Einzelbild herunterladen
 

Neue Hessische Zeitung.

j\£ 433» Dienstag, den 10. Oktober. 18-K8«

Die Neue Hessische Zeitung erscheint täglich, Sonntags mit einem Unterhaltungsblatte, und wird vor 12 Uhr Morgens auSgegebeir Der AbonnementspreiS beträgt 1 Thlr. 15 Sgr. für das Quartal, wofür alle kurheffischen Postämter solche ohne Preiserhöhung liefern. Anzeige» jeder Art werden die Petitzeile oder deren Raum mit 1 Sgr. berechnet.

Heinrich von Gagern.

Wir haben heute den Präsidenten der deutschen Nationalver- sammlung, den größten, den gefeiertsten Mann unserer Tage zum ersten Gegenstände unserer Besprechungen gemacht. Nicht etwa, als ob wir das Alles wiederholen wollten, was in Büchern und Zeitschriften über das vergangene Leben des Mannes zu lesen ist. Was er bis hierhin für die Freiheit gethan und gelitten habe, wie edel und vortrefflich er immerdar gewesen sei, das haben bundert Andere noch jüngst zu einer Zeit beschrieben, wo er im Zenith des Ansehens stand. Es kam uns nicht darauf an, den von Allen Gefeierten zu feiern, und da, wo Keiner zu schmähen wagte, überflüssige Hymnen anzustimmen. Wir haben es heute mit dem Manne zu thun, der nicht mehr von Allen gefeiert wird. Heinrich v. Gagern hat seine Wolkenhöhe ver- laffen, es hielt ihn nicht länger mehr darin, er ist unter die Kämpfer herabgestiegen und sie haben die Wuth der Meute gegen ihn gehetzt. Heinrich v. Gagern hat sich Feindschaft erworben, bittere, giftige Feindschaft, seine Größe wird begeifert und in den Staub herabgetreten. Heinrich v. Gagern ist nicht mehr der große Mann von ehegestern, nicht der große Mann für Alle; seine Größe beginnt jetzt erst so recht für uns.

Die öffentliche Meinung hatte Recht, wenn sie am Präsiden­ten der Nationalversammlung die Unparteilichkeit als höchste und segensreiche Tugend pries. Wie groß auch die früheren Ver­dienste Gagerns im engeren Vaterlande gewesen waren, wie ge­ringfügig schienen sie, wie traten sie zurück vor dem, was er in diesen wenigen Monaten gethan! Mehr als einmal drohte das schwanke Schiff, das unsere Zukunft an seinem Bord trägt, im Sturme des Hasses und der Leidenschaften zu scheitern. Mehr als einmal wäre es wohl zerschellt und versunken, hätte der Steuermann nicht am Ruder gestanden, der es ruhig und unver­zagt durch die Wogen zu lenken wußte, die er, dem rettenden Gotte gleich, zu säiiftigen verstand. Mehr als einmal hatte die Nation ihre Hoffnungen fast verloren und schaute in banger Erwartung nur noch nach deni Einen hin, deffen unermüdliches Wirken und Sorgen Tag und Nacht bemüht war, die Hindernisse hinwegzuräumeu, die dem großen Einigungswerke in den Weg geworfen wurden.

Es ist bekannt, mit welcher Ruhe er das empörte Gefühl so oft zurück gedrängt und bei der Handhabung der Ordnung am Buchstaben kalt und ohne Leidenschaft fest gehalten hat. Wenn er die Empfindlichkeiten der gereizten, verletzten, eifersüchtigen Stämme sah, die da in der Paulskirche beisammen saßen, um fick zu einigen; wenn er und mit ihm alle Patrioten die Nothwen­digkeit und segensreiche Wirkung eines versöhnenden Geistes, einer schonenden Sprache aufs tiefste, aufs ängstlichste fühlte, und wenn er nun Zeuge sein mußte des elenden Bestrebens, nicht zu schonen, sondern zu verletzen, den Haß statt der Liebe, die Zwie- tlacht statt der Eintracht in die Herzen zu säen, damit das viel ersehnte Werk ja zu Spott und Schanden werde, wenn er das Alles sah und dennoch ruhig blieb und ohne Leidenschaft nach den Para­graphen der Geschäftsordnung die Worte, die Worte aber nicht der Worte tiefen tückischen Sinn und Zweck maß und wog, dann leistete er wohl mehr, als Menschen für die Dauer lei­sten können und sollen, er zerbrach sein eigen Herz, seine besten Ge­fühle und legte sie auf den Altar des Vaterlandes hin.

Und in der That, tv bedurfte vor den Septembertagen dieser unerhörten Aufopferung. Gegenüber einer planlosen, undisciplinirten Masse, in der nur ein kleines freches Häuflein systematisch auf­trat, hatte sich schwerlich ein Anderer gefunden, der das Ganze mit der Kraft seines Geistes in den schwersten Augenblicken zu­

sammenzuhalten verstand: es war nothwendig, daß Heinrich Gagern Angesichts des Kampfes jene fast apathische Haltung beibehielt, welche selbst den Virtuosen der Verläumdung keine Handhabe darbieten konnte.

Die Septembertage haben auch hier eine glückliche Wendung hervorgebracht. Die schwersten Krisen sind überstanden, versöhnt reichen sich die Volksstämme die Hände, die Centralgewalt befestigt sich plötzlich in dem Vollbesitze einer unbestrittenen Macht, das Verfassllngswerk eilt der Vollendung entgegen.

Die träge Masse der Centren aber sieht sich endlich gemässigt, auch einmal praktisch zu werden, sie hat sich organisirt und nun, da das Chaos geordnet, da die schwersten Augenblicke überstanden, mögen einmal Andere als Gagern den Präsidentenstuhl besteigen. Schon vor der jüngst geschehenen sechsten Wahl soll der bisherige Präsident gezögert haben, sie aufs Neue anzunehmen, und dieses Gerückt gewinnt an Kraft durch den Umstand, daß die Centren zwei Vicepräsidenten aufgestellt haben, welche offenbar berufen scheinen, das Präsidium mit Kraft und Geschick zu verwalten, wenn auch nicht mit jener wundervollen subtilen Vorsicht des Meisters, einer Vorsicht, auf welche es jetzt in der That gar nicht mehr ankommt.

Mag nun Gagern fortan ganz vom Präsidium zurückireten, oder den Platz seinen Vicepräsidenten öfter zu überlassen gedenken, soviel ist gewiß, er ist wieder in die Reihen der Kämpfer einge­treten. Er will mitstreiten in dem bevorstehenden Kampfe um des Reiches endliche Form und Gestaltung. Da wird es gelten, mit der ganzen Kraft der Begeisterung, deren dieser große Mann fähig ist, unbeengt durch die Rücksichten des Präsiventenstuhles, den declarirten Feinden sich entgegen zu werfen, welche daran ist nicht zu zweifeln hier ihren letzten Trumpf ausspielen werden. Nicht ohne Absicht mochte Gagern, als er am 2 d. M. zum sechsten Male den Präsidentenstuhl bestieg, mit Nachdruck darauf Hinweisen, die Pflicht der Unparteilichkeit bestehe nicht darin, daß man der Ansicht aller Parteien sei, sondern nur darin, daß man allen Parteien ihr Recht gewähre.

Als er diese Worte sprach, dachte Gägern wohl nicht daran, daß er schon nach wenigen Tagen dahin getrieben werden sollte, auch diese Präsidentengerechtigkeit aufzugeben, um erst wahr und wahrhaftig Allen gerecht zu sein. Als in der Sitzung vom 5. Oct. jener Antrag Schmidts und Consorten geschah: die Nationalver­sammlung möge ihren wahren Character der Welt enthüllen und die angeklagten Mitglieder nur ohne Weiteres verhaften lassen, da bestieg der Präsident der Versammlung als Redner die Tri­büne und nannte den Antrag eine Frechheit. Heinrich v. Ga­gern hat damit den Paragraphen der Geschäftsordnung verletzt, die er doch als Präsident selbst handhaben sollte: er durste kein beleidigendes Wort gebrauchen, lind doch sagte er das Geringste, das Mildeste aus, was sich über ein Attentat wie dieses aus- sagen ließ. Als Präsidenten geziemte es ihm zu schweigen, als Patrioten mußte es ihn drängen, im Namen der in ihren Ver­tretern gemißhandelten Nation seine ganze Entrüstung auszuspre­chen über diesen in der Geschichte der Parlamente unerhörten Frevel. Heinrich v. Gagern hörte auf, Präsident zu sein, um der Vorkämpfer des Vaterlandes zu werden.

Er vergaß, daß cs zwar leicht sein mag, Allen gerecht zu sein, wenn alle gerecht sind, daß eS leicht sein mag, allen Parteien gerecht zu sein, wenn sie wirklich Parteien sind und weiter Nichts, daß es aber schwer, daß es unmöglich und pflichtvergessen ist, auch da noch, auch dann immer noch diese äußerliche Gerechtigkeit zu bewahren, ivo der Feind dem Feinde an das Leben geht.

In dieser elenden Lage befindet sich unsere Nationalversammlung Nicht mit einer Partei, nein, mit einer feindsel i gen Cot eri e