Beilage zu ^r. 170 Der Neuen Hessischen Zeitung.
Köln, 9' Nov. Herr Appellations-Gerichtsrath v. Ammon dahier ist von dem Reichs-Ministerium des Innern zum Kommissar der deutschen Ccntralgewalt Behufs Vermittelung der Streitigkeiten zwischen den Ständen und dem Herzog von Anhalt-Bernburg berufen worden und bereits gestern nach Bernburg abgereist.
Halle, 9. Nov. Professor Leo ist seit vorgestern, anscheinend sehr befriedigt von den Ergebnissen seines Ausfluges, zurück- gekehrt. Man wird nicht irren, wenn man ihm einen gewissen Antheil an dem Zustandekommen des Ministeriums Brandenburg und dem Gange der neuesten Negierungs-Maßregeln zuschreibt. Die Hofetikette in Potsdam muß laxer sein, als die Gesellschafts- sttte zu Halle. Mindestens scheint man dort nicht daran Anstoß zu nehmen, daß die zwei angesehensten Gesellschaften hier diesen Mann seit einem halben Jahre aus ihren Zirkeln ausgeschlossen haben.
Oesterreich. Die glaubwürdigsten Nachrichten aus Olmütz versichern, Baron Wessenberg sei entschlossen, sich zurückzuziehen. Bei den besten konstitutionellen Absichten beseelt, werde er doch, da seine Popularität für lange vernichtet sei, gegen jede nächste Reichsver- sammlung unmöglich sein und Männern weichen müssen, denen die dankbare Ausgabe zufällt , durch cinlenkende Milde sich die Popularität zu erwerben, welche Wessenberg durch nothwendige Strenge zum Opfer gebracht habe.
Der O. P.A. Zeitung wird aus Olmütz unter dem 8. Nov. geschrieben: In Olmütz wird Alles für den Winteraufenthalt des Hofes eingerichtet. Die fremden Botschafter werden in den Wohnungen der Sapeurcffiziere in der neuen Kaserne nahe bei der bischöflichen Residenz ihr Logis nehmen; die österreichischen Minister und die Beamten der Hofsuite sind in dem Domherrnpalais untergebracht. Die Stadt Kremsier, mit großen Sälen und über 200 Zimmern allein im bischöflichen Schlosse versehen, wird für den Reichtag bereits eingerichtet, zu welchem Zweck Professor Sprenger beauftragt worden ist. — Das Ministerium ist noch nicht ganz fest bestimmt, nur ist gewiß, daß Wessenberg und Kraus bleiben und Breda Justizminister ist. — Die plötzlich eingetretene rauhe Winterwitterung hat die Einzüge der hanaki- schen Bauern sistirt, welche ein besonderes Schauspiel gewährten. — Die Stimmnng der Bewohner Mährens und Böhmens ist gut. Die letzteren wollen den Reichstag mit andern Deputaten beschicken, weil sie mit Borrosch und Konsorten nicht zufrieden sind.— Jellachich ist bereits nach Ungarn marschirt; zur Deckung Wiens bleiben, nachdem das Gros der Armee gegen Ungarn gezogen, 40,000 Mann. Die Aula ist unb bleibt für lange geschlossen.
Den Wiener Mobilgardisten, schreibt die deutsche Zeitung, die sich nicht hatten ergeben wollen, hat man die Alternative- gestellt, daß sie entweder vor ein Kriegsgericht gebracht werden, oder freiwillig gegen die Ungarn marschiren. Die Arbeiter, die zur gehörigen Frist die Waffen niedergelegt haben, erhalten, insofern sie bei der Mobilgarde beteiligt waren, ihre Löhnung, 25 fr. den Tag , weiter fort. Die ungarischen Schwesterstädte Budapesth soll zu dem drohenden Kriege auch die Cholera ernstlich heimsuchen. — Ein Schreiben in der A. Zeitung beklagt sich bitter über die pedantischen und unerhörten Polizei-Maßregeln, unter denen die Stadt Wien sitzt, nachdem die unglücklichen Bewohner dem Terrorismus der Demagogen entronnen, als von einer fast noch härteren Geißel heimgesucht werden. Handel und Wandel, Industrie und Gewerbe könnten unter der jetzigen Mili- tairherrschaft eben so wenig gedeihen, als in der früheren Schreckenswirthschaft. Uebrigens scheine man jetzt ernstlich bemüht einzu- lenken und cs sei dieses wohl auch den Vorstellungen des von Olmütz an Windischgrätz gesandten Stadion zuzuschreiben. Die Kommunikation mit den Vorstädten ist hergestellt und Lebensmittel strömen herbei, die zum Theil völlig mangelten und zu enormen Preisen bezahlt wurden. Der Gemeinderath hat bekannt gemacht, daß mittellose Individuen, beiderlei Geschlechts, Beschäftigung finden können, woran cs in der That auch nicht fehlen wird, da die Herstellung der vielen beschädigten und zum Theil zu Grunde gerichteten Gebäude in den Vorstädten, besonders in der Jägerzeil, viele Hände in Anspruch nehmen, während außerdem auf der Eisenbahn und an den zerstörten Brücken genug
Arbeit für viele tausend fleißige Menschen vorhanden sein wird. Neue Nachrichten von Niederlagen der Ungarn waren in Wien kingetroffen, dagegen wird die Stimmung in den deutschen Provinzen, besonders in Tvrol immer bedrohlicher. In dem durchaus deutschgesinirten Salzburg halte die Kunde vom Falle Wiens mehrtägige Unruhen zur Folge. Die Bewobncr erklären offen, deutsch sein und bleiben zu wollen. — Es bestätigt sich, daß l)r. Schütte unter dem Schutze des nordamerikanischen Gesandten stehe, der ihm irgend einen ftngirten Posten übertragen hat. Die beiden Hauptagitatoren des Studentenkomitès haben den Schutz des französischen Gesandten in Anspruch genommen, der ihnen Kourier- stellen übertragen haben soll. — In Wien circulirte am 6. Nov. folgende Ministerlistc: Graf Stadion, Ministerium des Innern und Präsidentschaft, Colloredo auswärtige Angelegenheiten, Schwarzenberg Krieg, Kraus oder Kübeck Finanzen. Bruck und Meyer sollen gleichfalls ins Kabinet treten.
Wien. Bei der Belagerung Wiens sind vom Militair 13 Offiziere und 140 Mann geblieben ; vermißt werden 47 Mann, verwundet worden sind 38 Offiziere und 570 Diann; die Kroaten sind jedoch hierbei nicht miigcrcchnct.
Der gewesene kommandirende General Graf Auersperg hat seine Entlassung genommen, weil man ihm den Vorwurf machte, sein Einschreiten sei am 6. Ort. nicht energisch genug gewesen, um den Ausstand zu unterdrücken.
Die Zahl der Civilpersonen, die bei den Angriffen der Linien gefallen sind, beträgt nach der Schles. Ztg. etwa 800. Außerdem sind im Odeon, wo ein Nothhospital errichtet war, viele Verwundete gestorben. Hierzu fonnnen noch gegen 200, die am 6. in der Stadt gefallen sind.
Die Stadt Lemberg, welche zufolge eines wie cs scheint, ziemlich unbedeutenden Aufstandes in Velagerungsstand erklärt und bombardirt worden ist, hat über unersetzlichen, auf 2 Millionen sich belaufenden Schaden zu klagen. Die Universität mit der an Manuskripten reichen Bibliothek ist in Flammen aufgegangen, das Rathhaus ist eingestürzt, ein Theil der Krakauer Straße, das alte Theater und die Münze sind in Schutthaufen verwandelt; die Arten und das Archiv des Magistrats sind ebenfalls verbrannt. Die Anzahl der Gefallenen ist noch nicht bekannt; man spricht von 200.
-s- Kassel, 14. Nov. (Eingesandt.) Ein Artikel in der Neuere Hessischen Zeitung, betitelt: Die Berliner Krisis, der unter wechselnden Korrcspondenzzeichen durch drei verschiedene Nummern läuft (Nr. 162, 166 unb 168) giebt , vom Standpunkt unbefangener Beobachtung aus, zu folgenden Bemerkungen Anlaß: Nach einer wahrhcitstrcucn Schilderung der Berliner Nationalversammlung und ihrer Umgebung fommt der Verfasser in Nr. 162 zu dem richtigen Schluffe: daß diese Versa mm- l u n g d i e Revolution p r o c l a m i r t habe durch ihre Adressen an den König, wodurch sie den Rücktritt des Grafen Brandenburg verlangte.
In Nr. 166 wird die Aufrechthaltung des Ministeriums, dessen Auflösung nach obigem im Namen der Revolution verlangt worden war, getadelt, aber das Recht der Krone, die Versammlung zu verlegen unb zu vertagen wird positiv anerkannt und nur hinzu- gesügt, daß man des polititischen Anstaudes halber die Versammlung selbst, trotz der schon stattgefundenen Ueber- schrcitung ihrer Befugnisse hierum zuvor hätte befragen müssen. In Nr. 168 endlich ist gesagt, die Regierung wende sich gegen die Existenz der Versammlung, weil sie von dem jetzt als zweifelhaft dargestellten Recht der Verlegung und Vertagung Gebrauch gemacht habe, und die Sympathien des Verfassers neigen sich augenscheinlich auf Die Seite der in revolutionärer Haltung beharrenden Majorität der Versammlung.
Wo findet sich nun eine konsequente Beurtheilung der Berliner Krisis, in jenen Artikeln oder in der Handlungsweise der Preußischen Regierung? Eine Versammlung, berufen zur Vereinbarung einer Verfassung mit der Krone, die sich seit sechs Monaten mit allen möglichen Gegenständen, nur nicht mit ihrer eigentlichen Aufgabe befaßt hat, gegen deren verderbliche Tendenz und Zeitverschwendung zahllose Adressen aus allen Gegenden des Landes einlausen, die durch Majorität erklärt hat, daß sie die