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Da die übrigen drei Viceprästdenten aufrücken, so wird der nun ^u wählende vierter Vicepräfident. Bei der Abstimmung erhielt bei 353 Stimmen Waldeck die absolute Majorität, 177 Stim­men, nächst ihm Auerswald (Rosenberg) 174, Milde 1, Kühl- Wfttfr 1 3m Verlauf der Sitzung stellten Kämpfe und Bu­cher den Antrag, die hohe Versammlung wolle beschließen: den Herrn Kriegs-Minister aufzufordern, der Versammlung schleunigst genaue und specielle Mittheilung über die Stärke der gegenwär­tig in der Provinz Brandenburg im Allgemeinen, und der Stadt Berlin insbesondere, vorhandenen Truppen, über die Gattung der­selben und die von ihnen bezogenen Kantonnements zu machen.

Minister-Präsident: In unserem Programm haben wir unsere Pflicht anerkannt, den Wünschen der Versammlung nach Möglich­keit Rechnung zu tragen wenn mir auch in diesem Falle wie ich gestehen muß dies Eingehen in Details nicht ganz parlamentarisch zu sein scheint. Was zunächst die Stärke der Truppen betrifft, so ist dieselbe in dem gegenwärtigen Augenblick nicht genau anzugeben, weil die Rekruten-Aushebung soeben statt­fand und außerdem Bewegungen der Truppen nach Güben, Lieg- aitz, Görlitz, wo die Ordnung gestört wurde, angeordnet sind. Daß am 22. September Bewegungen nach Berlin zu statlfanden, lag, wie ich offen erklärte, in der damals vorhandenen Gährung. Uebrigenö erkläre ich, daß die Truppen keinen andern Zweck Ha­den, als Ordnung und Gesetz zu schützen. (Beifall Zischen) Oie sonstigen Verhandlungen waren nicht von Bedeutung; die Versammlung erledigte eine Unzahl von Petitionen durch Ver- veisnng an das Ministerium oder Uebergang zur Tagesordnung. !luch erkannte die Nationalversammlung in der heutigen Sitzung üe Dringlichkeit einer abermaligen Erinnerung an das Ministerium n Betreff der Schritte, welche hinsichtlich der Sanction des Zagdgesetzes geschehen sind, mit 178 gegen 163 Stimmen richt an, und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach, um die Ver- vickelungen nicht zu vermehren, da die Sachlage sein Geheimniß geblieben ist. Wie man hört, ist es nämlich den angestrengtesten Semühungen des Ministeriums bisher nicht gelungen, den König u der Sanction zu bestimmen, derselbe verharrt vielmehr noch mmer bei seiner einfachen Weigerung. Dem Vernehmen nach at in Folge davon das gesammte Ministerium seine Demission ngeboten, falls diese Sanction nicht bis zum nächsten Mittwoch rsolgt sein sollte, da dies der späteste Termin ist, bis wohin nan der Nationalversammlung einen definitiven Bescheid ertheilen nuß, und da diese mit überwiegender Stimmenmehrheit erklärt at, daß es ihr fester unabänderlicher Wille sei, dieses Gesetz anctionirt zu sehen. Man kann hieraus die Spannung ermessen, lit welcher man der Lösung der Frage entgegensieht.

Berlin, 31. Oct. (Constituirender Landtag.) In der estrigen Sitzung wurde von der Linken ein Antrag eingebracht. Daë Staatsministerium aufzufördern, zum Schutze der in Wien efährdcten Volksfreiheiten alle dem Staate zu Gebote stehenden Nittel und Kräfte aufzubieten und für die Berathung desselben int außerordentliche Abendsitzung begehrt. Die Versammlung hat ?doch dieses Ansinnen mit 181 gegen 168 Stimmen abgelehnt.

Es wurde darauf zur Verfassungsdebatte übergegangen und ach Beseitigung verschiedener Amendements der erste Satz des lrt. 4 angenommen: alle Staatsbürger sind vor dem ffesetze gleich. Statt des zweiten Absatzes:Es giebt im Staate weder Standesunterschiede noch Standesvorrechte, noch inen besondern Adelstand" hatte Schneider das Amendement vor- eschlagen:Der Adel ist mit allen seinen Titeln und Vorrechten ^geschafft." Es ward mit 193 gegen 153 Stimmen verworfen. >n der Sitzung vom 31. Oct.' wurde dann nach Verwerfung erschitdener vorgeschlagener Fassungen der folgende Theil des Art. dahin angenommen: es gibt im Staate keine Standesunter- hiede, noch Standesvorrechte. Ebenso mit 200 gegen 153 stimmen das Amendement Berends: Der Adel ist abge- chafft und mit 208 gegen 115 Stimmen das Amendement Nathäi Borchard: Der Gebrauch adliger Titel und rädikate in öffentlichen Urkunden ist untersagt, im Beschlusse erhoben.

Endlich wurde auch noch Jungs Antrag:Orden können fer- 'r nicht ertheilt werden," mit 196 gegen 140 Stimmen ange­

nommen. Desselben Antrag auf Abschaffung aller nicht lediglich das Amt bezeichnenden Titel, einstimmig angenommen.

Berlin, 31. Oct. Seit heute früh regt es sich überall in der Stadt, und seit Mittag hat Berlin das Ansehen, als stän­den große Ereignisse bevor. Ein Aufruf des demokratischen Bür- gcrwehrvereins fordert alle diejenigen, denen die Freiheit des deut­schen Volkes, das Wohl der deutschen Städte, das Wohl unserer Bruderstadt Wien am Herzen liegt, auf, sich in ernstem ruhigem Zuge heute um 12 Uhrvor die Pforten der Nationalversamm­lung zu begeben." Es soll der Versammlung eine Petition mit dem Anträge übergeben werden, zu erklären, daß die Versammlung die Sache Wiens zur Sache des preußischen Volks gemacht haben wolle. Die Proclamation schließt:Wien darf kein zweites Mag­deburg werden, und Berlin darf nicht ruhig zusthen, wenn jetzt wie in alten Zeiten Kroaten und Slavonen eine deutsche Haupt­stadt zu verwüsten in Begriff sind." Nach zwölf Uhr war der Gensdarmenmarkt von Neugierigen bereits gefüllt. Gegen 1 Uhr kam ein geordneter durch vorgetragene Banner in verschiedene Abtheilungen getheilter Zug von etwa 2000 Personen vor dem Schauspielhause an. Eine Deputation, zu deren Mitgliedern auch Ruge gehörte, begab sich in die inneren Räume des Hauses, und kehrte nach kurzer Zeit mit der Erklärung zurück, der Abgeord­nete d'Ester habe die Petition zu seiner eigenen gemacht und werde die Erörterung derselben bei der in der heutigen Abend­sitzung statlfindenden Debatte veranlassen. Der Zug entfernte sich ruhig, wie er gekommen war. Um 2 Uhr, als die Sitzung eben geschlossen war, rückten viel stärkere Colonnen heran. Es waren die Maschinenbauer. Auch sie wurden durch einen gleichen Be­scheid bestimmt, den Platz wieder zu verlassen. Ihre Führer er­klärten indeß, daß man mit dem Beginn der heutigen Abendsiz- zung sich wieder einfinden und den Beschluß der Versammlung erwarten wolle. Die Ordnung und die Berathungen der Na­tionalversammlung sind durch diese Vorgänge in keiner Art ge­stört worden. Der Gensdarmenmarkt ist noch immer von vielen hunderten angefüllt, doch hat hier die Bewegung keinesweges einen besorgnißerregenden Charakter. Sie dient nur dazu, den Lebens­mittel- und Flugblätterverkäufern, die sich sofort zahlreich ein» gefunden haben, reichlichen Absatz zu verschaffen. Das Siz- zungsgebäude war gegen jeden Angriff gesichert. Die Fluren und Treppen waren von Scharfschützen der Bürgerwehr besetzt. Hr. Rimpler, der Commandeur der Bürgerwehr, befand sich auf dem Platze selbst. Er hatte schon gestern auf vorgängige Anfrage des Polizeipräsidenten erklärt, daß er keine Veranlassung habe, gegen die Demonstration als solche einzuschreiten. Die Straßenecken starren wieder von Plakaten. Der Aufruf des Bürgerwehrvereins, die Proclamation des demokrat. Kongresses, die Aufforderung eines Herren Hielscher, für Wien auszustehen und nicht zu unterhandeln, und noch manche andere Anschläge beschäftigen sich sämmtlich mit der Angelegenheit der Kaiserstadt. Der heute Abend zur Be­rathung kommende Waldeck'sche Antragdas Staatsministerium aufzusorvern, zum Schutze der in Wien gefährdeten Volksfrcihcit alle dem Staate zu Gebote stehenden Mittel und Kräfte schleu­nigst aufzubieten," hat, so viel uns aus den Ergebnissen der Parteiverhandlungen bekannt geworden, wenig Aussicht auf Erfolg. Die Partei des Cafe Mictentz ist nicht geneigt beizutreten und soll ihrerseits einen Antrag einzubringen beabsichtigen, welcher eine auf Erhaltung der Freiheit und der deutschen Sache gerichtete Maßregel der Centralgewalt zu erwirken den Zweck hat.

Stuttgart. (17. Sitzung der Kammer der Abgeordneten vom 26. October.) Am Ministertisch Staatsrath Römer und für den unpäßlichen Chef dcs Finanzdepartements Oberfinanzrath Bilfinger. Der Präsident benachrichtigt die Kammer, von Kur­hessen seien die dort im Druck erschienenen Gesetzentwürfe hieher milgetheilt worden, es würde der Dank dafür auszudrücken seien. Seeger, Huck u. A. beantragen und es wird auch beschlossen, das Präsidium zu ersuchen, cs möchte auch mit den Kammern anderer benachbarten deutschen Länder ein Austausch solcher Druck­schriften eingeleitet werden. Scherr: Er habe eine Bemerkung zu machen, sie sei eigentlich eine orthographische. In dem Ein­gang zu den Gesetzentwürfen, welche bei den Ständen eingebracht werden, stehe bei dem Namen des Regenten ein rc. Zeichen; die­ses bedeute unzweifelhaft nichts andres alsvon Gottes Gna-