Neue Hessische Aettmch
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Dinstag, 1. Januar 1850.
Morgen-Ansga
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I Januar 1850.
„Da, wie die Erfahrung gezeigt hat, allen großen Revo- „lutionen eine Periode der Reaktion gefolgt ist, so muß die- „ser Erscheinung wohl ein Gesetz der Nothwendigkeit zu „Grunde liegen.' Heißt dieß nun, daß jede Revolution he- „stimmt sei, in ihren rechtmäßigen Resultaten getäuscht zu „werden? Nein. Doch während Diese reifen, bedarf es eines „augenblicklichen Widerstandes gegen ein Uebel, welches sich „unter dem Einflüsse der Revolution erzeugt. Dieses Uebel „ist Der Schwindel, der sich der Köpfe bemächtigt, der Ehr- „gciz, der in die Herzen eindringt; es ist der chronische Jn- „surrektionszustand; es ist die Verderbniß der Gemüther; die „unaufhörliche Erregung der schlechtesten Leidenschaften der „menschlichen Natur; der Haß gegen jede, auch die natür- „lichste Ucberlcgcnheit; es ist der Kriegszustand und die Des- „Organisation der Gesellschaft. Gegen dieses Uebel verlangen „die Nationen Widerstand und Schutz. Der Wagen, der am „Abhang rollt, wird gehemmt. Doch wenn der Boden sich „ebnet, eilt er wieder vorwärts. Das Gute wird geschehen, „doch das Uebel muß gehindert werden."
Diese Worte etwa waren vor etlichen Tagen in einem französischen Blatte zu lesen, und sollen den Präsidenten Der Republik zum Urheber haben. Sie waren bestimmt, seine Regierung zu vertheidigen; ihre Wahrheit reicht aber viel weiter. Wie sie das Jahr 1848 entschuldigen und das Jahr 1849 rechtfertigen , so mögen sie das Jahr 1850, an dessen Schwelle wir heute stehen, uns empfehlen.
Die Revolution des Jahres 1848 war aus tiefen und großen Bedürfnissen hervorgegangen. Sie stellte große Forderungen, machte mannigfache Verheißungen und richtete großes und mannigfaches Unheil an. Die Reaktion des Jahres 1849 befriedigte die Forderungen nicht, und erfüllte keine Verheißung, hat aber das Unheil großen Theils beseitigt. Der Zukunft und wohl schon dem Jahre 1850 wird es Vorbehalten bleiben, die Früchte dieser Bewegung zu zeitigen, die wahren Bedürfnisse zu befriedigen, die gerechten Verheißungen zu erfüllen.
Die Revolution hatte Die Tiefen Der menschlichen Gesellig aft angegriffen, auch Da, wo sie ewig und unantastbar sind. Aber nicht minder tief schnitt das Messer der Reaktion ein. Sie verjagte die Wahn- und Truggebilde, machte aber auch viel edle Hoffnungen erblassen. Die schon am Ziel ihrer eitlen Bestrebungen zu sein glaubten, sahen sich weiter als je zurückgclcksieuderl , und manche-lustige Einbildung zerrann in Nichts. Ja selbst verjährte Güter, welche schon lange vor der Bewegung gesichert waren, wurden von dem rückwärts fluthenden Strom hinweggerissen. Sie that webe, die Reaktion von 1849. Wüthend bäumte sich die zertretene Selbstsucht der Einen, mißmuthig grollte das enttäuschte Herz Der Anderen, und besorgt wußte selbst der Besonnenste auf Die Vertheidigung des unzw isklbaftesten Besitzthums bedacht sein. .
Wie alle Revolutionen der neueren Zeit, ist auch Die lebte von Frankreich ausgegangen. Dort verlangte die bürgerliche Gesellschaft nach Ausgleichung materieller Uebel, nach weisen Reformen, nach einer kräftigen, frischen Politik. Aber Die Staatsgewalten, verzehrt von dem Marasmus einer kurzsichtigen Selbstsucht, gestützt nur noch auf Die gegenseitige
Korruption, wußten diese Bedürfnisse nicht zu befriedigen und verloren die Wurzeln in dem Boden der Staatsgesellschaft, welcher ihrer SeitS in Dem allgemeinen Gefühl des Mißbehagens Haltung, Kraft und Besonnenheit geschwunden war. Da explodirie Die öffentliche und geheime Unzufriedenheit in eine Revolution, und zwar in. die sonderbarste aller Revolutionen — in eine Revolution für sociale Reformen , welche ihrer Natur nach das Gegentheil der Revolution verlangen, in eine Revolution, welche Brod schaffen soll und doch nur Steine zu bieten vermag. „Der Ehrgeiz, Der in die Herzen ein« dringt" verjagte das Königthum und setzte sich auf Den Thron und spielte provisorische Regierung, während doch die socialen Reformen daS Gegentheil Der provisorischen Negierungen, nämlich ein starkes Königthum , erfordern; „der Haß gegen „Die Ukbkrlegenheit" und „die unaufhörliche Erregung der „schlechtesten menschlichen Leidenschaften" entzündete jenen verruchten Klassenkampf, den „Kriegszustand und die Desorgani- „sation der Gesellschaft", welche zur Würgschlacht des Juli trieb und wie ein Gift an der Gesellschaft fortfrißt; „der Schwindel, der sich Der Köpfe bemächtigt" brachte jene Verfassung zu Wege, welche zwar die neueste, aber dennoch Die schlechteste der zahlreichen französischen Verfassungen ist.
Um diesen Uebeln entgegenzutretcn, hat das Jahr 1849 unter der Regierung des Präsidenten Louis Napoleon die Chorführer der Revolution einfteefen oder ins Exil jagen und diejenigen Rechte und Freiheiten aufheben müssen, welche das Volk schon vordem besessen hatte. Die Verfassung aber bot nur das eine Interesse, wie bald sie wieder beseitigt werden könne und die Politik ist draußen und daheim kraftloser als je gewesen, weil sie durch den stets drohenden Bürgerkrieg im Schach gehalten wird.
So ist für Frankreich das Jahr 1849 ein bittres, bittres Jahr gewesen und da die Revolution hier am leichtsinnigsten und frevelhaftesten einhergefahren ist, so steht gerade hier am wenigsten abzusehen, wann die Neakiion ihr Ende erreichen, wann die Reform beginnen soll.
Und dennoch — auch hier kündigt sich das neue Jahr mit Zeichen Der Versöhnung und der Besserung an. Wie die kluge und verständige Politik des Präsidenten, selbst um den augenblicklichen Preis Der Volksfreiheiten, selbst mit Hintansetzung Der parlamentarischen Regierung, ein konstitutionelles Regiment vorzubereiten, den Parteienzwist zu versöhnen und ein großherzigeres Verhalten zu dem aufstrebenden Nach- barvolkc anzubahnen strebt, so gibt sich auch mitten in der Partkienwutb ein wetteiferndes Bestreben für die materiellen Volksenteressen kund, welches zeigt, daß die wahrhaften Früchte Der Bewegung nicht ganz und gar verloren gegangen sind.
Den mächtigsten Anstoß der Revolution empfing von Frankreich dieses Mal sein alter Widersacher — Oesterreich. Seit Jahrhunderten die Heimakh der geistigen und politischen Knechtung, fast in jeder Rücksicht um hundert Jahre hinter seinen deutschen Nachbarn zurüâstchcnd, und nur in dem entnervenden Uebermaß sinnlichen Genusses, der aber gewiß am allerwenigsten zum freien Staatlichen befähigt, ihnen weit vorausgecilt, sollte dieses kolossale Oesterreich plötzlich sich selbst regieren nach den burschikosen Begriffen einer Studen-