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Neue Hessische Zeitung.

a» um. Dienstag, den 14. November. 1848.

Die Neue Hessische Zeitung erscheint täglich, Sonntags mit einem Unterhaltungsblatte, und wird vor 12 Uhr Morgens ausgegeben. Der Abonnementspreis beträgt 1 Thlr. 15 Sgr. für das Quartal, wofür alle kurhessischen Postämter solche ohne Preiserhöhung liefern. Anzeigen jeder Art werden die Petitzeile oder deren Raum mit 1 Sgr. berechnet.

Die Berliner Krisis in.

* Kassel, 13. Nov. Die Entwickelung der Dinge in Berlin ist in ein neues Stadium getreten. Die Regierung hat den betretenen Weg mit eisernem Schritte verfolgt, die National­versammlung ist ihr nicht aus dem Wege gegangen, aber sie hat sich auch in keinen offenen Kampf eingelassen, die zwei Gewalten, welche seit dem März mit gleichen Ansprüchen auftreten, stehen sich jetzt gerüstet gegenüber, aber noch ist der Zusammenstoß nicht erfolgt. Wenn er geschehen sollte, ehe sich beide wohl oder übel vertragen lernen, welches wird die nächste und welches die fernere Folge sein?

Wir sind nicht Prophet genug, um die Beantwortung dieser schweren Frage zu unternehmen So viel scheint uns Har, die Regierung hat sich durch ihr unkluges Benehmen in eine schlechte und die Nationalversammlung hat sich durch die in den letzten Tagen beobachtete kluge Haltung in eine um so günstigere Si­tuation gesetzt. Noch vor wenigen Tagen hatte diese Versamm­lung fast die ganze öffentliche Meinung gegen sich. Durch die maßlosesten Uebergriffe und Ungeberdigkeiten hatte sie es bei dem eignen Volke, durch die Beschlüsse in der Posener Frage hatte sie es nicht blos bei dem eignen Volke, sondern auch bei dem ge- sammten Deutschland, durch ihr Buhlen mit den Gassenhelden hatte sie es endlich bei der ganzen civilisirten Well verdorben. Die Regierung aber war unüberwindlich, wenn sie der entarteten Constituante nöthigenfalls mit Nachdruck auf ihren Abwegen ent­gegentrat.

Wie ganz anders stehen die Dinge jetzt, wo die Regierung durch ihr inconstitutionelles Ungeschick wir sagen Ungeschick, denn noch reden wir nicht von Reaetion, obgleich der politische 3 Uebermuth, der hier auf Seiten der Regierung zu Tage tritt, mit dem Absolutismus nahe genug verwandt ist sich das Spiel verdorben hat, das Spiel, wofür am Ende doch das Land büßen muß. Sie wandte sich gegen die Existenz der Ver­sammlung, sie stellte einen Satz auf, in welchem die Stimmen mindestens getheilt sind, ja in welchem sie die große Menge ent­schieden gegen sich hat, sie stellte diesen Satz nicht blos auf, son­dern vollzog ihn sofort mit einseitiger Härte, sie fügte Macht­gebot zu Machtgebol und während sie plötzlich keinen Feind mehr auf der Gasse findet, wohl aber die souveraine Versammlung, die sich mit Duldermiene verfolgen läßt, geräth sie in die höchst un­glückliche Stellung der gegen die ruhige Majestät des Volkes, nicht gegen den frechen Abschaunr gerichteten Bajonette.

Auf der andern Seite entspricht die Haltung der National­versammlung ganz der Größe des Augenblicks und ist wohl ge­eignet, ihr das in den Märztagen errungene und seitdem verlorene Terrain wieder zu gewinnen. Es ist plötzlich eine Ruhe, eine Würde und Besonnenheit über diese Versammlung gekommen, mit welcher sie von Anfang an Hütte unüberwindlich sein können und mit welcher sie auch jetzt noch siegen kann; es ist, als ob es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen wäre: was sie nie gethan hat, thut sie jetzt, sie wird sich ihrer Stellung und ihrer Schranken beivußl unO gerade, das in dem lockenden Augenblicke, wo sie sich neben der Krone zu behaupten genöthigt sieht. Die­selbe Versammlung, welche so oft auf das Keckste in die Regie­rung des Landes einzugreifen wagte und noch vor wenigen Tagen den Bürgergarde-Commandeur spielte, begnügt sich jetzt mit dem passiven Widerstande und mit der bescheidenen Erklärung, daß über die Gerechtigkeit ihrer Sache in Ermangelung anderer Ju- stauzen doch zuletzt nur die öffentliche Meinung entscheiden könne.

Wer Berlin und die Nationalversammlung nur in diesen Tagen

beobachtet hat, der muß sich allerdings sagen:dieses Volk ist frei und diese Versammlung ist seiner werth" Niemand wird sie unterdrücken können. Und wer es weiß, welche Wunder die Macht des Augenblickes in einer aufgeregten Bevölkerung in dieser aufgeregten Zeit bewirkt, der wird sich auch die Folgen dieser Tage nicht verbergen können. Und auf das Gesammturtheil der Bevölkerung kommt es dann doch am Ende an. Wenn der un­heilvolle Conflict nicht gelöst wird, dann muß doch zuletzt die Stimme der Provinzen entscheiden und wenn in Berlin die Mi- litairmacht noch so überwiegend ist man wird doch nicht das ganze Land mit Bajonetten bedecken können; das ganze Land wird den Ausschlag geben.

Aber wir hoffen noch auf eine Lösung des Conflictes, mindestens . erwarten wir sie in irgend einer Weise von Frankfurt zu erhalten; jetzt oder nie ist der Augenblick gekommen, wo man in Frank­furt zeigen kann, daß und wofür eine höchste Reichsgewalt vor­handen ist.

Wir werden auf dieses Thema zurückkommen. Inzwischen aber wollen wir im Vorgefühl des versöhnten und ausgeglichenen Streites noch einmal auf die Berliner Versammlung und auf das bessere Bewußtsein Hinweisen, das ihr im ernsten Augenblicke gekommen zu sein scheint. Nicht wollen wir annehmen, daß es die Furcht vor Wrangels scharf geschliffenen Säbeln, oder die niedere Berechnung des zu gewinnenden Vortheils war, welche sie zu dieser würdevollen Haltung bewog, wir wollen glauben, daß sie allein von der Größe des Augenblickes erfüllt und zur Erkenntniß. getrieben ward. Dann wenn der Zweck des Trauerspieles erfüllt sein sollte, ohne daß es des Trauerspieles selbst bedurfte, wenn diese seither so wankelmüthige, allen Launen und Umtrieben ausgesetzte, das Staatsschiff jeden Augenblick mit Meuterei bedrohende Versammlung von Klubbisten plötzlich in der Stunde der Gefahr zu ernsten Gesetzgebern bleibend umgewandelt und sich der Größe ihrer Aufgabe bewußt geworden wären dann wollten wir die Gefahr von Herzen segnen, welche so Großes und Segensreiches schuf.

Politische Nachrichten.

Deutschland.

-^Frankfurt, 10. Nov. 113. Sitzung der D. R.-B. Tagesordnung: Berathung der Art. IV nud V des Verfassungs- Entwurfs. Der Vorsitze live v. Gagern theilt der Versamm­lung mit, daß der Abgeordnete Rüge auf ein Erwiderungsschreiben des Bureaus vom 13. October, worin derselbe ersucht wird, sich innerhalb 3 Wochen zu erklären, ob er aus der Nationalver­sammlung austreten oder auf seinen Platz zurückkehren wolle, bis jetzt nicht geantwortet habe, und fragt die Versammlung, was sie in diesem Falle beschließt. Mit sehr großer Majorität wird beschlossen, daß Herr Ruge als ausgetreten zu betrachten sei. Berger interpellier das Ministerium, welche Schritte es gethan habe, oder welche Maßregeln es ergreifen werde, um die noch rückständigen Wahlen in den deutsch-österreichischen Provinzen gegen jeden büreaukratischen Einfluß sicher zu stellen, und die Freiheit der Wahlen aufrecht zu erhalten. Der Interpellant begründet diese Interpellation mit Bezug auf ein Schreiben des k. L Gu- berniums zu Brünn an den k. k. Kreishauptmann zu Teschen, worin Letzterer aufyeforbert wird, allen Einfluß anwenden zu wollen, wo die Wahlen noch nicht erfolgt sind, mit aller Kugheit und Umsicht zu bewerkstelligen, daß bei vielen Wahlen nur Män­ner von erprobter (nicht deutschthümlender) Gesinnung gewählt werden mögen Zur Tagesordnung übergehend, verzichtet die Versammlung nicht auf die Diskussion des Art. M. Aach-