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Reue Hessische Zeitung.

U 184« Donnerstag, den 30. November. 1848.

Die Neue Hessische Zeitung erscheint täglich, Sonntags mit einem UnterhaltungSblatte, und wird vor 12 Uhr Morgens ausgegeben, r Abonnementspreis beträgt 1 Thlr. 15 Sgr. für das Quartal, wofür alle kurheffischen Postämter solche ohne Preiserhöhung liefern, izeigen jeder Art werden die Petitzeile oder deren Raum mit 1 Sgr. berechnet.

Rußland und die Reaktion

ii.

Kassel, 29. Novbr. 1848.

Wir haben in unserem vorigen, diesen Gegenstand betreffenden tikel die jetzt wieder wie früher bei ähnlichen Krisen durch Ulschland schreitende Furcht vor russischer Reaction eine rcht, die auch im deutschen Reichstage in Form einer Jnter- lation des Abg. Berger ausgetreten ist soweit sie auf das entliche Deutschland sich bezog, etwas schärfer ins Auge ge­ll. Wir wollen heute das Verhältniß Rußlands zu Oesterreich cersuchen. Hier scheint in der Tbat auf den ersten Blick die ranlassung viel näher zu liegen, auch ohne daß man an die tbaren Orden und an die große Freundschaft zu denken braucht, mit der Czaar sich jetzt dem Gewaltherrn Oesterreichs genähert . Um aber die Frage unbefangen zu beurtheilen, ob eine tcrstützung des Fürsten Windischgrätz im Interesse Rußlands ze, hat man nur die Folgen zu ermessen, die entweder aus lem völligen Triumphe des Fürsten, oder aus einem endlichen ege der Ungarn entspringen werden. Wir reden fürs Erste c von der Sache, deren Namen Windischgrätz auf sein Banner chriebcn, aber entschieden nicht von der Art und Weise, wie er "i bis jetzt geführt hat. Darauf wollen wir besonders zurück- lmen. Windischgrätz also behauptet, die Einheit eines österrei- chen Militairstaates zu vertreten, die Fortsetzung des Gedan- S, den einst die Ferdinande begründet, Prinz Eugen dann ver­flicht und Joseph II. und Metternich in seine moderne Gestalt rächt haben. Diesem Staate fehlt, wie Jedermann weiß, die ürliche Grundlage einer einigen Nationalität, und deßhalb wird e Fortdauer in unserer Zeit, wo alle Nationalitäten erwachen, eine Unmöglichkeit gehalten. Indeß auch heute besteht, trotz buntesten Völkergemisches, die Einheit Großbritanniens und Union Nordamerikas: es zeigt sich auch heute wie zu allen len, daß historische Gewohnheit und gemeinsame Interessen die- e und noch stärkere Anziehungskraft ausüben, als gleichartige Lammung. Diese Faktoren sind aber bei den Ländern des rreichischen Staates vorhanden. Außer Tyrol und Mailand

die übrigen Provinzen durch die Lage der orientalischen Welt ^gend auf einander angewiesen, heute wie vor Jahrhunderten, sterreich und Böhmen haben gegen die Mongolen, Oesterreich ' Ungarn gegen die Türken, Böhmen und Ungarn gegen die len zusammengestanden: jetzt ist es die aUumfluthende Macht Russen, welche für diesen Ländercompler Einheit und Selbst- altung gleichbedeutend macht. Und wir sollen ohne zwingen- Nachweis glauben, daß die Vertreter dieser Einheit eben von en Russen unterstützt würden?

Siegen daher umgekehrt die Magyaren, so wird die Einheit jerreichs zertrümmert, und der wichtigste Damm gegen die tschritte Rußlands niedergerissen. Man wird sagen: aber in em Falle wird die eine Hälfte Oesterreichs eine Provinz, die ere ein Bundesgenosse des deutschen Reichs, und dieses wird n mit ganz neuer Kraft den Russen an der Donau entgegen- en. Wir fürchten, daß man sich hierin übel täuschen möchte, r wollen von Tyrol, Italien und Gallizien wieder ganz ab- ii (Gallizien würde übrigens in diesem Falle sofort russische lle werden), das klebrige zerfiele also durch Kossuths Sieg in » deutschen und einen ungarischen Antheil. Wie wären Beide Haffen? In Beiden wäre die Hälfte widerwillig, erzürnt, zu m Vernichtungskriege entschlossen, in Deulschösterrcich die Böh- r und steyrischen Slaven, in Ungarn die Croaten, Serben, / chsen und Walachen. Deutschlands für diese Weltgegend dis- iblen Kräfte würden durch den böhmischen Zwiespalt völlig

in Anspruch genommen, und nicht im Stande sein, weiter strom­abwärts zu wirken. Ungarn würde durch den Racenkrieg zwi­schen Magyaren und Serben auf lange Zeit in Ohnmacht und Anarchie versenkt, und so den Russen Preis gegeben sein, wie jetzt die ähnlich gestellten Provinzen des türkischen Reichs. End­lich könnte niemand wissen, wie es mit dem ungarisch-deutschen Bündnisse nach erlangtem Siege der Magyaren aussehen würde. Die Magyaren haben stets die giftigste Feindschaft gegen die Deut­schen gezeigt, und nur jetzt in der Noth mit Frankfurt kokettirt; nichts wäre leichter denkbar, als daß sie, einmal von Oesterreich frei geworden, gegen einige materielle Begünstigungen sich eine reelle Abhängigkeit von Rußland gern gefallen ließen. So zeigt die Zersplitterung Oesterreichs überall nur Gewinn sür Rußland, und noch haben wir ein unendlich Großes gar nicht erwähnt: die sichere Einwirkung auf das türkische Reich, welche einer Be­freiung der Croaten und dem Siege Jellachichs nothwendig folgen muß. Vielleicht 8 Millionen stammverwandte Menschen finden sich in der Türkei, die nur eine solche Wendung erwarten, um darauf fortbauend, sowohl den russischen als den osmanischen Ein­fluß völlig abzuschütteln, und ein kräftiges, christlich-byzantinisches Reich zu gründen.

Es versteht sich, daß wenn solche Dinge gelingen sollen, die Einheit Oesterreichs eine andere Gestalt annehmen muß, als in der sie jetzt in Wien auftritt. Man kann einen starken Militär­staat aufrichten, ohne Blutdurst und Rechtsverachtung in allen Schritten zu zeigen. Man kann ein einiges Oesterreich gründen, ohne mit Deutschland alle Freundschaftsbande mörderisch zu zer­reißen. Im Gegentheil, die Grundbedingung für Oestreichs Be­stand ist eine enge und gegenseitig aufrichtige Verbindung mit Deutschland. Beide haben nach Süden und Osten keinen andern Bundesgenossen auf der Welt, als einer den andern. Beider In­neres wird vergiftet und gelähmt, wenn beide nicht ehrlich und beständig zusammenhalten. Die Gräuelthat, deren Kunde ganz Deutschland erschüttert hat, war eben so unklug als schlecht, eben so im russischen, wie im antiösterreichischen Interesse. Dasselbe gilt von den Wirkungen der jetzigen Schreckensherrschaft auf die österreichischen Zustände. Sie einigt die Provinzen nicht, sondern zersetzt sie. Während das wahre Ziel der inneren Politik für Oesterreich in der Centralisation der Militär - und Finanzkräfte des Reichs neben ganz demokratischer Verwaltung und Verfassung der Provinzen besteht (wie dies in jenen Gegenden zu vereinen ist, steht freilich nicht in den politischen Lehrbüchern des Abendlandes, aber Mähren und Kroatien zeigen es in diesem Augenblicke) , so würde die Festhaltung des jetzigen Systems Armee und Finanzen durch Revolutionirung oder Aussäugung der Provinzen zu Grunde richten. Die Ausschweifungen des Verfahrens, wel­ches die Partei Windischgrätz augenblicklich einhält, befördern die russische Alleinherrschaft im Orient : darum bleibt aber nicht min­der wahr, daß sobald das Verfahren sich ändert, die politische Tendenz dieser Partei, die Einheit Oesterreichs, allein zur Ab­wehr der Russen geeignet ist. Man wird darnach leicht die Wahrscheinlichkeit und das Maaß der Hülfe abschätzen, welche Rußland dem jetzigen Wiener Ministerium angeblich zukommen läßt. Aber wie verhält es sich mit den Orden und mit der Freundlichkeit des Czaaren? Möglich, daß sie die Folge reinen Wohlgefallens sind. Sollten sie politischer Natur sein, so haben wir nur Eines zu bemerken: die Diplomaten des weisen Czaaren sind schon feit Menschengedenken die klügsten in der Welt gewesen. Vielleicht waren sie klug genug, um es zu begreifen, daß wenn den Reorganisator Oesterreichs irgend Etwas auch bei den eignen Völkern ruiniren kann, es jedenfalls die Blâme russischer Gunst­bezeugungen ist.