Einzelbild herunterladen
 
  

- 1202 -

ungarischen Streitkräfte nicht kommandirt haben. Kossuth selbst jst bei der ungarischen Armee gewesen und Hal, wie man ver­sichert, den linken Flügel angeführt. Die Ungarn haben, wie es scheint, ein eigentliches Gefecht vermieden; auch sollen sie die we­nigen regulairen Truppen, welche sie hatten, streng bewacht haben, weil sie Desertionen fürchteten. Man glaubt, daß die ungarische Armee, nachdem sie sich von der österreichischen Grenze zurückge­zogen, gegen den General Simonich sich gewandt habe, welcher von Galizien aus mit 10,000 Mann in den nördlichen Theil von Ungarn eingerückt war und, einem Gerücht zufolge, die ihm ent« gegenstehenden magyarischen Streitkräfte geschlagen hatte.

Olmütz, 2. Nov. Die böhmischen Deputationen. — Die Antwort, welche Se. Majestät bei der Audienz am 31. Oct. um halb 1 Uhr Mittags der böhmischen Deputation ertheilte, lautet: „Der zur Leitung der militairischen Maßregeln gegen Wien beauftragte Commandirende hat nichts versäumt, um die Anwendung trauriger Zwangsmittel zu vermeiden. — Erst nach wiederholtem Zögern wurde zum Aeußersten geschritten, und ich hoffe, daß der ausnahmsweise Zustand, in welchen Wien getreten, vorübergehen, und die Besorgnisse, welche von der Prager Be­völkerung ausgehen, bald völlig beseitigt werden. — Ich fühle mich nicht in der Lage, jetzt schon darüber einen bestimmten Aus­spruch zu thun."

Darüber sandte die Deputation, welche sich durch diese Ant­wort keineswegs befriedigt erklärt, folgende telegraphische Depesche an das böhmische Landespräsidium: „Die Prager Deputation wurde am 31. Oct. 1848 um halb 1 Uhr Mittags bei Se. Majestät zur Audienz zugelassen und hat sich in Folge derselben bestimmt gefunden, zur Er­zielung einer bestimmteren Antwort die weiteren Schritte einzuleiten."

Die böhmische Deputation verfaßte eine zweite Adresse worin sie auf bestimmte Entscheidung dringt und eine Zusatzadreffe in der gesagt ist: „Prags Einwohner haben gefühlt, was es heiße, wenn die Militair- mit der Civilautorität in einer Person ver­einigt ist, sie kennen aus Erfahrung die schrecklichen und trauri­gen Folgen eines Belagerungszustandes für die Stadt und das ganze Land, sie kennen die ganze Procedur einer kriegsrechtlichen Commission, das hiermit verbundene Denunciantenwesen und die damit verknüpfte Beeinträchtigung der von Ew. kais. kön. Majestät allergnâdigst garantirten constitutionellen Freiheiten. Einen solchen ausnahmsweise« Zustand über die Schwesterstadt Wien hercinbrechen zu lassen, wäre ein zu hartes Schicksal für die Hunderttausende der loyalen Einwohner derselben. Ew. k. k. Maj. haben zur Zeit, wo die Anwendung von Strenge weit nothwendiger schien, Milde für Wien zugesichert; die böhmischen Deputirten waren kürzlich erst so glücklich, diese Zusicherung für die Schwesterstadt aus dem Munde Sr. k. k. Majestät zu er­halten, und jetzt, wo eS Ew. Maj. nach der Lage der Dinge möglich ist, unbeschränkt dem Zuge Ihres edlen Herzens zu fol­gen, beharren wir um so fester bei unserer Bitte, deren Erfüllung ganz Böhmen mit Zuversicht erwartet."

Ollmütz, 1. November, Mittags 12 Uhr. Der Kaiser gab heute ein großes Diner, zu dem die meisten der gegenwärtig hier wohnenden Notabilitäten geladen waren. Der Ordner des zukünftigen Reichstags, Abgeordnete Jeler, war bereits hier, um mit den betreffenden Behörden die Einrichtung des Reichstags- saales in Kremsier zu besprechen. — Der Commissair der deut­schen Centralgewalt, Welker, dessen Friedensmission nicht geglückt ist, hat sich gestern von hier nach Prag begeben. (Er kam am 3. November durch Leipzig). Auch die Abgeordneten Fischer, Hawliczek, Helfart, Lasser und Mayer haben gestern Ollmütz verlassen.

Wien. Fürst Windischgrätz hat am 1. d. aus dem Haupt­quartier eine neue Proklamation erlassen. Er bestimmt in der­selben „ohne Rücksicht auf die durch den schändlichsten Verrath gebrochene Capitulation vom 30. Oct." folgendes: 1) Belage­rungszustand für die Stadt und einen Umkreis von 2 Meilen; Auflösung der akademischen Legion und der Nationalgarde, letztere unter Vorbehalt ihrer Reorganisation; 3) Allgemeine Entwaffnung binnen 24 Stunden unter Androhung einer Haussuchung und standrechtlicher Behandlung; 4) Schluß aller politischen Vereine; Schließung aller Wirthshäuser um 10, resp. 11 Uhr; Verbot, daß 10 Menschen auf der Straße zusammenstehen; Contravenien- jen werden vor ein Kriegsgericht gestellt. 5) (Unter gleicher

Androhung) vorläufige Beschränkung der Presse: für Plakate und Flugschriften ist die Genehmigung der Militairbchörde einzuholen.

6) Ausweisung aller ohne legalen Nachweis sich in Wien auf­haltenden Nicht-Wiener. 7) Androhung standrechtlicher Behand­lung für Aufwiegelung der Truppen, Zusammenrottung, Wider­setzlichkeit und Aufruhr. 8) Wegräumung der Barrikaden und Herstellung des Pflasters. 9) Uebertragung der Stadtpolizei an die Militärbehörde. 10) „Um den Zweck des Belagerungszustan­des zu erreichen, der kein anderer sein kann, als den Uebergang von der Anarchie zu dem geregelten constitutionellen Rechtszu­stande vorzubereiten, wird eine gemischte Central-Commission unter dem Vorsitze des Herrn General-Majors Baron Gordon, welchen ich gleichzeitig zum Stadt-Commandanten ernenne, die oberste Leitung der durch den Belagerungszustand bedingten Geschäfte führen und sowohl die niederösterreichische Landes-Regierung als auch die Stadthauptmannschaft an ihre Anordnungen gewiesen."

Gleichzeitig mit diesen eisernen Verfügungen ist eine amtliche Darstellung der letzten Vorgänge erschienen, welche übrigens be­reits Bekanntes enthält.

Die Wiener Zeitungen von den verhängnißvollen Tagen kom­men erst jetzt an. Sie liefern viele Aktenstücke, unter denen die Adresse des Reichstags an den Kaiser vom 25. am wichtigsten ist. Doch erlaubt ihr Umfang nicht, sie heute in unsern be­schränkten Spalten aufzunehmen. Wir werden sie morgen nachliefern.

* Berlin, 4. Nov. Die Herren von der Linken haben heute die Maske definitiv abgeworsen und ihren Plan enthüllt in dem von Waldeck, Schulz, Jacoby und Temme gestellten Antrag auf Einsetzung eines Wohlfahrts-Ausschusses. Der Antrag lautet: „Die hohe Nationalversammlung wolle beschlie­ßen: sofort durch das Plenum eine Commission von 21 Mit­gliedern in der bei der Wahl der Vicepräsidenten vorgeschriebenen Art zu erwählen und derselben den Auftrag zu ertheilen , die be­drohliche Lage des Landes in Berathung zu nehmen und darauf bezügliche geeignete Vorschläge innerhalb der Competen; der Na- tionalversammlung zu machen." — Wäre die Sache nickt so ernst, man könnte lachen über diese gar zu plumpe Art, schon da Gewesenes zu wiederholen. Die Mitglieder der Berliner Na­tionalversammlung sind nun freilich in ihrer großen Mehrheit nicht belesen genug, um Schritt vor Schritt dieser Wiederholung des Ganges zu folgen, den einst die französischen Terroristen einschlugen, bis sie glücklich bei Napoleon anlangten. Deshalb fühlten sie das Unsinnige und Schimpfliche dieser Nachäfferei seither nicht so tief, als sic es wohl fühlech sollten. Heute haben sie es gefühlt, der Abgeordnete Knuth sagte es ihnen: es komme eben nur dar­auf an, ob sich die Versammlung zum Konvent erklären und in der beantragten Commission einen Sicherheits-Ausschuß niedersetzen wolle. Das wirkte. In namentlicher Abstimmung ward die Dringlichkeit des Antrages mit 241 gegen 114 Stimmen ver- worsen und die Versammlung beschloß, sich bis zum 6. zu ver­tagen. — Somit hat sich für das Mal die Linke ihre Spitze selbst abgebrochen und über die eitcln Führer des linken Centrums scheint wegen ihres verderblichen Coquettirens mit den Linken eine heilsame Scham gekommen zu sein.

Berlin, 4. Nov. Ueber die Ministerkrise wird wiederholt berichtet, daß Graf Brandenburg das ihm ertheilte Mandat in Folge seiner Unterredung mit dem Präsidenten Hrn. v. Unruh in die Hände des Königs bereits zurückgegeben habe. Ein etwas abenteuerlich klingendes Gerücht findet Glauben. Es heißt: dem Könige habe ein seiner nächsten Umgebung angehöriger Gelehrter (Humboldt) den Vorschlag gemacht, durch den Landtag selbst sich drei Männer bezeichnen zu lassen, um einen dieser drei mit der Zustandebringung des Kabinets zu beauftragen. Nach einem andern Gerüchte hätte Graf Brandenburg folgende Personen zum Ein­tritt in das Kabinet eingeladen: General Trottba für das Kriegs- Ministerium, v. Bonin für die Finanzen, Kühlwetter für das Innere, Wentzel (Oberlandesgerichts-Präsivent in Ratibor) für die Justiz, Kühne für Handel und Gewerbe. Die auswärtigen Angelegenheiten würde Graf Brandenburg selbst leiten. — Nach einer weiteren Version soll Hr. v. Unruh bereits wegen einer Kabinetsbildung Aufforderungen erhalten und in Folge derselben Unterhandlungen mit der Partei Rodbertus und der Fraction Harkort eingeleitet baben.

Beilage