— 972 —
Hat sie es jetzt zu thun, mit einem Klubb, der grundsätzlich schon längst außerhalb der Versammlung stand, der in jenem verruchten Antrag seinen letzten, aber doch noch nicht seinen allerletzten Gedanken ans Licht gebracht hat. Dieser Coterie, diesem Klubb und seiner Frechheit hat sich Gagern entgegengeworfen mit Mißachtung seiner Stellung und wir haben dabei Nichts anderes zu bedauern, als daß er nicht zur Ordnung gerufen ward.
Wir wollen hoffen, daß ihn die Versammlung noch nachträglich zur Ordnung rufen möge. Und da diese Versammlung mit Rücksicht auf ihre Bestandtheile einer recht strengen Geschäfts- Ordnung nach wie vor bedürfen wird und grobe Worte nach wie vor von sich fern halten muß, damit man die Paulskirche nicht erwünschtermaßen zu einer Taberne mache, so müssen wir auch noch die Erwartung aussprechen, daß Hinfubro mit doppelter Schärfe jedes, auch das provocirtest Wort des Zornes gerügt werde.
Für die paar Monate, wo es noch nöthig ist, werden sich hoffentlich einige starke Naturen finden, welche, mit siebenfacher Geduld gepanzert, vier Wochen lang — denn länger hält es gewiß Keiner aus — mit kalter Ruhe, ohne sich zu rühren, dem Gräuel und Aergerniß zu steuern wissen.
Heinrich Gagern aber möchten wir jetzt gern als Präsidenten aufgeben und ihn, zu guter Wehr, als leuchtendes Vorbild für alles Volk, an der Spitze der Kämpfenden begrüßen.
Die Griechen dachten sich einst ihren Olympier als den ruhigen, Recht und Gerechtigkeit und das Treiben der Menschen mit stiller Würde waltenden Gott; aber dennoch — nicht umsonst gaben sie den Blitz in seine Hand und es gab auch für ihn eine Zeit, wo er im grimmen Kampfe mit den titanischen Dämonen als der Vorderste unter den Himmlischen stritt. Damals häuften die Titanen Berge und Felsen auf einander, um den Olymp zu stürmen. Auch gegen unsern Olymp, auch gegen die Stätte, welche unsere Hoffnungen, unsere Gegenwart und Zukunft umschließt, in der die Kultur der Jahrtausende erst so recht aufgehen soll, stürmen dämonische Mächte jetzt heran. Nicht Felsen , nur Berge von Schmutz häufen sie auf einander; aber deshalb ist der Kampf nicht leichter, er ist nur schwerer und widerwärtiger, — jetzt dürfen auch die olympischen Götter, wo eS deren gibt, den Kampf nicht scheuen. A. P.
Politische Nachrichten. Deutschland.
•4- Frankfurt, 7. Oct. Die vorgestern Abend für nöthig befundene Verstärkung der Wachen und Vermehrung der Patrouillen fand gestern Abend nicht statt und es möchte somit der dafür angeführte Grund, die stürmische vorgestrige Sitzung der Reichs- versammlung, wohl nicht stichhaltig sein, da wir gestern nicht weniger aufgeregte Scenen in der Reichsversammlung zu bedauern hatten. Fast sollte man glauben, die Partei der „vereinigten Linken," deren Genossen außerhalb der Paulskirche einen so em- psindlichen Schlag für ihr aller Sitte hohnsprechendes Auftreten erlitten hat, wolle nun selbst innerhalb derselben die Rolle jener übernehmen, und wirklich bleibt derselben, nach den von ihren Mitgliedern vorgestern und gestern herbeigeführten Scenen nur noch etwa der Bau von Barrikaden übrig, wozu es vielleicht in den in nächster Woche zu erwartenden stürmischen Sitzungen konimt. Möge die Weisheit der übrigen Parteien der Reichsversammlung in Berücksichtigung ihrer Würde einem solchen, immerhin gefahrvollen Unternehmen zuvorkonimen.
Je kräftiger die Centralgewalt den anarchischen Bestrebungen selbstsüchtiger Demokratenführer entgegentritt, und dafür von diesen einer immer gründlicheren Verachtung sich zu erfreuen hat, in gleichem Maaße scheint die Achtung zu wachsen, welche sie für sich bei den übrigen gesitteten Nationen beansprucht. Aber nicht blos die auswärtigen Nationen, sondern auch, um mit Herrn V. Vincke zu reden, die inländischen fassen zu derselben ein immer größeres Vertrauen und bieten ihr bereitwillige Unterstützung an. So hat die Nachricht hier einen sehr freudigen Eindruck gemacht, daß die preußische Landesversammlung mit sehr großer Majorität beschloßen hat, die Centralgcwalt in der dänischen Frage kräftig zu unterstützen.
Wien, den 3. Okt. In der gestrigen Abendbeilage der „Wiener Zeitung" findet man Folgendes: ES taucht von Neuem
daö Gerücht auf, daß Se. Maj. der Kaiser aus Wien sich zu entfernen beabsichtige. Wir erklären hiermit auf das Bestimmteste, daß dieses Gerücht völlig unbegründet ist.
Ueber den Zweck der Sendung des Grafen Lambcrg nach Pesth giebt die „Wiener Zeitung" folgende Erklärung: „Als der Vanns von Croalien, Baron Jellachich, ohne Hinderniß bis zum Plattensee mit seinen Truppen vorrückend, vor Stuhlweiffenburg aus die ungarischen Heerhaufen stieß und ein Conflict zwischen den beiderseitigen k. f. Truppen zu befürchten stand, fühlte sich das österreichische Ministerium verpflichtet, diesen Zusammenstoß zu verhindern uud stellte bei Sr. Maj. den Antrag, den F.M.L. Grafen Lamberg, einen von allen Parteien geschätzten Mann als königlichen Kommissar zur augenblicklichen Einstellung aller Feindseligkeiten in die Truppenlager abzusenden. Se. Maj. genehmigte den Antrag, ein Manifest wurde erlassen, zugleich mittelst eines königlichen Reskriptes an die ungarische Reichsversammlung dieselbe hiervon in Kenntniß gesetzt und der Reichstag bis zum 4. Dec. l. J. mit dem Zusatze prorogirt, daß (baâ Resultat der gegenseitigen Pacification dem Reichstage behufs der gesetzmäßigen Verhandlung desselben vorgelegt werden soll. Dieses Rescript wurde von Sr. Maj. unterschrieben und mit einem allerhöchsten Handschreiben dem noch fnngirenden Ministerpräsidenten Grafen Batthyany übersendet, damit er dasselbe contrasigniren lind zum Vollzüge bringen möge, beide Schriften aber dem Grafen Lamberg eingehändigt, um die persönliche Uebergabe an Grasen Batthyany zu bewerkstelligen. Das Manifest kam früher nach Pesth als Graf Samberg und brachte in der Reichsversammlung die Aufregung hervor, deren Opfer Graf Samberg geworden ist."
Wien, 3. Oct. Der Finanzminister Baron Krauß hat endlich doch den Reichsständcn den dringend verlangten Voranschlag für 1849 vorlegen müssen. Darin sind die Zinsen der Staats- schllld mit 52,103,158 fl. berechnet, der Hofstaat mit 4,046,148 fl., das Kriegsbudget mit 59,090,538 fl. (worunter 34'/2 Million für Kriegskosten), die Verwaltungskosten mit 8,026,519 fl., die öffentlichen Arbeiten mit 19,838,258 fl., wovon 10,000,000 fl. für den Ausbau der Staatseisenbahnen, in Summa 163,104,801 fl. C -M. Da die Einnahmen hingegen nur mit 101,269,403 fl. prüliminirt sind, nämlich an Grund und Häusersteuer 24,269,000 fl., an anderen directen Steuern 2,659,000 fl., an Accise 14,200,000 fl., an Zollerträgniß 11,3 30,060 fl, am Salzmonopol 12,700,000 fl., am Taback 11,567,000 fl. und an anderen Gefällen noch 24,945,000 fl., so ergiebt sich ein Deficit von 62,000,000 fl., das sich in der Wirklichkeit leider noch höher belaufen dürfte, da die Ausgaben jedenfalls größer und die Einnahmen geringer sein werden, als sie in dem ministeriellen Entwurf verzeichnet sind. Unter diesen Verhältnissen wäre eine Ermäßigung des Hofbudgets gewiß am Platze, da der alte Prunk entbehrlich und die kaiserliche Familie ohnedem sehr reich ist. Deshalb war die Hofloge im Reichstag an dem Tage, wo Krauß die Bewilligung der Steuern für das nächste Jahr verlangte, von Damen des Hofstaats angefüllt, die alle mit Ungeduld den Ausgang der Debatte erwarteten, indem von demselben das Fortbestehen des kaiserlichen Hoslagers in seiner bisherigen Gestalt abhing. Der spanische Hofglanz unseres Monarchen erhellt am Besten aus der Liste der Hofbedientesten, die aus 827 Beamten, 25 Praktikanten und 3026 Dienern und Aufsehern bestehen, welche zusammen jährlich 1,716,882 fl. an Gehalt beziehen, während nebenbei 307 Beamte, 239 Wittwen, 67 Diener und 67 Kinder Pensionen zu 167,361 fl. jährlich genießen, und als Provisionisten 314 Männer, 359 Weiber und 323 Kinder mit 54,092 fl. im Budget des Hofes figuriren! — Die letzte Volksversammlung im Odeon, wo Dr. Tausenau 10,000 Zuhörern die Vergiftung des Papstes und die Intriguen Metternichs und Louis Philipps erzählte, war besonders durch einen starken Besuch von Seite des Militairs merkwürdig, denn man bemerkte da Soldaten aller Waffengattungen, besonders zahlreich aber Artilleristen und italienische Grenadiere. •
Berlin, 4. Oct. Seit einigen Tagen ist die Placatenli- teratur wieder im Zunehmen begriffen, obgleich sich dieselbe meist nur mit bereits erörterten Fragen befaßt. Der „Demokratenver- ein der Königsstadt" erläßt einen Aufruf „an die Männer im Heere," in welchem vorzüglich darauf hingewiesen wird, wie die