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stadt ist gefallen. Die Bürgergarden retiriren in aller Eile über die Ferdinandsbrücke in die Stadt. Eben so fahrt man die Kanonen im Galopp vorbei und zieht sie in die Stadt. — 5% Ubr. Die Vorposten des Militairs, Jäger und Grenadiere stehen schon nahe an meinem Gasthofe, vermeiden jedoch auf den freien Platz vor demselben zu kommen, da dieser von den Schützen auf der Riber-Bastei von der innern Stadt aus über den Donauarin bestrichen werden kann. Man Hörl nur noch von den entfernten Vorstädten her schießen. — 6 Uhr. In meinem Gasthofe befinden sich bereits Grenadiere, die unter dem Schutz der Dunkelheit sich über den freien Platz geschlichen haben, um von einer andern Seite her ins Haus zu gelangen. Eben so sind auch einige Officiere eingekehrt, welche uns versichern, daß nicht allein die Leopoldstadt, sondern auch die südlich von dem Donauarin gelegene und durch das Stubenthor mit der innern Stadt verbundene Vorstadt Landstraße vollständig von Militär besetzt sei und in den andern Vorstädten die Truppen bedeutende Fortschritte gemacht hätten, so daß morgen unfehlbar der Sturm auf die Stadt erfolgen würde. Nach den Mittheilungen der Offiziere muß der Kampf ein fürchterlicher gewesen sein. Sie räumen es ein, daß ihre Gegner einen heldenmüthigen und verzweifelten Widerstand geleistet hätten. — Die Sappeur-Compagnien haben die ganze Jägerzeil hinauf von Haus zu Haus die Brandmauern Ungeschlagen, um die Jufan- tericmannschaftkn herein zu lasse», welche dann die Nationalgarden aus den Häusern vertrieben und selbst aus den Fenstern herab auf die Kämpfer hinter den Barrikaden feuerten. Wie planmäßig übrigens der Kampf Seitens der Garde vorbereitet und eingeleitet war, geht daraus hervor, daß die Soldaten, sobald sie in die Häuser eindrangen, die Brandmauern auf den Böden schon durchbrochen fanden. Die Waffen scheinen auf allen Seiten zu ruhen, wenigstens ist dies hier in der Leopoldstadt der Fall. Das Corps, welches diesen Stadttheil besetzt hält, hat, wie mir ein Capitain mittheilt, Befehl gehabt, denselben um jeden Preis heute zu nehmen, dann aber die militairische Operation bis auf weitere Ordre zu sistiren. Die Opfer, die in diesem Stadttheil gefallen sind, müssen außerordentlich zahlreich sein, wenn man bedenkt, daß der Kampf von 11 Uhr Vormittags bis 5 Uhr Nachmittags gewüthet hat. — Abends 9 Uhr. Die Vorstadt gleicht einem vollständigen Kriegslager. Truppen aller Waffengattungen, selbst Kroaten lagern in großer Anzahl auf den Straßen.
Wien, Sonntag, 29. Oktober. Morgens 6 Uhr. Das Militair schickt sich an, den Kampf wieder zu beginnen. Die der Donau zunächst gelegenen Häuser werden im zweiten, dritten und vierten Stock mit Militair besetzt, um aus den Fenstern ein wohlgezieltes Kleingewehrfeuer auf die Nationalgarden, welche die gegenüberliegende Bastei besetzt halten, zu richten. In dem Gasthofe, in dem ich ivobne, sind die Fenster auch besetzt. Olacb den Mittheilungen eines Offiziers ist eine Waffenruhe eingetreten, auf so lange, biö eine Deputation des Gemeiuderalhs, die heute früh ins Hauptquartier abgegangen ist, um einen Frieden zu vermitteln, wieder zurückgekehrt ist. Nach den eingegangenen Nachrichten sollen auch in den übrigen Vorstädten die Truppen die Oberhand gewonnen haben, in vielen jedoch noch nicht ganz bis zur eigentlichen Stadt vorgedrungen sein. — 11 Uhr. Unter dem Schutze einer Sauve-Garde war ich von 9 Uhr ab bis jetzt auf dem Schauplatze des gestrigen wüthenden Kampfes. Dort bot sich mir ein Bild des Schreckens dar. Auf der Straße überall große Blutflecken, und hier und da die Leichen erschossener Soldaten und Proletarier mit den fürchterlichsten Verstümmelungen. Die beiden Häuserreihen vom Ausgange der Jägerzeile bis zum Karlstheater sind mitunter so zugerichtet, daß mehre derselben ganz niedergerissen werden müssen. Drei Häuser, Eckhäuser nach dem Prater zu, sind gänzlich niedergebrannt. — Mittags 1 Uhr. Bis jetzt hat noch kein neuer Kampf begonnen. Den Zugang zur Stadt von der Leopoldstadt aus bildet in diesem Augenblicke nur noch die Ferdinandsbrücke. Die übrigen Brücken sind von der Garde zerstört worden. Um den Sturm auf die Bastei zu erschweren, hat man auf der nördlichen von derselben belegenen Holzablage die dort vorräthigen Bauhölzer angezündet. Alle diese Vorsichtsmaßregeln werden indeß nichts nützen. Den Bewohnern der Leopoldstadt ist cs heute gestattet, die Linie zu passiren. Das
Militair hat gestern außerordentlich gekämpft, denn sonst hätte eS solche Fortschritte bei einem derartigen Widerstände nicht machen können. — General Wyß berichtet auf telegraphischem Wege an Wessenberg in Olmütz: „Die Leopoldstadt ist ganz genommen uni von uns besetzt; die Landstraße mit Inbegriff des Belvedere und des Schwarzenbergschen Palastes ebenfalls. Nun faktisch Waffenruhe." — Neisende, die am 30. in Olmütz eintrafen, erzählter von bem Aussehen der genommenen Vorstädte haarsträubende Geschichten; namentlich wurde die Leopoldstadt von den Truppem durch Plünderung und Zerstörung hart nutgenommen.
Wien, Montag 30. Oktober. Florisdorf, 30. Oct) Heute Mittag 12 Uhr hat Windischgrätz eine telegraphische De-, pesche nach Olmütz an Minister Wessenberg abgehen lassen. „Wien ergießt sich noch unbedingt heut, meine Soldaten werden noch heute in Wien einrücken." Mittags nach 12 Uhr war auch die Brünner Deputation angelangt, welche von da an den Kaiser gesandt war und um günstige Bedingungen für Wien gebeten hatte. Der Kaiser hatte sie an Windtschgrätz gewiesen und ihr ein Handbillkt mitgegeben, in welchem er den Fürsten ersuchte, auf ihre Anträge möglichst einzugehen. Inmitten eines Bataillons Grenadiere hielten die Deputirten ihren Vortrag, und eS schien, als wolle Windischgrätz auf ihr Ersuchen eingehen. Die Wiener indeß, welche diese Zusammenkunft von der Stadt her sahen und den Zweck derselben nicht kannten, feuerten auf die Grenadiere, worauf (obschon die Waffenruhe bis 2 Uhr dauern sollte) ein lebhaftes Feuer gegen die Stadt wieder eröffnet wurde. — Hinsichtlich der Stellung des kaiserlichen Militairs bemerke ich, daß dasselbe in der Leopoldstadt links bis zum Nadastyschen Hause, rechts bis zum St. Gerois Palais vorgedrungen ist. Dort befindet sich die zuletztgenonimene, aus Säcken mit Reis errichtete Barrikade. Die nächste befindet sich bei dem Slierbeckschen Kaffeehause. Sie ist aus acht Billards zusammengesetzt, hinter welchen die Wollsäcke des Hauses Arnstein und Eskeles aufgestapelt sind. Nachdem Windischgrätz das Feuer bis 2*/2 Uhr fortsetzen ließ, hörte dieses plötzlich auf, nachdem Signale vom Stephansthurme die Ankunft der Ungarn signalisirt hatten Diese, in einer Stärke von 18,000 Mann , versuchten zwischen Jellachich und Windischgrätz durchzubrechen, indem sie den rechten Flügel des ersten und den linken des letzter» angriffen. Der Obercom- mandant Messenhauser unterstützte den Angriff durch einen Ausfall aus einer Seitenpforte in der Nähe des rothen Thurmes. — Die Kanonade, welche um 3 Uhr aufgehört hatte, begann später wieder. Das Resultat dieses Kampfes wird ganz verschieden erzählt. Nach einigen Mittheilungen soll Jellachich in die Dona» gejagt worden sein, Nach andern Berichten (und zwar aus dein Munde hoher kaiserlicher Offiziere) soll dieses Schicksal die Ungarn getroffen haben, welche total aufgerieben worden wären. — Hierauf hörte man den ganzen Abend hindurch eine Kanonade gegen die Stadt, wie sie bisher in diesem Kampfe noch nicht stattgefunden. Sie schwieg um 7 Uhr. — Was dann geschehen, und ob die Stadt, die bereits geilern durch Aushängen weißer Fahnen angezeigt hatte, daß sie kapituliren wolle, heute die begonnene Kapitulation weiter fortgesetzt habe, vermag ich nicht zu berichten. Die Stadt brannte nach 7 Uhr an mehren Stellen. Zu bemerken ist noch, daß bald bei Beginn des Angriffs der Ungarn ein großer Theil deS ungarischen Regiments Lichtenstein, wie es heißt, zu den kaiserlichen Truppen übergegangen ist.
Wien. Die Beamten der Wilhelms Eisenbahn haben in Breslau erzählt, daß Windischgrätz auf dem Stephansplatze stehe. Das wäre gleichbedeutend mit der Einnahme Wiens. Demnach ist die Nachricht, der Rest der Akademiker und die Arbeiter hätten am 31. den Kampf in der innern Stadt erneuert, entweder falsch gewesen oder der Widerstand ist schnell besiegt worden.
Prag, 29. Oct. Wie wir aus glaubwürdiger Quelle vernehmen, haben die Deputirten Palâcky und Pinkas bereits in Olmütz gegen die Proklamation des Fürsten Windischgrätz Schritte gethan und haben die Zusicherung erhalten, daß auf deren Aenderung nach konstitutionellen Grundsätzen hingearbeitet wird.
Aus derselben Quelle erfahren wir nachstehende in Olmütz am Hoflager beantragte Ministercombination: Nebst Kraus, der das Portefeuille behält, Wessenberg, als Ministerpräsident ohne Portefeuille, Felix Schwarzenberg Acußercs, Bach Inneres, Schön-