Neue Hessische Zeitung.
Organ der konstitutionellen Partei.
Freitag, 11-Jan. 1850. ^F 1$K Abend-Ausgabe.
Ein „Aufruf an die Volkspartei in Kurhessen."
Unter Diesem hochtrabenden Tüel ist vor einigen Tagen, bezeichnend genug in einem hiesigen Schmähblatte, der „Hornisse", ein von den Herren Bayrhoffer, Berlit, Förster, Heise, Kellner, Loth, G. Theobald, Weinzierl unterzeichnetes Aktenstück erschienen, welches Alles, was selbst die Jahre 1848 und 1849 an politischen Ungeheuerlichkeiten hervorgebracht haben, weit hinter sich zurück läßt.
Der Aufruf stellt sich als die außerparlamentarische Fortsetzung des in der Ständeversammlung durch tausend Windungen bis zur Ermüdung fortgesetzten Versuches dar, die bundesstaatliche Einigung Deutschlands zu hintertreiben.
Diese Einigung, welche dem Volke die ersten und nöthigsten Bedingungen einer großen und freien Existenz verschaffen, damit aber die Aussichten auf eine Revolution vernichten würbe, an denen jetzt der geistige und moralische Bankerott sich aufrecht zu erhalten sucht, diese Einigung im konstitutionellen Bundesstaat ist freilich das Bedrohlichste, das Schrecklichste, was den Predigern der Revolution begegnen kann. Lieber wollen sie gar keine volksthümliche Einheit, lieber wollen sic selbst den Bundestag, lieber wollen sie Oesterreichs Strang, lieber Rußlands Knute, lieber Teufel und Hölle, und wenn Deutschland vertilgt werden sollte und »ertheilt an aller Welt Länder, es wäre ihnen lieber als ein kräftiges und freies konstitutionelles Regiment im deutschen Bundesstaat.
In dieser fieberhaften, schäumenden Wuth haben sie es denn endlich lus zu jenem Gipfelpunkte gebracht, wo das Bewußtsein schwindet und die Leidenschaft naiv wird. Sie beschwören das Volk im Namen der Gerechtigkeit (!), Der Ehre (!), Der Freiheit (!!) und Der Brüderlichkeit (!!!), kein Parlament zu wählen und weisen in demselben Athemzuge, wo sie dieses thun, auf Oesterreich hin, welches ja auch das Parlament nicht wolle.
In Dem Augenblicke, wo die Verfassung und die Freiheiten dieses Landes unter Dach und Fach gebracht und vor den finster heraufziehenden Stürmen Der Zeit in starkem Schutze geborgen werden sollen, stellen sich diese „Freunde des Volkes," wie sie sich selbst ganz unbefangen nennen, diese fürsich- tigen und besonnenen „Freunde des Volkes," hin und wollen das nicht leiden, und schreien ganz treust, als wäre es wirklich wahr, die Verfassung werde dadurch verletzt werden. Diese Vorkämpfer der „Verfassung," welche nichts, gar nichts unterlassen haben, um die Verfassung des engeren, wie des Getammtvaterlantcs über Den Haufen zu werfen, Dieser Herr Weinzierl, welcher lich als unterthänigstes Werkzeug dazu hergab, als Scheffer unsere Repräsentativ - Verfassung umstoßen und eine allständische daraus machen wollte, dieser Herr Bapr- hoffer, welcher im Juni, im September, im Oktober, im Mai, in Marburg , in Frankfurt, in Berlin, in Kassel, wahrhaftig nicht für Die Erhaltung Der Verfassungen gepredigt hat, und diese Helfershelfer, welche in ihren Schandblättern jene Freiheiten und jene Verfassung, als deren Retter sie plötzlich auftreten, ohne Zügel und Scham verunglimpft haben, dieser Herr Theobald und Genossen, welche noch heute Reden halten für Den badischen Aufruhr, Der doch Regierung und Verfassung des Landes stürzte, welches ihren Forderungen am bereitwilligsten nachgekommen war, diese linken Herren Abgeordneten, welche noch in v i e s e r S e s si o n, noch vor wenigen Wochen eine konstituirende Versammlung, d.h. die Aufhebung der Verfassung in Kurhessen, verlangten, diese selbigen Herren stellen sich jetzt hin und schreien ganz ungenirt:
„Mitbürger! mit der Beschickung des Erfurter Parlaments wäre unsere Selbstständigkeit, unsere Verfassung vernichtet." Wahrlich, wenn ein späterer Geschichtsforscher ein solches Blatt in die Hände bekommen sollte, ohne seine innere Geschichte zu kennen, er wird es für einen tollen Fastnachtsscherz halten.
Wie durch die Ausbrüche eines Fieberkranken laufen dann allerlei irre Reden zwischen durch, in denen sich aber doch Die innerste Gesinnung, Zweck und Absicht und der wahre Grund des Grolles und Hasses unvorsichtig offenbaren. Einiges ist zwar ganz unverständlich und gehört nicht hierher; z. B. daß Die „Volkspartei" im Namen Der „Brüderlichkeit" nicht wählen solle. Anderes dagegen ist mehr als Phrase, z. B. daß die „Volkspartei" in einem konstitutionellen Bundesstaate keinen „Anspruch mehr auf Freiheit" haben werde (v. h. weil dann alle Freiheit gewährt und garantirt sein wird) und hiermit zusammenhängend, daß die „Bolkepartei" dann „keinen Muth mehr zu einer neuen Erhebung" haben werde. So wird in einem und demselben Athem die Aengstlichkeit für Erhaltung unserer Verfassung und Die „neue Erhebung", d. h. die Revolution, gepredigt. Dann aber wird als ein Gegenstand des Hauptzorns das Wahlgesetz bezeichnet, welches eineindirekte Wahl anordne und die Armen „aus der Reihe Der Menschen ausstoße." So schreien diejenigen, welche nichts unterlassen, um den Aufschwung des Landes, die Befestigung Der Rechte, und Die Beförderung des Wohlstandes gerade Der Armen in heilsamen Reformen durch ibre Verewigung ungewisser Zustände zu verhindern. Diejenigen, welche das Elend des Armen noch größer und unerträglicher machen, welche sein Herz mit Haß und Kummer füllen, welche ihn ohne Besinnen auf die Barrikaden jagen und mit seinem Blute Spiel treiben, Die rufen jetzt: „der deutsche Bundesstaat wolle den Armen aus der Reihe der Menschen ausstoßen"! Womit? wie so ? weil er das allgemeine Stimmrecht ausschließt, das allgemeine Stimmrecht, welches Den Armen wenig kümmert, desto mehr aber diejenigen, so sich ohne dasselbe in ihren Plänen gestört sehen, das allgemeine Stimmrecht, welches den Herren nur so lange taugt, als es für diese ihre Pläne paßt, und von. welchem z. B. der Großmeister Der europäischen Demokratie, Hr. Proudhon, bemerkt (création de Vordre p. 217):
„Ich für meinen Theil, halte diejenigen für Feinde der Freiheit oder wenigstens für Unkluge, welche Die unmittelbare Anwendung des Satzes: jeder Bürger ist Wähler und jeder Wähler ist wählbar, verlangen." Wie es nun einmal in den Schriften dieser „Freunde des Volkes" unvermeidlich ist, so reden sie von den „Lügen Der Politik", von „Demüthigung", von „Knechtschaft", von „hündischem Sklavendienst" rc. Von Knechtschaft, von Sklavenvienstrc. haben sie freilich stets geschrieen, und in- diesem Munde haben Diese Worte jeden Werth längst eingebüßt. Als die Franks. Versammlung noch souverän war, konnte man im Organ dieser Herren und in ihren Reden ganz dasselbe vernehmen, und auch die Franks. Verfassung war eitel „Knechtschaft und Skla- vendienft". Und wenn heute die Republik und morgen die demokratische und übermorgen die sociale Republik eingeführt wäre, sie würden immer noch von „Knechtschaft" und „Sklavendienst" schrejen.. Denn das sind nun einmal ihre Phrasen und etwas Anderes haben Diese Armen nicht.
Wohl wäre Viesen Herren, die ein solches Spiel treiben und es zuletzt dahin bringen, daß Die Sprache ihren Sinn verliert und die schwersten Worte leichte werden wie Stroh,