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traut dem Freunde nicht. Es ist eine traurige Heillose Zeit. — Wegen Verletzung des Briefgeheimnisses kommen viele schüchterne Klagen vor. — Wenn die Wiener sprechen dürften, wenn F. Windischgrätz nicht den launigen Einfall gehabt hatte, den Sprechern den Mund mit Blei zu stopfen, so würde man hier viel über Berlin sprechen. Mit banger Aengstlichkeit werden in Kaffee- und Gasthäusern die deutschen Journale erwartet. — Man stürzt auf sie los, man verschlingt sie, dann sieht man seinen Nachbar an und der Nachbar versteht, was man sagen will, wenn man ihn anschaut. — Das ist der Effekt, den die Berliner Ereignisse in Wien hervorbringen. — Der verhaftete Dr. Becher, Redakteur des „Radikalen", wurde von einer Frau verrathen, die durch diese Angeberei ihren kompromittirten Gatten befreite.--Man versichert, daß der neuen Kammer in Kremsier ein vollständig ausgearbeiteter Konstilutionseutwurf vom Ministerium vorgelegt werden soll. Eine Zuschrift des Ministers Wes- senberg an Smolka fordert diesen auf, sich mit den Akten nach Kremsier zu begeben. Smolka legt in seiner Erwiderung Protest ein gegen die absichtliche Jgnorirung seiner Präsidentenwürde. — Wir hofften letzthin keinen standrechtlichen Todesfall mehr zu melden; allein die Opfer vermehren sich noch immer von Tag zu Tage. Das Volk ist sehr empört und wagt, trotz Pulver und Blei, halblaute Aeußerungen. Die größte Theilnahme findet Robert Blum. Die Verurtheilung des Dr. Porsch, blos aus dem Zusammentreffen der Umstände, ohne Geständniß und Zeugenaussage, ist ein Gewaltaet, der alle Gemüther erschütterte. Es wird über Wien Gericht gehalten nach einem Gesetzbuche, das aus der Zeit der Tortur, des Räderns und Viertheilens an unsere Zeit überliefert wurde, die einen solchen Koder nicht zu fassen vermag. — Ein hiesiger Handelsmann will, nach Herstellung Les Associationsrechtes, einen Verein zu Gunsten aller Arretirten gründen. Jeder, der einmal arretirt zu werden besorgt, leistet eine mäßige Einlage und erhält, wenn ihm der menschliche Fall zustößt, gleichviel ob er schuldig sei oder nicht, täglich 20 Kr. K. - M. aus der Gesellschaftskasse. Außerdem trifft der Verein alle erlaubten Maßregeln zur Befreinng der Gefangenen. ■— Der Mann wird gute Geschäft machen!"
Wien. Der böhmische Abgeordnete zur deutschen Nationalversammlung, Herr Moritz Hartmann, protestirt in einem an die Augsburger Allgemeine Zeitung gerichteten Schreiben gegen die neuliche Bemerkung einer Frankfurter Korrespondenz: daß er an dem Kampfe in Wien keinen werkthätigen Antheil genommen habe.
Wien, 20. November. Die Landesregierung macht bekannt, daß der Fürst Windisch-Grätz auf Antrag des Gouverneurs Frhrn. v. Melden für die in Italien liegenden Truppenkörper unter der Klaffe der für den activen Wehrstand tauglichen Individuen der Bevölkerung eine Werbung angeordnet har. Die Eintretenden erhalten ein Handgeld von 10 fl. nach abgelegtem verfassungsmäßigem Fahneneide und werden sogleich in Wien montirt, ausgerüstet und sodann an ihre betreffenden Truppenkörper abgesendet. Die Dienstverpflichtung erstreckt sich blos auf die Dauer des Kriegs. Wir wollen diese Werbung nicht als Zeichen ansehen, daß man den Krieg in Italien fortsetzen wolle, sondern vielmehr Larin eine Maßregel erblicken, durch welche möglichst viele ge- schäftslose Menschen von Wien entfernt werden. Viele hundert Arbeiter sind auch zu großartigen Schanzarbeiten für Schwechat ausgenommen worden. Man wirft dort Schanzen für Batterien auf. — Seit drei Tagen verbreitete sich allenthalben hier das Gerücht, Jedermann müsse sich auf sechs Wochen verproviantiren, weil die Einfuhr von Lebensmitteln so lange verboten sein werde. Sogar einige Plakate ähnlichen Inhalts waren für wenig Stunden in mehreren Vorstädten zu lesen. Da es bei uns nichts Unwahrscheinliches mehr gibt, so fehlte es nicht an Leuten, welche diesem Gerüchte Glauben schenkten und wunderbare Konsequenzen daraus zogen. Im Hintergründe finden wir nichts als einen Kniff der Marktverkäufer ihre Victualien um hohe Preise schnell loszuschlagen. Der Gemeinderath widerspricht auch in einem Plakat diesem Gerüchte. — Der Reichstag soll definitiv am 22. eröffnet werden. Der Präsident der letzten Tage, Smolka, wird freiwillig auf die Präsidentschaft verzichten, und man wiro wie beim Anfang einen Alterspräsidenten den Vorsitz führen lassen müssen. Nach Kremsier sind von hier aus Grenadiere in Gar
nison verlegt worden. — Graf Breda widerspricht in der Augsburger Allgemeinen Zeitung dem Gerüchte, daß er sich wegen abweichender Gesinnung in das neue Kabinett einzutreten geweigert habe. Er erklärt, daß er den Gesinnungen, welche während seiner Anwesenheit in Olmütz von den anwesenden zum Ministerium Berufenen ausgesprochen wurden, vollkommen beistimmt, und als Vaterlandssreund nur wünschen müsse, daß das neue Ministerium jene Anerkennung und Unterstützung finde, welche es ihm allein möglich machen werde, seine so schwierige Aufgabe glücklich zu lösen.
Wien, 21. Nov. Dem FeldmarschaUlieutenant Moga, der: das ungarische Heer befehligt, ist noch die Frist bis zum 26. Nov. ' vom Fürste Windischgrätz eingeräumt worden, um zu den österreichischen Fahnen mit den ihm unterstehenden Truppen zurückzukehren, nach deren fruchtlosem Ablauf wird den mit den Waffen gegen die k. k. Truppen Betretenen die kriegsrechtliche Behandlung angekündigt. Mehrere Abtheilungen Hnsaren sind aus Ungarn zur österreichischen Armee übergegaugeu. Nebst zahlreichen i Freilassungen treten jetzt nach einander Begnadigungen ein, worunter die eines Dr. Med. Paluzzi gehört, gegen den das Todesurtheil ausgesprochen war. Auf das förmlichste wird dem sehr verbreiteten Gerüchte widersprochen, daß heimliche Hinrichtungen stattfinden, da im Gegentheil die Veröffentlichung geschehe, um als Warnung zu dienen. Borrosch und Schwarzer haben von ihren Wählern Mißtrauensvoten erhalten, und es ist damit mehr als zweifelhaft, daß sie ihre Sitze am Reichstag wieder einnehmen werden. Man betrachtet den Eintritt Bachs ins Ministerium nur als provisorisch, und bezeichnet bereits den Hofrath Stelzhainmer, der als sehr verdienstvoll gerühmt wird, als seinen Nachfolger.
(Proklamation des Fürsten Alfred zu Windischgrätz, k. k. Feldmarschalls, Oberbefehlshabers aller k. k. Truppen, mit Ausnahme der in Italien stehenden rc.) Bewohner Ungarns und Siebenbürgens! Die wenige Monate dauernde Gewaltherrschaft einiger verrätherischen Aufrührer hat das friedliche Ungarn zum blutigen Kampfplatz eines verhängnißvollen Bürgerkriegs gemacht. Die Aufrührer haben es gewagt, gegen die Reckte und das Ansehen ihres gekrönten Königs sich aufzulehnen. Die Freiheit der Person ist unterdrückt, die Sicherheit des Eigenthums gefährdet, und der friedliche Landmann, seiner nützlichen Beschäftigung entrissen, wird gezwungen, die Waffen gegen seinen rechtmäßigen gekrönten König zu ergreifen. Diesem unheilvollen, die Wohlfahrt und Sicherheit seiner Reiche gefährdenden Zustande ein Ende zu machen, ist unseres Monarchen Pflicht, Befehl, mithin meine strengste Aufgabe Auf den allerhöchsten Befehl Sr. Mai, der Euer König und Großfürst ist, werde ich mit einer tapfern und treuen ArmeeEuer Land betreten, nicht mit feindseligen Absichten, sondern um den Aufruhr zu bewältigen und Eurem von Parteien zerrissenen Land den Frieden wiederzugcbcn. Meine Truppen werden strenge Mannszucht halten, aber jeden der gegen sie die Waffen führt, ergreift, oder andere dazu zwingt oder verleitet, als Feind Sr. Maj., als Aufrührer behandeln. Bewohner Ungarns und Siebenbürgens, die ihr wahre Patrioten und Eurem König treu seid, von Eurer Ritterlichkeit, Eurem durch Jahrhunderte bewährten Edelmutb erwarte ich, daß ihr mir hülfreiche Hand bieten werdet, den Willen unsers Kaisers und Königs auf friedlichem Weg vollziehen zu können! Ihr, durch böswillige Aufrührer Verlockte, der letzte Augenblick ist gekommen zur Treue an Eurem König zurückzukehren, dann könnt ihr auf unseres Monarchen Gnade und auf meinen Schutz und Fürsprache vertrauen. Aber jene, welche dieses unglückliche Land ihrer Herrschsucht und strafwürdigen Eitelkeit geopfert, sollen in mir ihren strengen Richter finden, denn Schutz dem Getreuen, Verzeihung dem Bereuenden und Verderben den Aufrührern , ist mein Wahlspruch! Hauptquartier Schönbrunn, 13. Nov. 1848. Fürst zu Windisch-Grätz, k. k. Feldmarschall.
Olmütz, 20. Nov. Gestern sind Fürst Schwarzenberg und Dr. Bach nach Wien abgereist, wir glauben, Maßregeln der Milde (mit Pulver und Blei), welche demnächst in Wien eintreten sollen, mit dieser Mission in Verbindung bringen zu dürfen. Zugleich mit ihnen sind die Mitglieder der Frankfurter Reichsversammlung, , Plytzl und Paur aus Augsburg, nach Wien gegangen. — Auch eine Deputation österreichischer Serben, sowie der Sachsen aus
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