Einzelbild herunterladen
 
  

— 1410 —

Unter den allgemeinen Bestimmungen ist die Revision dieser Verfassung durch die nächste Versammlung vorbehalten um rüchsichtlich des Verhältnisses zu Deutschland heißt cd §. 111.: „Sollten durch die für Deutschland festzustellende Verfassung Abänderungen des gegenwärtigen Verfassungsgesetzes nöthig wer­den , so wird der König dieselben anordnen und diese Anord­nungen den Kammern bei ihrer nächsten Versammlung nütz theilen. Die Kammern werden dann Beschluß darüber fassen, ob die vorläufig angeordneten Abänderungen mit der deutschen Verfassung in Uebereinstimmung stehen.

Wien, den 3. Dec. Ueber die Enlsagungs- und Kron- empfangsceremonien in Olmütz verlautet, daß hiebei der ganze Hof, die Minister, der Fürst Windischgrätz, der Banus Jellachich zugegen waren, und daß, nachdem Kaiser Ferdinand und sein Bruder der Erzherzog Franz Karl dem Throne feierlichst entsagt hatten, der neue Kaiser knieend sich den Segen vom alten Kaiser erbeten habe. — Es wurden sogleich mehrere Erzherzoge mit der neuen Botschaft nach den verschiedenen Höfen und nach Frank­furt entsendet. Der Kaiser Ferdinand selbst begab sich schon gestern nach Prag, um dort seinen Wohnsitz aufzuschlagen. — Wenn man auch schon seit längerer Zeit auf einen Entsagungs­act des Kaisers Ferdinand, diese Licblingsidce der Erzherzogin, vorbereitet war, so kam sie doch im gegenwärtigen Augenblick der Bevölkerung sehr überraschend. Man hofft, daß dieser Weg am ehesten zu einer Vermittlung mit Ungarn führen werde, da der gegenwärtige Kaiser schon als Erzherzog bei den Magyaren beliebt war. Daß man sich nun mit allerlei Hoffnungen, auf Amnestie der Octoberverurtheilten, Aufhebung des Belagerungs­zustandes N. schmeichelt, ist natürlich. Man erwartet im Ganzen Gutes, da der junge Kaiser mit Geist und Kenntnissen Herzens­güte verbindet. Vielleicht ersteht uns in ihm ein neuer Joseph. Er wurde im Sommer dieses Jahres majorenn (18 Jahr alr) und hat eine einnehmende Gestalt, eine vorwiegend habsburgische Phy­siognomie, bei der die große Jugend allein die Schroffheit der Familien-Unterlippe mildert. Der Prinz hat eine sorgfältige Er­ziehung genossen, er spricht 11 lebende Sprachen mit vollkom­mener Fertigkeit; ein Kaiser von Oesterreich hal auch in der That genug zu lernen, wenn er nur alle Sprachen seines Kaiserreichs verstehen und sprechen soll. Sein Naturell ist gutmüthig wie man sagt, aber er steht bis jetzt ganz unter dem Einfluß seiner Mutter, deren Ehrgeiz in der Erhebung ihres Lieblingskindes ein weites Feld für ihre Thätigkeit erblickt, und deren Herzensgute eben nicht im besten Diufe steht.

Wien, 3. Dez. Der Kaiser Ferdinand hat gestern in Ol- mütz, ohne daß man hier das Mindeste geahnt hätte, dem Throne zu Gunsten seines Neffen, des Erzherzogs Franz Joseph, ältesten Sohnes des Erzherzogs Franz Carl, entsagt und der Erzherzog Franz Joseph als Kaiser Franz Joseph der Erste den Thron be­stiegen. Heute früh erhielt man bereits aus Olmütz die darauf Bezug habenden zwei Manifeste, von denen das eine die Thron- entfagung des Kaisers Ferdinand I., und das andere die Thron­besteigung des jungen Kaisers Franz Joseph des Ersten verkündet. Das erste Manifest lautet:

„Wir Ferdinand der Erste von Gottes Gnaden Kaiser von Oesterreich re. Ais Wir nach dem Eintritt Unseres Herrn Va­ters, weiland Kaiser Franz des Ersten, in gesetzlicher Erbfolge den Thron bestiegen, flehten Wir, durchdrungen von der Heiligkeit und dem Ernste unserer Pflichten, vor Allem Gott um seinen Beistand an. Das Recht zu schützen, ward der Wahlspruch, das Glück der Völker besterweise zu fördern, das Ziel Unsrer Regie­rung. Die Liebe und Dankbarkeit Unserer Völker belohnten reich­lich die Mühen und Sorgen der Regierung, und selbst in den jüngsten Tagen, als es verbrecherischen Umtrieben gelungen war, in einem Theile Unserer Reiche die gesetzliche Ordnung zu stören und den Bürgerkrieg zu entzünden, verharrte doch die unermeßliche Mehrheit unserer Völker in der dem Monarchen schuldigen Treue. Beweise, die inmitten harter Prüfungen Unserm betrübten Herzen wohl thaten, sind Uns aus allen Gegenden des Reichs zu Theil geworden. — Allein der Drang der Ereignisse, das unverkenn­bare und unabweisliche Bedürfniß nach einer großen und umfas­senden Umgestaltung Unserer Staatsformen, welchem Wir im Dio« nat März dieses Jahres entgegenzukommen und Bahn zu

brechen beflissen waren, haben in Uns die Ueberzeugung festge- stellt, daß es jüngerer Kräfte bedürfe, um das große Werk zu fördern und einer gedeihlichen Vollendung zuzuführen. Wir sind daher nach reiflicher Ueberlegung und durchdrungen von der gebieterischen Nothwendigkeit dieses Schrittes, zu dem Entschlusse gelangt, hiemit feierlichst dem österreichischen Kaiserthrone zu ent­sagen. Unser durchlauchtigster Herr Bruder und rechtmäßiger Thronfolger in der Regierung, Erzherzog Franz Carl, der Uns stets treu zur Seite gestanden und Unsere Bemühungen getheilt, hat sich erklärt und erklärt hiermit durch gemeinschaftliche Unter- fertigung gegenwärtigen Manifestes, daß auch Er und zwar zu Gunsten Seines nach ihm auf den Thron berufenen Sohnes, des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Franz Joseph, auf die österreichische Kaiserkrone Verzicht leiste. Indem Wir alle Staats­diener ihrer Eide entbinden, weisen Wir sie an den neuen Re­genten, gegen welchen sie ihre beschworenen Berufspflichten fortan getreulich zu erfüllen haben. Unserer tapferen Armee sagen Wir dankend Lebewohl. Eingedenk der Heiligkeit ihrer Eide, ein Bollwerk gegen auswärtige Feinde und Verräther im Innern, war sie stets und nie mehr als in neuester Zeit eine feste Stütze Unseres Thrones, ein Vorbild von Treue, Standhaftigkeit und Todesverachtung, ein Hort der bedrängten Monarchie, der Stolz und die Zierde des gemeinsamen Vaterlandes. Mit gleicher Liebe und Hingebung wird sie sich auch um ihren neuen Kaiser schaa- ren. Indem Wir endlich die Völker des Reiches ihrer Pflicht gegen Uns entheben und alle hieher gehörigen Rechte und Pflich­ten hiemit feierlichst und im Angesichte der Welt auf Unsern ge­liebten Herrn Neffen als Unsern rechtmäßigen Nachfolger über­tragen, empfehlen Wir diese Völker der Gnade und dem beson­deren Schutze Gottes. Möge der Allmächtige ihnen den innern Frieden wieder verleihen, die Verirrten zur Pflicht, die Bethönen zur Erkenntniß zurückführen, die versiegten Quellen der Wohl- sahrt neuerdings eröffnen und Seine Segnungen über Unsere Lande in vollem Maße ergießen, — möge Er aber auch Unsern Nachfolger Kaiser Franz Joseph den Ersten erleuchten und kräf­tigen , damit Er Seinen hoben und schweren Beruf erfülle zur eigenen Ehre, zum Ruhme Unseres Hauses, zum Heile der ihm anvertrauten Völker. Gegeben in Unserer königlichen Hauptstadt Olmütz, den zweiten December im eintausend achthundert und acht und vierzigsten, Unseres Reichs dem vierzehnten Jahre. Ferdinand, Franz Carl. (L. S.) Schwarzenberg."

Das zweite Manifest (die Thronbesteigung des neuen Kaisers betreffend) lautet wie folgt:

„Wir Franz Joseph der Eiste von Gottes Gnaden Kaiser von Oesterreich, König von Hungarn und Böhmen, König der Lombardei und Venedigs, von Dalmatien, Croatien. Slavo­nien , Gallizien, Lodomerien und Illyrien, König von Jeiusaleir re. re. Durch die Thronentsagung Unseres erhabenen Oheims Kaisers unb Königs Ferdinands I, in Ungarn und Böhmen bie: ses Namens des Fünften, und die Verzichtleistnng Unseres Durch lauchtigsten Herrn Vaters, Erzherzogs Fran; Carl, auf die Thron folge, kraft der pragmatischen Sanction berufen, die Krone bet Reiches auf Unser Haupt zu setzen: Verkündigen Wir hiemi feierlichst allen Völkern der Monarchie Unsere Thronbesteigum unter dem Namen Franz Joseph des Ersten. Das Bèdürfni! und den hohen Werth freier und zeitgemäßer Institutionen au eigener Ueberzeugung erkennend, betreten Wir mit Zuversicht bi Bahn, welche Uns zu einer heilbringenden Umgestaltung un Verjüngung der Gesammtmonarchic führen soll. Auf den Grund lagen der wahren Freiheit, aus den Grundlagen der Gleichberech tigung aller Völker des Reichs und der Gleichheit aller Staats bürger vor dem Gesetze, so wie der Theilnahme der Volksvertrete an der Gesetzgebung, wird das Vaterland neu erstehen in alte Größe, aber mit verjüngter Kraft, ein unerschütterlicher Bau i den Stürmen der Zeit, ein geräumiges Wohnhaus für d Stamme verschiedener Zunge, welche unter dem Srepti Unserer Väter ein brüderliches Band seit Jahrhunderte umfangen hält. Fest entschlossen, den Glanz , der Kror ungetrübt und die Gesammtmonarchie ungeschmälert zu ei halten, aber bereit, Unser Recht mit den Vertretern Unser Völker zu theilen, rechnen Wir darauf, daß es mit Gottes Beistar und im Einverständnisse mit den Völkern gelingen werde, al

Beilage