Reue Hessische Zeitung.
^N K»le Dienstag, den 7. November. A8-T8«
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Politische Nachrichten. Deutschland.
* Kassel, 5. Nov. Nachstehend theilen wir die Ergebnisse r vom 3. bis 5. November dahier stattgefundenen Verhand- ingen der Vertreter politischer Vereine Deutschlands mit. Wir hicken diese Resultate den Verhandlungen selbst voraus, die wir r. den nächsten Tagen ausführlicher folgen lassen werden. Wie ir bereits gestern mittheilten, ist die erstrebte Vereinigung und -rganisation der nationalen Partei in Deutschland gegenüber den nschiedcnartigen Widersachern der deutschen Einheit glückli^ ge- ingen und der Anfang berechtigt zu den schönsten Erwartungen ir die Zukunft. Es ward bereits am ersten Tage folgendes trogramm aufgestellt:
Programm.
1) Das deutsche Volk und das Volk eines jeden einzelnen mischen Landes hat das Recht der freien politischen Selbstbe- immung (Volkssouveränetät). Die Ausübung desselben in den Inselstaaten wird durch das Wesen des deutschen Reiches als mndesstaat beschränkt.
2) Die deutsche Reichsversammlung zu Frankfurt ist das ge- tzliche Organ der Souveränetät des deutschen Volkes und ihre Beschlüsse sind maßgebend und bindend für ganz Deutschland.
3) Der allgemeine nationale Verein wird durch Unterstützung ad Kritik der Verhandlungen der deutschen Reichsversammlung rhin wirken, daß deren Beschlüsse in Uebereinstimmung mit den 1 Volke zum überwiegenden Bewußtsein gelangten Ansichten lëfaUen.
4) Die Beschlüsse der deutschen Reichs-Versammlung wird ?r Verein gegen alle ungesetzlichen, anarchischen wie reactionären, lngriffe aufrecht zu erhalten suchen.
Auf der Grundlage dieses Programms hat man sich in der Schlußsitzung am 5. zu den nachfolgenden Grundzügen eines allge- reinen nationalen Vereines geeinigt:
Grundzüge
er Verbindung der politischen Vereine Deutschlands zu einem ationalen Verein, beschlossen auf dem Congreß zu Kassel vom
3. bis zum 5. November 1848.
Auf Grund des Programmes des nationalen Vereins vom 3. tovember werden die Vereine, welche eine Verbindung für Deutsch- and herbeiführen wollen, in nachstehender Weise in Verbindung reten:
1) Ihre Verbindung wird durch einen Ausschuß des Bürger- ereins in Kassel vermittelt.
2) Alle Vereine, welche sich anschließen wollen, haben sich ei dem Bürgerverein in Kassel zu melden und ihre Erklärung, aß sie mit dem Programm übereinstimmen, schriftlich einzusenden.
3) Um eine gleichmäßige Vertretung aller Vereine herbeizu- ühren und die Verbindung zu erleichtern, wird empfohlen, daß ich die einzelnen Vereine in Hauptvereine constituiren und dann ait Kassel correspondiren.
4) Die Vereine verpflichten sich, den Ausschuß des Bürger- ereins in Kastel von allen Beschlüssen, welche wichtige allgemeine deutsche Angelegenheiten betreffen, in Kenntniß zu setzen, sowie Le in bietst Beziehung von ihnen ausgehenden Druckschriften in lenügcnder Anzahl zur Vertheilung an die Vereine zu übersenden.
5) Der Ausschuß des Bürgervereins in Cassel wird regel- näßig monatlich eine Liste der beigetretenen Vereine, die Be- chlüsse sämmtlicher Vereine durch gedruckte Corresvonden; zur Kenntniß der Vereine bringen, sowie die zu diesem Zwecke ein- zesandten Druckschriften und die hierdurch erwachsenen Kosten re- oartiren und die letzteren durch Postvorschuß entnehmen. In
dringlichen Fällen kann der Ausschuß des Bürgervereins wichtige Beschlüsse sofort verbreiten.
6) Die auswärtigen Vereine haben ihre an den Ausschuß in Kassel gerichteten Correspondenzen und Sendungen zu frankiren, während der Kasseler Verein die Frankatur unterläßt.
7) Sollte die Majorität der Vereine einen Congreß beantragen, so hat sich der Ausschuß des Kasseler Bürgervereins vor der Berufung die Ansicht der Vereine über Ort, VertretungsModus, Tages-Ordnung und Geschäfts-Ordnung einzuholen und unter Berücksichtigung derselben Beschluß zu fassen.
8) Der Ausschuß des Bürger-Vereins wird vorläufig auf ein Jahr geschäftsführender Vorort sein. Bestimmt vor dieser Zeit ein Congreß den neuen Vorort nicht, so geschieht die Entscheivung vom abtretende» Vororte durch schriftlich abgeholte Stimmenmehrheit.
Ferner ward folgender Aufruf an die übrigen deutschen Brüder erlassen:
Deutsche Brüder!
Am 3. November versammelten sich in Kassel, in Folge des Aufrufs des dortigen Bürgervereins, eine Anzahl von Vertretern der politischen Vereine Deutschlands. Sie alle führte das tiefgefühlte Bedürfniß einer Vereinigung der Bestrebungen für die Freiheit, Einheit, Macht und Wohlfahrt des deutschen Vaterlandes zusammen. Sie alle fühlten, daß es jetzt gemeinsame deutsche Angelegenheiten gibt, daß sich die einzelnen Stämme unseres Volks über diese einigen müssen. Bei der traurigen, Jahrhunderte langen Zersplitterung unseres Vaterlandes ist jetzt, wo wir für die Einheit unseres Vaterlandes kämpfen, nothwendig, daß wir auch für unsere politischen Bestrebungen diese Vereinzelung aufgeben; nur so wird eg möglich werden, den Zweck fast aller Vereine, die Freiheit und Einheit Deutschlands zu erreichen und der Reaction sowie der Anarchie entgegen zu treten.
In nachstehendem Programm fanden alle vertretenen Vereine das Gemeinsame ihrer politischen Ueberzeugung in Bezug auf das gesammte deutsche Vaterland. Diese Einigung veranlaßte die unterzeichneten Vereine sich zu einem gemeinsamen Schritte zu vereinigen, um eine Verbindung aller politischen Vereine Deutschlands hervorzurufen. Sie beauftragten zu diesem Zwecke den Bürger-Verein in Kassel, sich mit allen den Vereinen, welche hier nicht vertreten waren, in Verbinduug zu setzen und ein gemeinsames Wirken auf Grund nachstehenden Programmes (siehe oben) herbeizuführen.
Deutsche Brüder, verkennt nicht die Wichtigkeit einer solchen Verbindung, sie ist es allein, welche den deutschen Vereinen, dem deutschen Volke ein gemeinsames politisches Leben verleihen kann — welche es möglich macht, daß Norden und Süden sich geistig nähern, daß es ein deutsches politisches Leben giebt." —
Endlich glaubte der Congreß nicht auseinander gehen zu dürfen, ohne die folgende Adresse an die deutsche Nationalversammlung zu erlassen:
Hohe Nationalvcrsaminlung!
Von Tage zu Tage stellt es sich deutlicher heraus, daß der Geist, der bis zum März d. I. hindernd jeder freien Entwickelung des deutschen Volkes entgegentrat, noch nicht besiegt ist, daß die Partei, die weder Freiheit, noch Einheit des deutschen Vaterlandes will, alle ihre Kräfte aufbietet, um dem deutschen Volk das wieder zu entreißen, was es durch blutige Kämpfe errungen, und die Ereignisse in Wien und Berlin, die Gefahren, welche dem einigen freien Deutschland drohend dort entgegen treten, legen es dar, daß die Entscheidungsschlacht naht, — daß in wenigen Tagen es sich zeigen muß, ob die Freiheit bei unS herrschen soll, oder ob es ein leerer Wahn war, wenn wir hofften, Deutschland soll ein einiger mächtiger freier Bundesstaat