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Neue Hessische Zeitung.

J^o 14?« Dienstag, den 24. Oktober. tS4S.

Die Neue Hessische Zeitung erscheint täglich, Sonntags mit einem Unterhaltungsblatte, und wird vor 12 Uhr Morgens ausgegeben. Der Abonnementspreis beträgt 1 Thlr. 15 Sgr. für das Quartal, wofür alle kurheffischen Postämter solche ohne Preiserhöhung liefern. Anzeigen jeder Art werden die Petitzeile oder deren Raum mit 1 Sgr. berechnet.

Der Kasselsche Bürgerverein und der von ihm auf den 3. November ausgeschriebene nationale

Congreß.

Der seit dem Juni d. I. in Kassel bestehende Bürgerverein, welcher jetzt über 1100 Mitglieder zählt, fährt in besonnener, aber entschiedener Weife fort, durch politische und gewerbliche Vorträge und Maßregeln, welche auf die wahre Freiheit, Wohl­fahrt und Bildung des Volkes abzwecken, der reinen und wohl­verstandenen Demokratie zu dienen. Der wegen Gründung einer umfassenden Gewerbeordnung beim deutschen Reichstag gethanen Schritte, der Stiftung einer Vorschußkasse für Gewerbetreibende, wie mancher anderen für das Gewerbewesen ersprießlichen Schritte haben wir früher bereits erwähnt, ebenso der Bemühungen für tüchtige Landtagswahlen in Kurhessen, der Demonstrationen zur Unterstützung der bedrohten Reichsgewalt und zur Beschleunigung des Verfassungswerkes.

Die wichtigste Thätigkeit, welcher der Kasselsche Bürgerverein gegenwärtig mit Eifer obliegt, ist die Organisirung und Vereini­gung der nationalen Partei in Deutschland gegenüber allen son- derbündlerischen Bestrebungen und fremdartigen Einflüssen. Alle Vernünftigen, denen es Ernst ist um das dauernde Wohl des Vaterlandes, mögen sie im Uebrigen über die Zweckmäßigkeit ver­schiedenartiger Regierungsformen noch so sehr getrennten Mei­nungen huldigen müssen wenigstens dahin einverstanden sein, daß an eine geordnete und gedeihliche Entwicklung der Freiheit nur unter der Voraussetzung zu denken ist, daß sie von der Gesammt­heit auf dem Wege der parlamentarischen Einigung ausgeht. Niemand kann sich, darüber täuschen, daß in der Kleinstaaterei der abermalige Untergang unserer Freiheit liegen würde. Den elenden Ausgang der Revolution von 1830 haben wir haupt­sächlich der fortbestehenden Zersplitterung Deutschlands zu ver­danken und selbst ein etwaiger Sieg der rothen Republik würde auch jetzt an diesem Verhältnisse nichts ändern. In kleinen und getrennten Staaten, zumal von der krähwinkelartigen Beschaffenheit Deutsch­lands, würde ohne das Aufgehen in einen großen Organismus jede Regierungsform zur unerträglichen Herrschaft führen. Es ist da am Ende gleichgültig, ob es Einer ist, oder ob es einige Familien sind, welche regieren, oder ob es die bis jetzt unläugbar noch ungebildeten Massen als solche, oder richtiger deren Führer sind. Jegliche Regierung eines beschränkten Ländchens würde nach den Erfahrungen der Geschichte, selbst bei größerer politi­schen Bildung, als sie jetzt in der That unter uns vorhanden ist, ausarten und zur Herrschaft werden. Es bliebe uns dann nur die traurige Wahl zwischen Autokratie, Aristokratie und Ochlokratie oder Pöbelherrschaft. Die erste und zweite haben wir in Kurhessen bis auf die Hefen genossen, von der dritten genießen wir gerade jetzt den lieblichen Vorgeschmack.

Das haben die alten Tyrannen wohl gewußt, als sie der deutschen Einheit in jeder Beziehung entgegentraten und deren bloße Idee zum Verbrechen stempelten. Aus dieser Erkenntniß gingen noch die letzten Renitenz-Versuche der Hannoverschen Ma­jestät und der Potsdamer Kamarilla hervor. lind auch die neuen Tyrannen, welche sich seltsamer Weise Demokraten nennen, wissen das sehr wohl; sie predigen jetzo den politischen Föderalismus, und sonderbündeln gegen die Reichs-Einheit, sie, die noch vor wenigen Wochen die deutsche Einheit auf der Zunge trugen, welche damals freilich noch zu den brauchbaren Schlagwörtern gehörte.

Um so nöthiger und Wünschenswerther ist es, daß auch die andern Leute, denen die Demokratie, die wahre Volks-Freiheit, nicht sowol auf der Zunge, als im Herzen sitzt, sich der noth­

wendigsten und allerersten Bedingung dieser Freiheit, nämlich der bundesstaatlichen Einheit, erinnern und der Heiligkeit des Par­lamentes. Das möge man sich retten und befestigen und dann möge man auf diesem sichern Wege fortfahren in der politischen und socialen Arbeit, Jeder nach seiner ehrlichen Ueberzeugung. Wenn dieses Parlament nicht Alles fertig lnacht und das wäre gegen die Weltordnung, die den Stillestand nicht kennt so wird es das folgende versuchen und auch dieses wird den weiter folgenden neue Aufgaben hinterlassen. Das versteht sich freilich Alles so ganz von selbst, aber es scheint fast, als ob man es nicht genug wiederholen könne. Mußte doch selbst in der Paulskirche ein Salomon Riesser daran erinnern, welcher bekannt­lich auch einRepublikaner," einDemokrat" ist, und zwar ein besserer als Viele, die sich so nennen.

Der Kasselsche Bürgerverein hat es gegenüber der allgemeinen Zersplitterung und Begriffsverwirrung dieser Zeit nicht blos für ersprießlich, sondern für dringend nothwendig gehalten, die Blicke aller Patrioten auf die deutsche Einheit hinzulenken. Es kam ihm aber auch darauf an, durch das mächtige Mittel allgemeiner Vereinigung das Festhalten an der deutschen Einheit mehr und mehr zur Gewissens- und Ehrensache eines Jeden zu machen und durch eben dieses mächtige Mittel auf Beseitigung aller etwaigen Hindernisse hinzuwirken. Er erließ einen deshalbigen Aufruf und schlug vorerst eine Conferenz aller Vereine vor, die sich diesem Zwecke anschließen wollten. Sein Vorschlag fand lebhaften An­klang. Aus dem Norden und Süden kamen zustimmende Adressen leider auch von solchen, welche in dem ganzen Unternehmen ein Stück Revolution erblickten und in diesem Sinne theils Unter­stützung versprachen, theils nach dem hoffnungsvollen Berliner Centralausschuß derDemokraten" hinwiesen. In dieser naiven Auffassung des vorgeschlagenen Congresses zeichnete sich der demo­kratische Verein zu Kassel durch seine Offenheit aus. Von der andern Seite mochte aus demselben Grunde eine große Anzahl besonnener Vereine Bedenken tragen, sich anzuschließen und es liefen Anfragen ein, welche ein näheres politisches Glaubensbe- bekenntniß zu sehen wünschten.

Der Bürgerverein hat darauf die Illusionen der Einen zer­streut, die Bedenken der Andern beseitigt, und, wie es in seinem Rundschreiben vom 10. October heißt,dem dringenden Verlangen nach weiteren speciellen Vorschlägen zur Bildung eines solchen nationalen Vereins, sowie nach einem baldigen Kongresse zur Con- stituirung des Vereins und zur Besprechung der zu treffenden Maaßnahmen" durch seine Einladung zu eineram 3. November d. I. zu Kassel abzuhaltenden vorbereitenden General - Versamm­lung" entsprochen. Als Tagesordnung für die Versammlung ist unmaßgeblich vorgeschlagen worden: 1) Wahl eines Vorsitzenden, zweier Beisitzer und 4 Schriftführer; 2) Berathung des Entwurfs der Grundbestimmungen eines allgemeinen deutschen Vaterlands- Vereins; 3) Aufruf an die nicht vertretenen Stämme des deut­schen Volks zum Anschlusse an den Verein, unter Mittheilung der Verhandlungen und Beschlußnahmen der vorbereitenden General- Versammlung; 4) Adresse an den verfassunggebenden Reichstag zu Frankfurt mit dem Ersuchen, das vom allgemeinen deutschen Vaterlands-Vereine gehegte Vertrauen (cl'. §. 2) zu rechtfertigen und durch eine rasche Fortführung und Beendigung des Verfas­sungs-Werkes den Grundstein zu Deutschlands Einheit, Frei­heit, Macht und Wohlfahrt zu legen. 5) Besprechung über die Gründung eines besonderen Organs für die Tendenzen des Vereins oder wegen vorläufiger Gewinnung bereits bestehender Zeitungen für diesen Zweck; 6) Mittheilung über die Einrichtung der bereits in das Leben getretenen Landes - Vereine. 7) Wahl eines Reichs-Vororts für das nächste Halbjahr.