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tag und der von ihm gewählte Wohlfahrtsausschuß, welcher letztere in steter direkter Verbindung mit allen bewaffneten Körpern und mit den Ereignissen selbst steht', — worüber unsere Reichstagsberichte die nähere Auskunft gegeben; 2) der Gemeinderath, welcher erst am 6. zusammengetreten ist, und in seiner neuen Zusammensetzung viele radikale Elemente enthält, während manche konservative Glieder gar nicht oder nur selten an den Verhandlungen Theil nehmen; 3) das Generalkommando der Nationalgarde, welches sich natürlich der Organisation der bewaffneten Macht anzunehmen hat; 4) das Studenten- Comité, welches nicht allein die Angelegenheiten der Legion leitet, sondern von der ganzen Bevölkerung als Centralpunkt für wichtige Meldungen und Befragungen betrachtet wird. Hierhin ist es, wo sich die Arbeiter und Bürger um Munition wenden, wohin die gefangenen und übergetretenen Soldaten, die vermeintlichen Spione, die als gefährlich angesehenen Personen, wohin genommene Kanonen, Bagagewägen, Kassen, wohin die viertelstündigen Berichte vom Observatorium des Stephansthurmes u. s. w. gebracht werden; 5) das Centralco mitè der demokrati- 'chen Vereine, welches durch seinen Einfluß auf die zahlreichen Mitglieder der verschiedenen Vereine, dann durch Placate und Deputationen einen nicht unbedeutenden Antheil an der Leitung >er Bewegung hat. Daß im Hintergründe — aus leicht erklär- ichen Rücksichten — noch andere Kräfte wirken, ist ebenso gewiß, ils es schwer wird, darüber jetzt schon bestimmte Aufschlüsse zu ;eben.
Der Rückzug Auerspergs wird von den Einen als eine Ver- inigung desselben mit Jellachich, von den Anderen als Flucht insgesamt und zwar behaupten die letzteren, der Mangel an Lebensmitteln und die Unzufriedenheit der Truppen habe diese Flucht unbeigeführt. Uebrigens paßt $u diesen Berichten über die Sym- ji' athien der Truppen mit den Wienern dasjenige schlecht, was ber die durch die Ermordung Latours unter den Soldaten Her- orgebrachte Erbitterung sowie über die an Civilisten verübten irausamkeiten berichtet wird. Am 12. um 3 Uhr Morgens aren die Truppen sämmtlich abgezogen und die Nationalgarde esetzte die verlassenen Plätze.
Wien, 13. Oct. 2 Uhr. Trotz des kriegerischen Zustan- 's, in dem sich die Stadt befindet, herrscht hier die musterhaf- ste Ordnung und Sicherheit.
Fast Alles ist unter den Waffen und versieht den Dienst, der Hein auf Bewachung der Linie sich beschränkt. Kleine Vorpo- engefechte haben schon mehrere Male stattgefunden. So eine ulte Vormittag wieder an der St. Marrer Linie. Der Zuzug mr Lande und der Uebertritt des Militairs ist noch immer sehr ns. Für Letztere find die hiesigen Kasernen eingerichtet. Sie ürden schon ein kleines reguläres Corps abgeben. Die Anzahl r Bewaffneten im Ganzen kann sich unübertrieben auf130,000 lann erstrecken. Die Organisirung eines Landsturms in Steier- ark hat den besten Fortgang, ebenso in Mähren, wo ihn der bgeordnete Kudlich betreibt. Andrerseits sind auch die Truppen- mcentrirungen bedeutend, aus Galizien und aus Böhmen. Win- schgrätz ist mit seinen Truppen bereits in Brünn.
An Nahrungsmitteln ist noch gar kein Mangel. Die Bauern )n nah und fern führen deren fortwährend, zum Theile unentgeldlich I. Vor dem Ligorianerkloster werden fortwährend Wagen mit lchen abgeladkn. Messenhauser, Schriftsteller, gewesener Militair, n noch junger Mann, hat das provisorische Nationalgarde-Ober- mmando übernommen.
Die Flucht der begüterten Familien aus Wien ist allgemein, s tollen 22,000 Familien die Stadt verlassen haben. Die Bahn- ge kommen wegen der Masse der Flüchtlinge verspätet an, der 1 12. d. in Breslau anlangende hatte nicht weniger als 84 Waggons. Die Stadt hat ganz das düstere Aussehen eines Plaz- t, der einer Belagerung entgegen sieht. Die meisten Läden sind Perrt, die Theaterzettel sind von den Straßenecken verschwunden, st Jederman geht bewaffnet, und es ist ein kleiner aber bezeich- ader Zug, daß die Milchverkäuferinnen, die wie gewöhnlich zur adt fuhren, ihre Rückfahrt mit kaum zur Hälfte verkauften Vor- h antraten.
Der Schwarzenberggarten ist in solcher Eile vom Militair lassen worden, daß Uniformen, Bücher und Waffen zurückge- en worden sind.
Der Telegraph der Südbahn ist vom Militair zerstört worden.
Wir lassen jetzt die wichtigsten Verhandlungen des Reichstags folgen, welche zugleich den obigen und den gestrigen Bericht vervollständigen mögen:
In dem Bericht, den die Deputation am 10. Abends über die Unterredung mit Auersperg erstattete, heißt es: Die Commission machte die Bemerkung, daß der Stellung Auerspergs kein kaiserlicher Befehl zu Grunde liege. Er sagte, vom ehemaligen Minister den Befehl erhalten zu haben, und seinen Aeußerungen nach zu urtheilen, werde er sie auch verlassen, wenn ein Befehl eines neuen Kriegsministers vorläge. Die Kommission kann nur nachdrücklich bitten, daß die Bevölkerung keinen Angriff mache. Die Kommission hat auch den Kommandanten befragt wegen etwai- ger^Verbinoung mit Jellachich. Er versicherte, daß durchaus keine bestehe, ja daß er nicht einmal über dessen letzten Aufenthalt Auskunft erhalten.
In der Sitzung vom 11. erklärte Borrosch, daß er im Lager keineswegs ungeziemend behandelt worden sei. Er habe wohl Aeußerungen hören müssen, die ihn veranlassen werden, dagegen aufzutreten. Pillersdorf erklärt aber, daß dies nicht in der offi- ciösen Verhandlung stattgefunden habe, sondern nur von einzelnen Osficieren. —
Das in dieser Sitzung vorgelesene Schreiben des Ministers Hornbostl sagt: Angelangt bei Sr. Maj. habe er ihm die Lage Wiens vorgeiteilt; doch habe er bemerkt, daß ihm Se. Maj. nicht mehr das Vertrauen schenke; hierauf habe er es für seine Pflicht gehalten, Se. Maj. um gnädige Enthebung von seinem Amte zu bitten. Das Demisfionsgesuch lautet: „Ew. Maj.! Auf Befehl, die Gegenzeichnung zu besorgen, traf der erg. Gefertigte hier ein. Er erlaubte sich als verantwortlicher Rath der Krone und des Volkes die Bitte zu stellen, den FeldmarschaU Jellachich dem österreichischen Ministerium unterzuordnen. Ew. Maj. haben in dieser Bitte nicht das Wohl des Staates zu finden geglaubt, darum bittet er um seine Entlassung, um sich ins Privatleben zurückzuziehen." Se. Maj. haben bisher das Entlaffungsgesuch noch nicht genehmigt. Der Ausschuß war darüber traurig betroffen, und demgemäß hat er beschlossen: der Reichstag möge sofort eine Deputation, — aus jeder Provinz einen Abgeordneten, an Se. Maj. absenden, um die Lage der Dinge Sr. Maj. vorzustellen. Zugleich schlägt sie zu diesem Zwecke die Abgeordneten vor. Potocki stellt den Antrag: Jede Provinz solle ihre eigene Wahl treffen. S e mi a lko ski ist dagegen, da die Zeit drängt. Potocki's Antrag wurde jedoch angenommen. Diese Wahlen sind folgendermaßen ausgefallen: Galizien, Borkowski; Böhmen, Scoda; Mähren, Feifalik; Niederösterreich, Schmidt; Oberösterreich, Peitler; Steiermark, Thinfeld; Tyrol, Clementi; Küstenland, Madonizza; Illyrien, Kaut- schitsch (abw.) Tolsheim; Dalmatien, Fadmiki.
In der Sitzung vom 12. wurde vom Referenten des permanenten Sicherheits-Ausschusses, Abgeordneten Schuselka dem Hanse mitgetheilt, daß aus Brünn bereits 600 Mann Nationalgarde angelangt und die Garnison aus Ollmütz und ganz Steiermark im Anrücken begriffen seien.
Auch theilte Schuselka den bereits bekannten Briefwechsel mit Auersperg mit, welcher Entwaffnung des Proletariats verlangte und die Verbindung mit Jellachich unbedenklich fand, worauf ihm der Ausschuß erwivert hatte, „daß an eine Ent- „waffnung des Volkes unter den obwaltenden Umständen gar „nicht zu denken sei, und daß es dem General als Kommandi- „renden von Oesterreich obliege, den Vanus mit seinen Truppe» „von diesem Gebiete zu entfernen," nicht aber etwa dazu beizutragen, daß der ungarisch-kroatische Krieg auf österreichische» Boden hinübergespielt werde. — Heute früh sei wiederum ein Schreiben von dem Kommandirenden eingegangen, wonach derselbe im Begriffe stehe, „die Position Schwarzenberg-Garren zu ver- „lassen, und nach dem eine Stunde von Wien entfernt liegenden „Jnzersdorf zu rücken." (Hier soll auch Jellachich sein Hauptquartier haben.) Er stelle daher alle öffentlichen Gebäude unter den Schutz der Nationalgarde. Seinen General Mantauscheck habe er nach Wien geschickt, wo selbiger in den Kasernen wohnen würde. Mit diesem möchten sich die jetzigen Gewalthaber über die zu ergreifenden Maßregeln zum Schutze des k. Eigenthums benehmen. — Der permanente Sicherheits-Ausschuß stellte an den Reichstag den Antrag und er ward beschlossen: