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Zweite Ertra-Beilage zu Nr. 134 der Neuen Hess. Zeitung.

Gegen die Widersacher der kurhessischen Schulreform.

Es ist eine allgemein anerkannte Thatsache, daß Frei­heit, Gesetzlichkeit und Wohlfahrt der Völker abhän­gig sind von deren Bildung. Die große Mehrheit der Staatsgenossen erhält aber ihre Bildung in der allgemeinen Volksschule. Daher die Wichtigkeit dieser Anstalt und daher der Streit um sie zwischen Staat und Kirche, zwischen Män­nern des Fortschritts und des Stillstands, zwischen Freunden und Feinden des Volks. Daher auch das Streben der Schule, im wahren Sinne eine Schule des Volkes zu werden.

Gegenüber der Thatsache, daß bisher die Volksschule, weil in einem wenig geregelten Verhältnisse der Unterordnung zu den Pfarrern stehend, in einer einseitig kirchlichen Rich­tung nicht nur, sondern sogar in einer erclnsiv orthodoxen geleitet und gegängelt worden ist, machen die Lehrer mit allen Freunden des Volks den Satz geltend, daß die Volksbil­dung inderCulturreligiöserAnlagen oderinder einseitigen Pflege bloß kirchlicher Interessen nicht aufgeht, daß sie vielmehr eine allgemei­nere, nämlich die Aufgabe hat, die Bildungs­grundlage für alle, auch für die politischen und geschäftlichen A n g e l e g e n h e i t e n des bürgerlichen Lebens zu geben.

Man will das Recht einer freieren, von der Geist­lichkeit unbehinderten Entwickelung der Schule, um allen Bedürfnissen des Volkes gerecht werden zu können. Man will eine sachkundige Aufsicht, damit weder Uebelwollen, noch Unverstand daS Werk der Schule zu hindern vermöge. Man spricht von „Trennung von der Kirche," weil ja die Kirche selbst sich vom Staate trennen will. Man will beim Staate bleiben, weil er allein die gegliederte und rechtlich geordnete bürgerliche Gesellschaft ist, und weil die Volksschule sich sehnt, endlich einmal eine rechtliche Stellung im Staats­leben einzunehmen.

Man beansprucht eine der Aufgabe allgemeiner Volks­bildung angemessenere Lehrerbildung, damit für die höheren Zwecke auch mehr und mehr die red) teil Männer gewonnen werden. Um aber Männer zu erhalten, um die Lehrer in dem ihnen zugewiesenen Kreise geachtet zu sehen, müssen die Knechtsdienste, die Armsündergestalt unb das Hungerthum von ihnen genommen werden. Um die Volksschule zur Bild­nerin eines mündigen, selbständigen Volks zu erheben, muß auch sie selbstständiger, muß sie der willkürlichen Bevor­mundung von Seiten der Geistlichen entrissen werden. Die Lehrer wollen in ihren dienstlichen Functionen, wie in ihrem außerdienstlichen Verhalteu gleich jedem anderen Staatsbürger unter vernünftigen Gesetzen stehen, anstatt unter der Gewalt der pfarramtlichen Auctorität, welche wahrend der letzten Jahre ihre „Ueberwachung" sogar darauf ausdehnen sollte, was der Lehrer aß und wie er sich kleidete. Im Zustande der Willkür und Gesetzlosigkeit, welcher aus nicht zeitgemäß gere­gelten Verhältnissen immer sich entwickelt, gedeiht die Schul­bildung niemals.

Das etwa die Summa dessen, was auch die kurhessischen Lehrer anstreben. Sie haben ihre Ansichten und Wünsche niedergelegt in Petionen, in Adressen, in Broschüren. Nichts ist der Oeffentlichkeit vorenthalten worden. Oeffentlich waren die Verhandlungen in ihren Zusammenkünften, öffentliche Blätter brachten ihre Berichte. Unter Berufung auf alle jene Mittheilungen müssen wir Fronte machen gegen das schnöde Treiben einer Fraction kurhessischer Geistlichen. Sie hat ihre Anhänger in den Reihen der protestantischen, wie der katho­lischen Pfarrherren gefunden. Evangelischerseits scheint na­mentlich jener Abzweig der strengorthodoren Partei, welcher unter dem Ministerium Scheffer dem freisinnigeren Theile seiner geistlichen Aintsbrüder in ähnlicher Weise gegenüber­

stand, wie gegenwärtig den Lehrern, nicht wenige geliefert zu haben. Wie dem aber auch immer sei, so viel ist gewiß, daß Oberhessen, wo die bewegenden Gegensätze unserer Zeit stark auf einander treffen, die Wiege der hier gerügten, im Gehei­men wohl organisirten Agitation gegen die Schule ist. In den Predigerkonferenzen Otzerhessens laufen die Fäden zusam­men. Von da ist Anregung nach Fulda gekommen, wo die Sache natürlich warme Herzen gefunden hat. Die nieder­hessische Geistlichkeit hat indessen in ihrer großen Mehrzahl eine höhere, würdevollere Haltung gezeigt. Zwei große Pre- digerversammlungen, die eine zu Kassel, die andere zu Hof­geismar, haben fast mit Einstimmigkeit beschlossen, jenen Um­trieben keinen Vorschub zu leisten. Da man nicht annehmen kann, daß die von bestellten Herumträgern hinter dem Rücken der Geistlichen an die Bürgermeister und Gemeinden gebrach­ten lithographirten Petitionen — die dann sämmtlich, wie man sich erzählt, an Herrn Pfarrer Lohr hierselbst cinzusen« den wären — viele Unterschriften finden werden, so dürfte hiermit die Sache ihr Ende erreichen*).

Wie ganz anders stellen sich die von jenen AgitationS- Helden herunter gesetzten Schullehrer zu den Forderungen der Zeit! Bei Diesen das Licht der Oeffentlichkeit; bei Jenen das intriguirende, schleichende Geheimniß. Hier freie Be­sprechung in Versammlungen, bei welchen Jeder Zutritt bat; dort Inspirationen und Coinmunicationen unter dem Siegel und mit der Form der Dienstsache. Hier einfache Ansprachen an die gesetzlichen Behörden des Landes und Anrufung der öffentlichen Meinnng; dort Aufwiegelungen der Gemeinden mit dem Feuerlärm: „die Religion ist in Gefahr."

Zu solchen Mitteln müssen Diejenigen greifen, welche persönliche Dinge an die Stelle öffentlicher Interessen schieben; wo sie den leisen Tritt geheimer Instructionen verlassen, da treten sie vor die zusammengerufene Gemeinde, an den Altar und auf die Kanzel mit der öffentlichen Verleumdung: „ES gilt dem evangelischen Glauben."

„Die Religion ist in Gefahr!" haben auch die Jesuiten gerufen, mochten staatliche oder kirchliche Reformen versucht werden. „Die Religion, der evangelische Glaube ist in Ge­fahr!" schreien noch immer die Hengstenbergianer jeder freieren Auffassung der Bibel esttgegen. „Thron und Altar sind in Gefahr!" war jederzeit noch das Feldgeschrei der Herren im Talar und im Kammerherrnfrack, wenn die Bewegung der Zeit gegen ihre speciellen Interessen sich kehrte. O die Tho­ren! Haben sie durch ihre Verblendung nicht Thron und Altar erst wankend gemacht? Haben sie nicht durch ihren Absolutismus den Geist gezwungen, an seines Kerkers Eisen­stäben zu rütteln? Hat nicht eine starre Orthodoxie am meisten das Vertrauen der Kirche erschüttert, indem sie die Fäden der christlichen Liebe, die Bande gegenseitiger Duldung aus dem Herzen riß? Das bloße Bekenntniß kann zwar verbinden, aber nie einigen; es wird in Ewigkeit auch iren- nen, wie die Liebe allein ewig versöhnen wird. Aber in den Bekenntnißfragen, in den Glaubensstreitigkeiten findet der hier­archische Egoismus mancher Geistlichen zugleich eine sichere Zufluchtsstätte bei Angriffen, eine treffliche Waffe zur Verthei­digung seiner Interessen.

Hiermit glauben wir das Wort getroffen zu haben, in welchem die Triebfeder zur Agitation gegen die angestrebten Reformen auf dem Gebiete des Schulwesens ruht: es ist der Egoismus hierarchischer Geistlichen. Dieselbe Partei, welche für GlaubenSzwang, gegen freie Religionsübung jahrelang gefochten hat, sie erhebt auch jetzt wieder die alten rostigen Waffen. WaS sie dem Staate gegenüber verloren, das hofft sie durch eine energischere Beherrschung der Volksschule wie­der zu gewinnen. Um der künftigen Generation sicher zu sein, nimmt sie die Jugend, den gestimmten Volksunterricht in Beschlag. Bei diesem Streben scheut sie kein Mittel, selbst das der Verdächtigung, der Renitenz gegen die deutsche Na-

*) Auch die Geistlichen der Classe Wetter haben neuester Mittheilung zufolge ihre Mitwirkung an diesem PetitiouSwesenIversagt.j ,