es mit sich brachte, das Ansehen der Fürsten in den kleinern Staaten ihren Ständen gegen­über zu üälken. Wenn auch der Konstitutionalisinus in den kleinern Staaten, weil es an den rechten Elementen dazu sehlte, immer sehr unvollkommen war, so imponirte er doch einigermaßen den beiden großen Staaten, die aller Verfassung entbehrten. " ö

Ganz anders gestaltet sich aber die Sache,^nachdem Preu­ßen und Oesterreich Konstitutionen erhalten haben. Es ent­scheidet nun nicht mehr die freundliche Rücksicht für den Herrn Vetter in Baiern, Sachsen u. s. w., sondern lediglich das Staatsintcresse, wie^ es vor den Kammern gerechtfertigt werden kann. Das moralische Uebergewicht tritt zu dem phy- flschen hinzu, und Oesterreich und Preußen können nicht an­ders als den Satz aussprechen: wir haben mehr als zwei Drittheile Deutschlands, haben mithin überall die Majorität, daher die alleinige Entscheidung. Was in der Natur der Sache liegt, das müssen sie denn auch der Form nach geltend machen, und wenn ein kleiner König zehn Mal sich souverän nennt, so hat es doch mit aller Souveränetät ein Ende. Stolz

wie Palmerston wird ein Minister der beiden großen Staaten, welcher die Majorität in den Kammern hat, auf das Unwesen und die Krähwinkelei in den kleineren deutschen Ländern her­absehen, und sich um die Majestät in Sachsen oder Hannover wenig geniren.

Es ist hiernach offenbar, daß, wenn auf der einen Seite Preußen und Oesterreich, auf der anderen die kleineren Staa­ten allein im Bunde stehen, die ersteren lediglich die Herr­schaft haben und nach ihren Interessen führen, die letzteren dagegen nur Geld und Soldaten zu stellen haben werden. Das Volk in Preußen und Oesterreich, vertreten durch seine Kammern, wird sich der Herrschaft über Deutschland erfreuen, während das Volk in den andern deutschen Staaten von aller Theilnahme an der Leitung seiner wichtigsten Interessen aus­geschlossen ist. Dieser Zustand wird nur mit dem größten Unmuthe ertragen werden, und gar bald werden die Wirr­nisse, welche in den Verfassungsangelegenheiten der kleinen Staaten nicht ausbleiben können, dahin drängen, sich der einen oder anderen der beiden Großmächte ganz zu unter­werfen. So würde denn dem deutschen Bunke ein Enke be­reitet, aber Deutschland für immer getheilt werden.

Treten dagegen die kleineren deutschen Staaten jetzt in Erfurt mit Preußen zu einem Bundesstaate zusammen,' was den Verhältnissen nach beinahe als Naturnothwendigkeit sich darstellt, so erhalten Fürsten und Völker den ihnen gebühren­den Antheil an der Macht und Größe Deutschlands. Alles, was dagegen gesagt wird, ist demokratischer Unsinn ober Heuchelei schlechter Minister, die dem souveränen Unverstände, ihrem höchsten Herrn, gefällig sein wollen. Mit Oesterreich, das einen abgeschlossenen Staat bilden will, können wir nicht zusammen sein, da es auch zu viele außerdeutsche Interessen hat, mit Oesterreich und Preußen zugleich sind wir nichts und gehen kein Untergange entgegen, darum bleibt nichts als der Bundesstaat mit Preußen. Wer cs mit dem deutschen allgemeinen Vaterlande und mit seinem besondern wohl meint, jeder Kurhesse, welchem ein Herz für die Stellung Kurhessens in Deutschland unk für Erhaltung seiner Selbstständigkeit und Verfassung schlägt, der wähle daher nach Erfurt!

Kaffel, 16. Januar.

Die Erklärung, welche von geachteten und wirklich gcwerbc- treibenken Bürgern in hiesiger Stakt gegenüber einem Auf­rufe erlassen ist, in welchem mit kem Namen ker hiesigen Ge­werbetreibenden ein empörender Mißbrauch getrieben wurde, liefert den erfreulichen Beweis, daß der hiesigen Bürgerschaft endlich die Augen aufgegangen sind über die Folgen jenes frechen Spieles, das mit ihrer Ehre und mit ihrem Krekit bisher getrieben worken ist. Leider ist zu bedauern, daß diese Manifestation nicht früher erfolgte. Es hätte damit den Wüh­lereien in unseren kleinen gewerbetreibenden Städten begegnet werken können, denen jenerAufruf" im Namen des kassel- schen Gcwerbestankes in zahlreichen Exemplaren zugeliefert wurde. Unbekannt mit den hiesigen Perlonalverhältnigen wie sie großen Theils sind, mußten sie wohl glauben, daß die Bürger der Hauptstadt wirklich von der Verderblichkeit des Bundesstaats für die GewcrbSintercssen durchdrungen seien,