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Indem Ich diese, im Bewußtsein Meiner Pflichten und Meiner Rechte mit unerschütterlicher Festigkeit gefaßten Beschlüsse Meinen Völkern kund gebe, versehe Ich Mich der aufrichtigen und kräftigen Mitwirkung aller derjenigen, welchen das Wohl ihres Kaisers, ihres Vaterlandes, ihrer Familien und die wahre Freiheit am Herzen liegen, und die in Meinem gegenwärtigen Entschlusse das einzige Rettungsmittel erkennen werden, um die Monarchie vor dem Zerfall, sie selbst vor den Gräueln der Anarchie und der Auflösung aller geselligen Bande zu bewahren. Olmütz, den 16. Octobcr 1848. Ferdinand m.p. Wessenberg m.p.
Proclamation. Durch die blutigen Ereignisse, welche am 6. d. M. unsere Haupt- und Residenzstadt Wien in einen Schauplatz anarchischer Wirren umgewandelt haben, auf das tiefste betrübt, und in unserem Innern erschüttert, sahen wir uns genöthigt, unseren Sitz zeitweilig nach unserer königl. Hauptstadt Olmütz zu verlegen.
Mit großer Betrübniß erfüllt unser Herz die eintretende Nothwendigkeit , zur Wiederherstellung der gesetzlichen Ordnung und zum Schutze der an den Gräueln des Ausstandes nicht betheiligten Staatsbürger, militairische Maßregeln zu ergreifen; doch wollen wir, daß in der Anwendung dieses uns abgedrungenen äußersten Mittels nur so weit gegangen werde, als es zur Herstellung der Ruhe und Sicherheit und zum Schutze unserer getreuen Staatsbürger, so wie zur Aufrechthaltung der Würde unseres constitu- tionellen Thrones nöthig sein wird.
Es ist unser fester unveränderlicher Wille, daß die unseren Völkern gewährten Rechte und Freiheiten, wenn sie auch von einzelnen Böswilligen und Mißgeleiteten mißbraucht worden sind, in ihrer ganzen Ausdehnung ungeschmälert bleiben, und wir verbürgen solche neuerdings dnrch unser kaiserliches Wort.
Auch wollen wir, daß die von dem constituirenven Reichstage bereits gefaßten unb von uns sanctionirten Beschlüsse, namentlich jene über die Aufhebung des Unterthansverbandes , der Entlastung und Gleichstellung des Grundbesitzes gegen die im Principe vom Reichstage anerkannte billige Entschädigung, aufrecht erhalten, und unserer bereits erlassenen Anordnung gemäß in Vollzug gebracht werden.
Ebenso ist es unser fester Wille, daß das begonnene Verfassungswerk von dem constituirenden Reichstage in einer der vollen Gleichberechtigung aller unserer Völker entsprechenden Weise ungestört und ununterbrochen fortgesetzt werde, damit solches in Bälde meiner Sanction unterlegt und ciuem gedeihlichen Ende zugeführt werden könne.
Dieses möglich zu machen, wird der Gegenstand unserer ernsten Sorgfalt fein. und wir rechnen dabei auf die Einheit, Anerkennung und bewährte Loyalität unserer getreuen Völker.
Gegeben in unserer f. Hauptstadt Olmütz, den 19. Oct. 1848. Ferdinand m. p.
Wessenberg m. p.
Oesterreich. Ueber die Zustande in Oesterreich tragen wir folgende Einzelnheiten nach: Der Reichstag lichtet sich immer mehr und mußte am 20. wegen Unvollzähligkeit der Mitglieder aufgelöst werden. Nach einer Mittheilung Schuselka's hatten die Ungarn wegen einer friedlichen Ausgleichung beim Kaiser Schritte gethan.
Wien, 20. Oct. Die Frankfurter Deputirten haben folgende Ansprache an die Wiener Bevölkerung erlassen:
Heldenmüthige Bewohner Wiens!
Unsere Gesinnungsgenossen in der Nationalversammlung zu Frankfurt haben uns hierher gesandt, Euch die Bewunderung aus- zusprechen die sie mit uns und mit ganz Europa Euch zollen. Da die Verhältnisse nicht gestatten, unsere Aufgabe in einer anderen Weise zu lösen, zu Euch zu sprechen in der Versammlung des Volkes, so wenden wir uns aus diesem Wege an Euch. Ihr habt mit einem großen Schlage die Ränke einer Volks- und frei- heitsfeindlichen Partei vernichtet, habt Euch mit bewunderungs. werther Aufopferung für das ganze Deutschland wie für die Völker Oesterreichs erhoben wie ein Mann. Eure Heldenthat flößt allen Kämpfern der Freiheit neuen Muth ein und Eure Erhebung
sichert unserem Kampfe den Sieg. Euer Beispiel wird uns voran leuchten und wir werden Euch nacheifern auf dem glorreichen Pfade um werth zu sein, Euch Brüder zu nennen. Wir aber, die wir gesandt sind Euch den Brudergruß und die heißen Segenswünsche von vielen Tausenden zu überbringen, wir preisen uns glücklich, in diesem verhängnißvollen Augenblicke in Eurer Mitte zu weilen und wenn es das Schicksal will, Eure Gefahren zu theilen, mit Euch zu stehen und zu fallen. Heldensöhne Wiens, empfanget den Ausdruck unserer Bewunderung und unseres tiefinnigsten Dankes. Wien, 18. October.
Wien, 18. Oct. Die Nachricht, daß die ungarische Armee auf Befehl des Pesther Reichstages das österreichische Gebiet nicht betreten werde, bestätigt sich. Der ungarische Staatssecretär Pulssky hat diese Anzeige heut dem hiesigen Reichstag gemacht und soll den Rath hinzugefügt haben, der Wiener Reichstag möge sich wegen einer Vermittelung in den hiesigen Wirren an den Erzherzog Johann als Vermittler nach Frankfurt wenden. Man ist hier über die Ungarn, welche die hiesigen blutigen Ereignisse veranlaßt haben, und ihre nahe und sichere Hülfe so prahlend versprachen, sehr entrüstet, jedoch entschlossen auch ohne sie im Kampfe auszuharren.
Heute sind wieder mehrere Ueberlâufer verschiedener Truppen mit Lebensgefahr im Wiener Lager angekommen und es ist ein erfreulicher, Hoffnung erweckender Anblick, unter den mobilen Garden und Freifchaaren so viele Militärs zu sehen, die sich ganz der Sache des Volks ergeben haben. Man sieht bei der Bedienung unserer Kanonen viele k. k. Artilleristen, Grenadiere, halb civil gekleidet, k. k. Jäger und Pioniere in bunter Tracht und Bewaffnung und selbst Cavalleristen mit Reitersäbel, Hosen und Sporen und dem Infanterie-Gewehre auf der Schulter mit dem bewaffneten Volke und der akadem. Legion herumziehen, deren Mitglieder stets zu Anführern gewählt werden und in unermüdlicher Thätigkeit Alles überwachen.
Das neueste Journal des österreichischen Lloyd enthält als „Neueste Nachrichten" Folgendes: Wien, 20. Oct. Abends 6 Uhr. So eben sammeln sich an allen Straßenecken zahlreiche Gruppen vor einer vom Oberkommandanten der Nationalgarde Herrn Messenhauser angeschlagenen Proclamation, worin die Feldherren der ungarischen Armee melden, daß sie mit ihrer Armee Wien zu Hülfe eilen. Die Proclamation ist unterzeichnet von Pazmandy, Maga, Csany und Percel. Der Eindruck ist natürlich wie ein elektrisch-belebender Schlag für unsere Bevölkerung, besonders für die kampflustige Jugend. Ein Courier überbrachte dieselbe dem Reichstags-Ausschuß, welcher, weil das Siegel darunter fehlte, anfangs Zweifel an der Aechtheit derselben hegte. Jedoch erkannten mehrere Mitglieder die Authenticität der Schrift und Unterschrift von Pazmandy, und die Aussagen des Couriers selbst beseitigten die anfänglichen Zweifel. Wir hatten Gelegenheit, den Courier selbst zu sprechen,, welcher uns erklärte, daß die ungarische Armee in ihrem Vortreffen 35,000 Mann, im Nachtreffen 15,000 zähle, worunter nur 8000 irreguläre Truppen. Heute Abend noch sollen nach seiner Versicherung die Ungarn in Fischament eintreffen, und morgen in der Frühe würden sie bei Schwechat und Simmering stehen, wo dann eine Schlacht stattfinden dürfte.
— Die A. Oder-Zeitung theilt in ihrem neuesten Blatte aus Wien (vom 21.) mit: Die Verbindung für die Post, Par- lamentaire und diplomatische Depeschen wird durch Kähne über die Donau bewerkstelligt. An dem Brückenkopf stehen die Truppen von Windischgrätz. Der französische Gesandte hat offiziell erklärt, er würbe ein Bombardement von Wien für einen casus belli ansehen. Die Stadl hat auf 15 Tage Lebensmittel.
— Der neuesten A. Oesterreich. Ztg. entnehmen wir noch Folgendes: „Wien, 20. Oct. Heute ist ein Theil der Armee des Windischgrätz in Florisdorf eingerückt. Ein Stück der Brücke, welche unsere Volkswehr augenblicklich den Wellen übergab, trennt die Besatzung von Florisdorf von Wien, und einige Schanzen, welche sofort aufgeworfen worden sind, verbieten den Uebergang.
Heute, wird der Oder-Ztg. aus Wien, 20. geschrieben, scheint die gestern an der Börse zuerst verbreitete Nachricht, Radetzky habe