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Neue Hessische Zeitung.

è' i^^e Dienstag, den 28. November. 1848.

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Modert Blums Leichenseste

* K a sse l, 27. November. Auch in Kassel hat man gestern e Trauerseier begangen, welche jetzt in den deutschen Städten iren düstern Umzug hält. Wie fast in allen deutschen Städten, o es politische Vereine und Parteien giebt, so hat auch in assel ein gemeinschaftlicher Schmerz das Volk und seine ver- hiedenen Richtungen zu einer gemeinsamen Trauer zusammenge- hrt. Wir sagen, ein gemeinsamer Schmerz, denn wir sind weit »von entfernt, in dieser Feier die Demonstration einer Partei rzuerkennen.

Wir brauchen insbesondere nicht mit der Partei zu trauern, elche Robert Blum den ihren nannte: sie selbst hat als Partei me Ursache zur Trauer. Robert Blum wird von den Männern, nen er seit dem Anfänge unseres neuen politischen Lebens vor- lschritt, mit Recht beklagt werden, wie man einen lieben Freund id Wohlthäter beklagt, wennerdahingegangen ist; die Partei s solche kann seinen Tod für nichts weniger als ein Unglück - lten. Wir wollen der Tüchtigkeit Blums als Parteiführer cht im Mindesten zu nahe treten, aber Niemand wird uns wi- rsprechen, wenn wir sagen, daß er durch sein Leben und Wirken rmöglich mehr Sympathien und Aussichten im Aaterlande für ne Sache hätte erwerben können, als er durch sein Ende er­erben hat. Wenn schon im gemeinen Leben derjenige unser rz gewinnt, an welchem ein Unrecht begangen wird, wie viel hr nicht hier, wie viel mehr nicht jetzt in einem Volke, dessen rz und Neigung auch in der Politik noch ganz beherrscht wird n den Ereignissen des Tages, wie viel mehr nicht, wenn das irecht von einem Feinde herrührt, über dessen Macht und Eri- nz vornehmlich die Geister mit einander im Streite liegen! )bert Blum, der Mann der Freiheit, von der Reaction gemor- ! Dieses Wort geht jetzt durch die Welt, mächtiger als alle den, wirksamer als alle Parteilist. Wie einst der todte Cid, kann jetzt der todte Robert Blum unter Freund und Feind c manches Wunder wirken , was der Lebende nimmer gekonnt te! Nein, die Partei als solche hat keinen Grund, den d des Führers gerade als ihr besonderes Unglück zu beklagen, 6 in diese Klauen brauchen wahrlich auch die Anderen nicht zustimmen.

Wir wiederholen es, nicht dein Führer einer Partei im Volke t diese Trauer; sie braucht nicht einmal dem Manne zu gelten, lcher dem gesummten Volke einst ein Vorkämpfer war, zu er Zeit, da es nur eine Richtung und einen Gedanken im itischen Leben des deutschen Volkes galt, den Sturz des Ab- ntismus. Wenige nur haben sich damals dem Kampfe für die eiheit unterzogen, und Robert Blum war einer der wenigen.

tapfer und tüchtig er gestritten, deß ist ganz Sachsen Zeuge; hl hat er es damals um uns verdient, daß wir bei seinem de trauern. Aber auch diese Betrachtung giebt dem Todten te eigentliche tiefgreifende und weitreichende Bedeutung noch ht. Was uns alle bei diesem Todten erschüttern, furchtbar er- ittern muß, das ist das gegenwärtige Bild des deutschen Vaterlandes ' der deutschen Freiheit. .Immer und immer wieder tritt es uns der Gestalt des Todten vor die Seele und zeigt uns die klaf­fen Wunden, die man ihm schlug, als der deutsche Volks- reter standrechtlich erschossen ward.

Es sind traurige Betrachtungen, zu denen dieses Bild uns fordert. Als im März die verhaßten Fesseln sprangen und Frühlingssonne der Freiheit lustig in die Herzen schien, da hte und grünte es überall im Vaterlande und die Einheit und Freiheit der deutschen Völker, welche in taufend frischen Knos- und Blüthen verheißen war, man nahm sie schon als

eine reife Frucht dahin. Mit fröhlicher, naiver Unbefangenheit glaubte man sich in dem seither unfreien und ganz zerrissenen, nun plötzlich so ganz frei und einig gewordenen lieben deutschen Vaterlande ohne Weiteres einrichten zu können. Ob man einen nordamerikanischen, oder einen schweizerischen Bundesstaat oder eine französische Republik einführen, ob man ein sonstiges Muster nehmen oder ganz nach eigner Idee sich dies neue Deutschland mit oder ohne Kaiser einrichten wolle, das waren nur so kleine Haushaltungssragen, über welche man mit gegenseitiger Gefällig­keit ohne sonderlichen Streit in aller Kürze ins Reine zu kom­men hoffte. Das Alles waren ja auch am Ende gleichgültige Fragen; stand doch die Hauptsache fest: daß der Freiheit.kein Feind mehr etwas anhaben und daß für das deutsche Reich in alle Wege ein Mittelpunkt, ein Gesetz und Schutz, eine unüber­windliche Macht gefunden sei.

Seitdem ist es Sommer und Herbst und Winter geworden. Von den Blüthen sind viele abgefallen, und von den Früchten nicht alle reif geworden. Die poetischen Frühlingstage haben schlimmeren Tagen weichen müssen und wie Alles, was leben und gelten will, so sind auch unsere politischen Hoffnungen auf dem rauhen Weg der Wirklichkeit um manche süße Täuschung ärmer, um manche bittere Erfahrung reicher geworden.

Die wahrhaftige Freiheit des Volkes ist im Kampf der Factionen mehr und mehr zurückgetreten und die Einheit vor dem aufstrebenden Sonderthume mehr und mehr gewichen. Diese quälende, seit Monaten immer schwerer auf uns lastende Thatsache hat endlich in bet Katastrophe Robert Blums einen furchtbaren Ausdruck erhalten und das ist es, was dieser Katastrophe ihre Bedeutung giebt. Wir erblicken in der Macht, welche unter andern Schlacht­opfern auch den deutschen Volksvertreter füsiliren ließ, die Macht, die man geistig und körperlich vernichtet wähnte, und welche, wie es sich nun zeigt, dock noch lebt, die Macht der eigentlichen Reaction, die Macht, welche weder die Freiheit noch die Einheit Deutschlands will, weil sie Nichts davon versteht, weil sie gar keine Ahnung davon hat. Daß der 'Fürst von Windischgrätz und seines Gleichen die Reaction und den Absolu­tismus kinzuführen beabsichtigen, und daß sie diese Absicht angenommen selbst auf der Culturstufe der österreichischen Völker sie wieder einzuführen die dämonische Kraft besäßen, das glauben wir freilich nicht; aber darauf kommt es auch nicht an. Daß aber Windischgrätz und seines Gleichen so wenig von der constitutionel- len Freiheit wissen, daß sie, mit dieser Freiheit im Munde, wochen- lang alle Ordnungen des Staates aufheben und die unerhör­teste Willkür verüben, daß sie sich ohne irgend ein Bedenken an geheiligten Volksvertretern vergreifen können, und daß sie end­lich ihren Begriff von der deutschen Einheit durch die Verhöh­nung der deutschen Reichsgesetze, durch die Erecution eines deut- chen Reichstagsdeputirten beurkunden, das ist es, was Deutsch­land mit Schmerz erfüllen muß. In Robert Blum ist nicht der Mensch, nicht der Feind, nicht der Aufrührer, sondern es ist in ihm die Garantie konstitutioneller Freiheit, und die Heiligkeit der deutschen Reichsgesetze standrechtlich erschossen worden.

Wenn es aber noch Leute im Vaterlande giebt, welche die constitutionelle Freiheit und die Reichsgesetze standrechtlich zu trac- tiren wagen, und wenn diese Leute groß und mächtig sind, also daß es zur Zeit noch keinen Richter für sie gibt, dann hat das Volk allerdings Ursache zu trauern. Es hat sogar die Pflicht dazu, denn in der würdigen Trauer bildet sich die sittliche Kraft, welche dereinst mehr vermögen wird als Bajonette, ja welche die Bajonnette nicht blos besiegen, sondern daheim sogar ganz über­flüssig machen soll. A. P.