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Neue Hessische Zeitung.

M 199.

Sonnabend, den 25. November.

1848.

Die Neue Hessische Zeitung erscheint täglich, Sonntags mit einem Unterhaltungsblatte, und wird vor 12 Uhr Morgens ausgegebcn. )er Abonnementspreis beträgt 1 Thlr. 15 Sgr. fiir das Quartal, wofür alle kurheffischen Postämter solche ohne Preiserhöhung liefern, lnzeige» jeder Art werden die Petitzeile oder deren Raum mit 1 Sgr. berechnet.

Rußland und die Reaktion, i.

Kassel, 24. November. Wiederholt macht jetzt durch ie deutschen Blätter das Gerücht die Runde, es sei zwischen Österreich, Preußen und Rußland ein Vertrag im Werke oder hon geschlossen, welcher nötigenfalls zur Unterstützung der Re­ktion eine russische Armee nach Deutschland führen solle. Man aut so viel Schlimmes der pietistischen Partei in Preußen, der olizeilichen in Oesterreich zu, daß dieses Gerücht weit und breit hne Mißtrauen gehört wird; namhafte Zeitungen haben bereits .we leitenden Artikel damit beschäftigt, zur Aufregung der Massen heint die Sache so viel beitrag,n zu sollen, wie einst in Frankreich iS berüchtigte comité aulrichien rind die conspiration Pitt-Coburg. > Aushängeschild der Legitimität, womit Rußland zwanzig ahre lang seine wahre Politik zu schminken für gut befand, gibt 'M Gerüchte geschichtliche Anknüpfung, und wenn bis jetzt noch icht die geringste Thatsache zu seiner Begründung vorliegt, I reicht es in einer aufgeregten Zeit wie der unsrigen für die llgemeine Stimmung hin, daß unter den jetzt einflußreichen Ele­menten zu Otmütz und Potsdam ohne Zweifel manche sind, denen an sehnsüchtige Blicke nach St. Petersburg mit Sicherheit zu- auen kann. Ja wir glauben sogar, daß diese Sehnsucht nach isflscher Hülfe in Olmütz besonders lebhaft ist und wir haben wn in einem früheren Artikel auf die geschäftigen Werkzeuge »gewiesen, welche dort ihr Spiel zu beginnen wieder die Frech- it besitzen. Eine andere Frage ist es freilich, ob gerade diese lemenle die vorwiegende und entscheidende Macht besitzen, und och viel weiter in Zweifel steht es, ob man ihrer Sehnsucht in Siersburg mit entsprechender Bereitwilligkeit entgegenkommen ill. Unë ist dies Alles, um es gleich herauszusagen, unwahr- heinlich, weil es dem egoistischen Interesse selbst der drei Kabi- 'tte widersprechen würde. Wir sind entfernt davon, deßhalb zur orglosigkeit aufzufordern, im Gegentheil, ivir Joben die Acht- mkeit, womit sowohl das Publikum als die Centralgëwalt das erhältniß int Auge behält, da hier wie anderwärts blinde Lei­nschaft oder verzweifelte Parleisucht die Kabinette über ihren genen Vortheil wohl verblenden könnte. Aber für einen we- ntlichen Fortschritt würden wir es halten, wenn die nicht weni- r verblendete Hitze, womit jedes begründete oder unbegründete erücht über diese Dinge jetzt ausgenommen wird, sich in wahr- ift politische Wachsamkeit verwandelte Fehltritte aus Leicht- äubigkeit sind nicht weniger gefährlich, als hartnäckiger Un= aube und in diesem Sinne wollen ivir darzulegen suchen, eßhalb bei allem Mißtrauen gegen die Camarilla eine russische ntervention uns bis jetzt noch sehr weit entfernt dünkt.

In Rußland ist man, einige enthusiastische Augenblicke Kaiser leranders ausgenommen, immer zu klug gewesen, um die Auf- chi Haltung eines politischen Princips, anstatt des eignen jedes- aligen Vortheils, zur Richtschnur der Politik zu machen. Man l 1823 die spanische und italienische, sowie 1832 die polnische Evolution verfolgt, und in all dieser Zeit die griechische Revo- tion mit allen Mitteln der Diplomatie, der Waffen, ja der eniagogie, biföidert. Man hat über die Julirevolution gczürnr, cht wegen des Stulzeö der Legitimität, sondern wegen desBru- es der französisch-russischen Allianz von 1828. Man hat daS e System in Deutschland unterstützt, nicht wegen der Blüthe r Legitimität, sondern wegen des russischen Einflusses bei den inen deutschen Regierungen. Alle diese Sätze sind aklenmäßlg kannt und erweisbar. Wenn jetzt Rußland gegen die deutsche evolution in das Feld rückte, kann man glauben, daß sein Sieg ö alte Verhältniß Herstellen würde? Ist eS nicht offenbar, daß

ein solcher Krieg nothwendig die kleinen Staaten verschlingen muß, falle der AuSgang sonst wie ec wolle, bleibe die Reaction oder die Revolution im Besitze des Kampfplatzes. Rußland müßte also andere Vortheile als die Herstellung des alten Systems erwarten: man fasse deren Möglichkeit und Gefahren etwas näher in daö Auge. Wenn ein russisches Regiment in Preußen einrückt, so ist die erste Folge, wie wir aus ziemlich ausgedehnter Anschauung versichern können, die tiefste Mißstimmung tm preußischen Officier- corps und weithin greifender Groll in der preußischen Armee die zweite, wie niemand in Abrede stellen wird, eine entsprechende fran­zösische Intervention auf der entgegengesetzten Seite. Die dritte, die sich unmittelbar daran anknüpfen würde, ein allgemeiner Auf­stand aller polnischen Provinzen. Dazu nehme man den Factor, der wichtiger noch ist, als jene alle, die Wirkung solcher Dinge auf das deutsche Volk, und man frage sich nochmals, ob das Eingehn eines solchen Spieles in Petersburg wie in Potsdam ohne genügende Nothwendigkeit gedacht werden kann?

Etwas anders liegen die Verhältnisse zwischen Rußland und Oesterreich. Hier würde eine russische Unterstützung die erwähn­ten Folgen in Deutschland und Frankreich nicht mit gleicher Ge- wißheit nach sich ziehn. Es ist sogar recht wohl denkbar, daß Rußland feine guten Dienste sowohl in der gallizischen Sache gegen einen polnischen Aufstand, als in der italienischen gegen einen Angriff der Franzosen angeboten hat. Insofern dergleichen beni österreichischen Cabinete seine Operationen gegen Frankfurt, Wien und Pesth mittelbar erleichtert, mag Rußland auch in die­sen weitern Beziehungen als österreichischer Bundesgenosse in An­schlag gebracht werden: desto unwahrscheinlicher aber dünkt unS jede unmittelbare Betheiligung Rußland an den Bestrebungen des Fürsten Windischgrätz und Jellachichs. Diese stehn dem russischen Interesse so schnurstracks entgegen, wir werden in einem zwei­ten Artikel darauf zurückkommen daß sich selbst jene indirekte Unterstützung nur aus der überwiegenden und nähern Gefahr er­klären läßt, welche ein Aufstand in Gallizien dem Innern des russischen Reichs, und das Festsetzen der Franzosen in Oberitalien dem russischen Einflüsse in den osmanischen Provinzen drohen würde. Jenes versteht sich auf den ersten Blick von selbst, dieses hat die Zeit der napoleonischen Herrschaft (1805 bis 1812) ge­zeigt, wo mehr als einmal eine völlige Umwandlung des Orients hereinzubrechen schien. (Fortsetzung folgt.)

Politische Nachrichten.

Deutschland.

-^-Frankfurt, 23 Nov. 120. Sitzung der D. R »B. N i e s s e r bemerkt zum verlesenen Protokolle, daß es in dem anqekommenen §. 33 des Entwurfseinzelner Orte und Gebiets- theile", nicht einzelnerOrts- und Gebietstheile", was ein Druck­fehler sei, heißen müsse. Schott will noch in seinem und seiner Freunde Namen eine Erklärung in Bezug auf die Abstim­mung in der preußischen Angelegenheit am Montage zu Protokoll geben. Die Versammlung gestattet dies nicht, jedoch erlaubt sie, auf den Antrag Mam mens , daß diese Erklärung gedruckt werde. Der Reichsverweser theilt der Neichsversammlung seine am 21. November erlassene Ansprache an das Volk mit. Der Vorsitzende verliest dieselbe gegen einige einsprechcnde Stimmen der Linken. Der Schluß der Verlesung ist von einzelnen Bravos der Rechten begleitet; die Linke zischt. Der oberbairische Verein zur Samm­lung der Flottenbeiträge sendet 15,278 fl. , und einen silbernen Becher, so wie einen schönen Frauenhofer für den ersten Capitän der Flotte (Bravo). Boston Übermacht für die Hinterbliebenen der Berliner Volks-Märzkämpfer 245 Mk. Banko. An die