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Beilage zu Nr. 162 der Neuen Hessischen Zeitung.

Ueber die Ereignisse in der Kammer bemerkt ein Correspondent der Weser-Zeitung unter dem 4. Folgendes:

Der Landtag hält, wie er gestern und heute in überwiegender Majorität nachgewiesen hat, bis jetzt noch sehr fest und zähe an den constitutionellen Formen. Dieser Beweis ist geführt durch die Adresse, welche sich in streng eonstitutionellen Formen bewegt, ist durch den daran sich knüpfenden Bericht des Präsidenten v. Unruh über den Ausfall der Deputation bewährt und hat sich in der Haltung der Kammer herausgestellt, als es die äußerste Linke nicht über sich zu bringen vermochte, in der heutigen Vor- mittagssitzung die Aeußerungen des Abgeordneten Jacoby an den König bei der gestrigen Audienz mit Stillschweigen zu übergehen. Daß Herr Jacoby bei seiner sonst bekannten und bewährten Vor­sicht und Besonnenheit in politischen Dingen sich gestern dem Könige gegenüber vom innern Drange hinreißen ließ, an den König, der keinen verantwortlichen Minister $ur Seite hatte und sich deshalb kaum auf Erörterungen cinlassen konnte, ein Wort zu richten, wie:es sei das Unglück der Könige, die Wahrheit nicht hören zu wollen", läßt sich eben nur erklären, wenn man dabei das Gefühl eines für das Volkswohl begeisterten Mannes in Anschlag bringt. Herr Jacoby gilt aber unter denen, die ihn näher kennen, für einen Mann, der seine Gefühle auch in leiden­schaftlich-bewegten Momenten zu beherrschen weiß; deshalb legt man dem Vorfälle die Absicht unter, und ist verstimmt. Ein kühner Griff und großer Wurf ist es gerade nicht, einem Könige in der gegenwärtigen Lage eine Wahrheit wie die erwähnte, zu sagen, die im Grunde genommen zu den fast verbrauchten Gemein­plätzen gehört. In der Kammer konnte Herr Jacoby auch höch­stens bei seiner Partei auf Beistimmung , daß er den Moment gut benutzt habe, rechnen; von allen übrigen Fractionen wurde sein Wort als eine (Überschreitung der constitutionellen Form, und noch für etwaS mehr bezeichnet und desavouirt; jedoch hat die äußerste Linke durch dieses Wort bei dem großen Haufen und zwar nicht blos bei denen, welche aller politischen Bildung ent­behren, sondern auch bei vielen, welche sich gern von der Masse absondern, einen neuen Stein im Brette erhalten; denn das Wort schmeichelt dem Gefühle der Gleichmacherei, und ergötzt den demo­kratischen Instinkt. Wir halten uns für überzeugt, daß Jacobys Wort die eigentliche Quintessenz aus den bedeutungsvollen Er­eignissen am gestrigen und heutigen Tage enthält, daß es dem Königthum» für die Dauer eine tiefere Wunde geschlagen hat, als die gestern veröffentliche und übermorgen wahrscheinlich zurück- genommene Berufung des Grafen Brandenburg an der Spitze eines angeblich auf die Bontrerevolution angelegten Ministeriums, denn es ist so allgemein verständlich, daß jedes Kind seinen In­halt begreifen und behalten kann.

Berlin, 5. Nov. Der Magistrat der Hauptstadt hat in einer Bittschrift der Nationalversammlung die Beschleunigung des Verfassungswerkes ans Herz gelegt. Dieselbe Behörde schreibt auf den 22. Nov. einen allgemeinen Stävtetag nach Berlin aus, welcher die der Nationalversammlung vorliegenden beiden Entwürfe einer Gemeindeverfassung begutachten soll.

* Berlin. Die Sitzung vom 6. November hat statt ge­funden. Sie war sehr unbedeutend. Einzelne Mitglieder mach­ten sich gegenseitig Vorwürfe wegen ihres neulichen Benehmens. Abgeordneter Scheidt hat nach Angabe der Zeitungs-Halle fol­genden Antrag für eine der nächsten Abendsitzungen vorbereitet: Die hohe Versammlung wolle beschließen, daß es allen denjeni­gen, von denen nicht zu erwarten steht, daß sie mit Aufopferung und Hingebung an der Bildung einer constitutionellen Monarchie Mitwirken wollen, weil sie etwa dem Absolutismus oder Republi­kanismus anhängen, zur Ehrenpflicht zu machen sei, aus einer Versammlung auszuscheiden, die zur Vereinbarung einer consti- tutionellen Verfassung mit der Krone berufen ist." Es ward eine königliche Botschaft verlesen, betreffend die Verbesserung der Lage der Invaliden aus den Freiheitskriegen; ferner eine andere, ent­haltend ein Gesetz über die Regulirung der bäuerlichen Verhält­nisse in Schlesien. 9m klebrigen ward der erste Bericht der Petitions-Commission beendigt und auf den Antrag des Präsiden­ten beschlossen, die heutige seit Sonnabeud ver la gte

Sitzung zu schließen und Morgen den Bericht der Petitions- Commission auf die Tagesordnung zu stellen.

Dresden, 4. Nov. (Beschluß zu Gunsten Wiens.) Die zweite Kammer beschäftigte sich ehegestern mit den deutschen In­teressen in Oesterreich. Abg. Tzschirner begründet kurz seinen An­trag: daß die Staatsregierung alle ihr zuständigen Mittel zum Schutze der in Wien gefährdeten Volksfreiheit ergreifen möge." Bereits habe die Berliner Nationalversammlung einen ähnlichen Beschluß gefaßt, und wenn auch die kleinern deutschen Staaten alle ihre Stimmen vereinigten, so würde dies immerhin von großem Gewicht sein. Zwar hätten die Wiener gewaltsam Wi­derstand geleistet, doch nur provocirt dazu von der Camarilla, die Oesterreich zu einem Slavenreich machen wolle. Die deutsche Centralgewalt habe nichts dabei gethan, als zwei machtlose Reichs- kommissaire nach Wien geschickt; doch solle man es noch einmal mit ihr versuchen. Nachdem die Kammer einstimmig die sofortige Berathung dieses Antrags beschlossen, erhob sich Staatsminister von der Pfordten: In dem österreichischen Völkerdrama erregt be­sonders zweierlei unsere Sympathien, die deutsche Nationalität und die constitutionelle Freiheit, die beide innig verbunden sind; denn der Sieg der erster» ist auch der Sieg der bürgerlichen Freiheit. Die sächsische Regierung wird, wo eines der beiden gefährdet ist, ihr Möglichstes thun; ob sie gefährdet sind, ist jetzt mit Bestimmtheit noch nicht zu ermessen. Die geistigen Mittel, die der Regierung zu Gebote stehen, habe sie sofort ergriffen und am 22. October dem sächsischen Gesandten in Wien, so wie am 23. Oct. dem Bevoll­mächtigten in Frankfurt geschrieben, daß sie den Sieg der deutschen Sache wünsche, und wie beide in diesem Sinne sich verhalten sollten. Wäre das Schreiben des Jellachich an die Slovanska Lipa au­thentisch, so sei allerdings die deutsche Nationalität gefährdet; doch fände man ein Gegengewicht in dem deutschen Kaiserhause, sowie ein anderes gegen die Bedrohung der bürgerlichen Freiheit in den Zusicherungen des Kaisers, daß die constitutionellen Freiheiten un­bedingt aufrecht erhalten werden sollen. Ein Einschreiten der deutschen Regierungen sei erst Pflicht, wenn der Erfolg des Wie­ner Kampfes nicht recht benutzt würde. Metzler wünscht die Cen­tralgewalt, von der die nöthige Energie und Unparteilichkeit in dieser Sache kaum zu erwarten sei, durch die einzelnen deutschen Staaten im Feuer zu erhalten, und beantragt daher mit Schenck: bei der Centralgewalt auf energische Jntercesston zu Gunsten der deutschen Ehre, Freiheit und Nationalität in Oesterreich zu wirken." Dieser Antrag wird von allen Kammermitgliedern unterstützt. Tzschirner, erfreut über die Einigkeit aller Parteien, zieht seinen Antrag zurück und die Kammer nimmt hierauf einstimmig den Metzler-Schenkfchen Antrag an. (Hannov. Morg. Ztg.)

B e r n b u r g , 2. Nov. Der Herzog und die Herzogin sind gestern nach Quedlinburg abgereist, angeblich in Folge eines ihnen zugegangenen Drohbriefes, in welchem auf Gewalthätigkeit gegen die Person des Herzogs hingedeutet worden sein soll, für den Fall, daß er nicht ohne Weiteres dem neuen Staatsgrundgesetz, welches gestern von dem Landtage definitiv angenommen worden ist, seine Zustimmung gebe. Der eigentliche Grund der Entfer­nung soll aber eine Intrigue der bekannten Camarilla (an deren Spitze der ehemalige hannoversche Hauptmann Kutteroff steht) sein, welche über die Bestimmung der Civilliste in dem neuen Grundgesetze unzufrieden ist und durch ihre Umtriebe gern Un­ruhen und in Folge derselben eine militairische Occupation des Landes herbeiführen möchte. Der Plan ist indeß nicht gelungen, die Ruhe ist nicht gestört worden.

Alfen, 30. Oct. Dem außerordentlichen Regieruttgsbevoll- mächtigten, Herrn Bargum, ist zu erkennen gegeben, daß die Alsinger und Arö'er Dänemark incorporirt zu werden wünsch­ten und schon deshalb eine Petition abgesandt hätten.

Ungarn.

DiePreßburg. Z." vom 29. enthält ein aus ungarischen dem Hauptquartier Pahrendorf vom 25. Oct. datirtes Schreiben Kossuths an Windischgrätz, welches Oberst Jwanka als Parla­mentair letzterem überbrachte. Kossuth setzt in demselben den beispiellosen Verrath einer arglistigen Hofkamarilla an der Selbst­ständigkeit der ungarischen Monarchie" auseinander, schildertden