Neue Hessische Zeitung.
jy» 169. Mittwoch, den 8. November. 18-18.
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Die Krisis in Berlin.
Kassel, den 6. November 1848.
— Die Krists in Berlin beginnt in unsrer ereignißraschen Zeit bereits das Interesse an den österreichischen Stürmen zurück- zudrängen. Für Deutschland würde eine Katastrophe in Preußen ohne alle Frage auf das Tiefste in alle Lebensnerven einschneiden, während der Verlauf der Wiener Tragödie gerade gezeigt hat, daß diese Ostmarken eine unmi ttelb are Verbindung mit Deutschland fast nur durch die Sympathien, nicht aber durch die Interessen haben. Nimmt man dazu, daß die Berufung der Krone Preußen zum bleibenden Besitze der Reichsgewalt in Frankfurt täglich wahrscheinlicher wird, so zeigt sich der Eintritt einer neuen preußischen Revolution in einer wahrhaft unermeßlichen Bedeutung.
Die heute fälligen Berliner Zeitungen sind zum Theile aus- geblieben, und sehr kurze Nachricht liegt vor, daß der König die Adresse des Reichstags ablehnend beantwortet, später aber Graf Brandenburg freiwillig resignirt, und der König den Abgeordneten Grabow mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt habe. Die Stadt war bis dahin ruhig: natürlich aber sind die am 31. Oct. zu Tage getretenen Gefahren noch in voller Stärke vorhanden. Der geringste Fehltritt auf dem neu betretenen Wege kann die kaum beschwichtigten Flammen wieder zu furchtbarer Höhe empor lodern machen.
Blicken wir in diesem augenblicklichen Ruhepunkte auf die letztvergangenin Tage zurück, und fassen wir vor Allem die preussische Nationalversammlung in das Auge, die einmal in dem Mittelpunkte aller dieser Bewegungen steht, so wenig ihr Gehalt auch einem solchen Berufe entspricht.
Neberblickt man das bereits Geschehene, so erscheint ein Bild, trostlos von allen Seiten, am trostlosesten auf der Stelle, wo Talent und Gesinnung, wo Einsicht und Tugend am dringendsten Noth thäten, an der Stelle, wo allein eine positive und fruchtbare Vermittlung gewonnen werden könnte, in der Nationalversammlung selbst. Ueber sie ist kein Urtheil zu streng, denn jeden Fehler der Volksmaffen oder der Hofpartei hat sie mit einem gleich großen Überboten, und kein Milderungsgrund, welcher jenen zur Entschuldigung gereicht, kommt ihr zu Statten.
Drei Hauptpunkte waren es, welche auf das Benehmen der Versammlung in den letzten Tagen einwirkten, oder hätten einwirken müssen: die Gesetzlosigkeit des Berliner Pöbels und seiner Demagogen, die Besorgniß vor einer militairischen Reaktion, und neben und über beiden stehend, die Ministerkrisis.
Wir wollen hier nicht untersuchen, in wie weit die Furcht vor einer Soldatenherrschaft in Berlin gegründet ist. Daß es Reactionaire in Potsdam und den Provinzen gibt, wird niemand leugnen, daß sie in den letzten Wochen an Stärke und Einfluß gewachsen sind, darüber kann die Versammlung am wenigsten zweifelhaft sein, die durch verkehrte Maaßregeln Alles gethan hat, um der Reaction Gunst und Kräfte zuzuwenden: aber dies Alles hat noch nicht den geringsten Einfluß auf die Frage: in wie weit ist die Regierung des Königs dem Einflüsse der Reaktion verfallen, und welche dafür beweisende Data liegen vor, um die Versammlung zu großen parlamentarischen Maaßregeln gegen die Regierung zu bestimmen?
Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort. Ein solches Datum war überall nicht vorhanden. Das Mißtrauen gegen die Person des Grafen Brandenburg mochte noch so groß, noch so gerecht fein; eine Thatsache aber, die zu einer öffentlichen Begründung desselben brauchbar wäre, ist an keiner Stelle vorgekommen. Das Mißtrauen gegen den jetzt gefeierten General Pfuel
war beim Beginne seines Ministeriums nicht geringer, und durch Wrangels Proclamationen ganz offen provocirt. Das bloße Erscheinen eines Grafen Brandenburg, auch wir halten es im besten Falle für einen gefährlichen Mißgriff, aber eS beweist die Reaction, deren Herrschaft man nicht schon sonst gewiß ist, nicht im Geringsten.
Dies wird um so klarer, wenn man den zweiten Hauptpunkt, die Anarchie des Berliner Pöbels, in Betracht zieht. Alles Schlechte, was die Bevölkerung einer großen Hauptstadt in ihren Tiefen verbirgt, ist emporgerührt; allen Leidenschaften verfallen, von kopf- oder gewissenlosen Demagogen geleitet, umlagern diese Massen die Nationalversammlung; die empörendsten Mittel der Brutalität und der Heuchelei werden in Bewegung gesetzt, um die letzten Reste des gesetzlichen Zustandes in einem Abgrunde zu begraben, den man von gewisser Seite zwar Republik zu tituliren wagt, der aber in der That nichts als fessellose Gemeinheit sein würde. Alle Behörden, die zum Widerstände geneigt wären, sind kraftlos; der Kommandeur der Bürgergarde, der die Kraft besäße, läßt stundenlange Beschimpfung der Volksvertreter thcil- nahmlos geschehen, am folgenden Tage fordert er die Bürgerwehr auf, in solch schwerer Zeit jeden Zusammenstoß mit dem Volke zu vermeiden, und als das auf solche Art von Allen verlassene Ministerium seine Pflicht thut und mit strengeren Maßregeln zum Schutze der Ordnung und Redefreiheit droht, hat er die Stirne, gegen eine solche „Ungesetzlichkeit" Protest zu erheben.
Unter diesen Umständen, mit Mühe vor den Stricken der rothen Republikaner geflüchtet, legt Pfuel das Ministerium nieder. Wenige Tage vorher hat er noch gezeigt, daß er den nöthigen Einfluß zur Bekämpfung der Potsdamer Camarilla besaß, indem er die königliche Sanction des Jagdgesetzes erlangte. Mit welchem Schatten von Wahrscheinlichkeit will man in diesem Zusammenhänge sagen: er sei gewichen, weil ihm in Potsdam die Camarilla zu stark geworden? Welchen Grund will man der Annahme entgegensetzen, er habe endlich mit Trauer gesehen, daß die Rettung auch der demokratischen Monarchie gegen die radi- calen Verwüster alles Staatslebens nur auf einem Wege möglich sei, auf dem er mitkämpfen, aber nach seinen Antecedentien nicht befehlen werbe?
Nehmen wir einmal an, die preußische Regierung sei zu dem Entschlusse gekonimen, um jeden Preis und mit allen Mitteln die Banden niederzuwerfen, deren Ausschweifungen bisher die Krone und die Nationalversammlung gefährdeten, jede Privateristenz bedrohten, den Schein eines preußischen Staates zum Spotte und den Namen des preußischen Volkes verächtlich machten: wer, der nicht längst schon in den Schmutz jener Banden selbst hinâbge- stiegen ist, dürfte einen solchen Entschluß als Reaction bezeichnen? denn wahrhaftig, wenn man mit mißtrauischem Auge die Potsdamer Schloßräume auf Reaction ansteht, so liegt die Gefährdung der Freiheit durch die Radicalen flach auf der Hand. Wenn die Hofpartei in stillen Intriguen Reaction vielleicht spinnt, so droht die radicale Partei mit offener That, die im März zusammengestürzten Mißbräuche über die civilisirte Welt wieder hereinzuführen. Sie hat Verfolgung der Presse ohne Censur und Preßgerichte, sie hat Vernichtung der freien Rede nicht durch Gesetze, sondern durch Banditenwaffen: und während sie als schwerste Anklage gegen den Hof die angebliche Absicht geltend macht, die Nationalversammlung durch eine Kabinetsordre zu sprengen, so unterbricht sie selbst die Berathungen der Volksvertreter mit dem Henkerstricke in der Hand.
Solch ein Nebel im Herzen des Staates muß beseitigt werden, wenn nicht die Monarchie, wenn der Staat nicht rasch daran absterben soll. Hier kann die Freiheit selbst nur das Vxrdict geben: si medicamenta non sanant, ferruin sanat. Hub nirgend