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Neue Hessische Zeitung.

^o 131« Sonntag, den 8. October. iS48®

Pie Neue Hessische Zeitung erscheint Läßlich, Sonntag- mit einem Unterhaltungsblatte, und wird vor 12 Uhr Morgens ausgegeben. Der Abonnementspreis beträgt 1 2bIt. 15 Sgr. für daS Quartal, wofür alle kurhessischen Postämter solche ohne Preiserhöhung liefern. Anzeigen jeder Art werden die Petitzeile oder deren Raum mit 1 Sgr. berechnet.

Politische d^achrichtcu. Deutschlalld.

-7- Frankfurt, 6. Oct. Die heutige Sitzung ward durch die Verhandlungen über das Gesetz zum Schutze der Naiionalver- sammlung ausgefüllt. Bei Abgang der Post hatte man die De- batre geschlossen und dir Berichterstatter Pauer vertheidigte den Entwurf *).

*) Anmerk: der Redaction. Wir konnten heute, da die Setzer Sonntags nicht arbeiten, den ausführlichen Bericht nicht liefern mild haben uns deßhalb auf die Mittheilung der Rede beschränken müssen, welche der 2. Vicepräsident, Riesser aus Hamburg, gehalten hat. Nächst dem durch Rösler von Oels herbei geführten Auftritt (er nannte einen Ordnungsruf von Gagern eine Frechheit, wonach im Tumult Stavenhageu gerufen hat:man solle den Kerl hinaus werfen!"-auch dieser Skandal ward der Skandäler - Kommission überwiesen) bildet Riessers Rede das Ereign des Tages:

Riesser: Diejenigen, welche hofften, daß das Werk der Frei­heit ohne Verbrechen vollendet werden würde, sehen sich schmerz­lich getäuscht. Die Jugendblüthe der Freiheit ist dahin; sie ist in das Mannesalter getreten, wo Opfer und Entsagung noth­wendig werden. Das Siegel wird auf diese Opfer gedrückt durch den vorliegenden Entwurf. Zur Rechtfertigung des Entwurfs müssen wir einen Blick auf die Ereignisse der verflossenen Tage werfen, da der Zufall es gewollt hat, daß von dieser Tribünv jene Begebenheiten nur gemildert und in beschönigender Form dar­gestellt sind. Der Redner erinnert nun an die Vorgänge vom 16. Abends, als die Abgeordneten beim Verlassen der Panlskirche vomVolke" verhöhnt und beleidigt wurden und wie darauf ein zügelloser Haufe die Abgeordneten an verschiedenen Punkten auf­suchte, um sie zu mißhandeln. Er erinnert an die Volksoersamm­lung auf der Pfingstweide am 17. Sept, wo ein Haufe, angeb­lich 20,000 Menschen, die Nationalversammlung für Hochverrä- ther erklärte, und in die Versammlung einzndringen beschloß. Der Redner führt hierauf den wirklich geschehenen Versuch des Eindringens, den er als in der Nähe befindlich bestäti­gen könne, den Bau der Barrikaden, die Ermordung von Lich- nowoko und Auerswald, denen er einen ergreifenden Nachruf widmet, an dem Zuhörer vorüber. Lichnowsky, dessen politische Meinungen er nie getheilt, sei ein Mann von Geist und Kühn­heit gewesen und man könne mit Recht sagen, daß er nie so schwer verletzt habe, als er in diesem Saale und von der Presse verletzt worden sei. Auch, Auerswalds Herzensgute und wackere Gesinnung hebt er hervor; des Mannes, der von Lellten ermor­det wurde, die ihn nicht einmal dem Namen nach kannten. Solche Erinnerungen kann ich nicht abschülteln, wie den Staub von mwineil Füßen! Man hat hier oft an die Leidenschaften appellirt; die-.- Gesetz aber ist eingegeben von der Leidenschaft des empörten RcchtsgtfühlS! Man hat gesagt, der Aufstand vom 18. sei plan- unb zwecklos gewesen, ich muß ihn für mehr als dieS erklären, <r war ein Wahnsinn. Den Wahnsinnigen aber muß man, sei- ner eigenen Heilung und seines eigenen Wohles wegen, binden, damit er dem Vernünftigen nicht schaden könne. Ich fürchte den Tod nicht; aber das Verbrechen fürchte' ich- nickt um seiner Opfer willen, sondern um der Verbrecher selbst, um des ganzen Vater­landes willen. Denjenigen, deren Phantasie mit dem schauer-

Bilde des Convents gespielt hat f), gebe ich zu bedenken, dai> die vage des damaligen Frankreichs und des heutigen Deutsch­lands sehr verschieden ist. Dort war die Einheit längst tiefer be­gründet. Deutschland würde auch einer blutigen Schreckensherrschaft,

t) Vogt in seiner Rede über den Waffenstillstand.

die nur über den Trümmern der Freiheit und Ordnung einziehen könnte, nie seine Thore öffnen. Deutsckland wird nur einer sitt­lichen Gewalt gehorchen. (Großer Beifall.) Geben Sie dem Partikularismus den Vorwand der Erhebung gegen eine blut­dürstige Centralgewalt, und Sie haben die deutsche Einheit um Jahrhunderte zurückgedrängt. Die Reaktion würde dann noth­wendig folgen und würde Freiheit und Einheit auf lange ver­nichten. Ich weiß, daß dem Gräuel vom 18. Sept, noch Schlimmeres zu Grunde gelegen hat, als Haß der politischen Meinungen; man hat sich nicht geschämt, den Namen eines deut­schen Stammes zu mißbrauchen, um das Feuer anznfachcn. Diese Wuth muß von Grund aus vertilgt werden, sonst ist die Einheit unmöglich. Es ist ein Schutz nothwendig gegen Auf­reizungen. Wir, die wir gegen die Mehrheit gestimmt haben in der Waffertstillstandsfrage, und welche dies nicht reut; wir, die wir unsere Abstimmung loiederholen würden, wir müssen mit alter Macht die Intrigue zurückiveisen, die sich dieser Frage als eines Vorwandes bedient hat. Die Ereignisse vom 18. sind um so mehr zu bedauern, als sie in Schleswig-Holstein schlimm ge­wirkt und die Partei, welche die Rechte der Herzogthümer vertritt, in Nachtheil gesetzt haben. Eben wir, die wir damals die Mino­rität waren, und streben müssen, die Majorität zu werden, uns muß vor allen daran liegen, daß unsere Absicht nicht verwechselt werde, mit jener, die alles Gesetz über den Haufen wirft. Man spricht von den Agitationen in England. Ja, dort sammeln sich wenige Män­ner zur Verfechtung ihrer Ansicht; ihre Zahl nimmt zu, sie lassen nicht ab, bis -mS ganze Land überwunden zu den Füßen ihres Prinzips liegt. Aber kein Verbrechen hat diese Agitationen besudelt. S o wollen wir agitiren, nicht durch bewaffnete Horden von Mördern! Auch wir wollen, wenn unser Geschäft hier beendet ist, vor unsere Wähler treten, uns zu verantworten, aber nicht anflöfen wollen wir uns: das wäre Selbstmord und Mord an unserm Vater lande. Wir sehnen den Augenblick herbei, wo wir vor unseren Wählern, vor dem Volke mit unsern Gegnern uns messen werden. Wir hoffen, daß es in wenigen Monden geschehen werde; aber bis dahin machen wir den Anspruch darauf, den Willen des Volkes darznstcllen. Hochverrath am Volke wäre es, sich gegen die Na­tionalversammlung zu erheben. Das Volk wird sein Urtheil über lins sprechen, wenn es bei einer neuen Wahl uns wieder wählt oder nicht. Man wird uns vielleicht wegen dieses Gesetzes den Vorwurf der Reaktion machen, doch niemals kann ein Gesetz einer volksvertretenden Versammlung verglichen werden mit den Vorschriften des Despotismus. Der Redner vergleicht schließlich die zu treffenden Maßregeln mit den in England zu in Schutz des Parlaments bestehenden und endigt mit den Worten:Wir wollen den Tag jubelnd begrüßen, wo dereinst eine nachfolgende Versamm­lung dieses Gesetz wieder aufheben kann." (Anhaltender Beifall.)

-r- Frankfurt: 6. October. Gestern Abend durchzogen stärkere Patrouillen als gewöhnlich die Stadt und waren an mehreren Straßen Wachtposten ausgestellt. Ueber die Veranlas­sung dazu curftreii mehrere Gerüchte. Man spricht von erhalte­nen Drohbriefen oder von dem Einbringen der in Straßburg ver­hafteten angeblichen Mörder Lichnowsky's und Auerswald's.

Frankfurt. Da wir die Note, welche Hr. Raveaur dem Vorort sofort zu überreichen beauftragt ward, noch nicht voll­ständig haben einsehen können, so mag hier der vor einigen Ta­gen von der O. P. A.Ztg. mitgetheilte wesentliche Inhalt dersel- selben folgen: Nachdem der schweizerischen Centralbehörde ins Gedächtniß gerufen ist, wie nach dem verunglückten Unternehmen Heckers die Flüchtlinge sich größtentheils auf Schweizer Gebiet zurückgezogen, wie sie dort, statt deS Asylrechts sich durch ruhiges Verhalten würdig zu zeigen, ihre Umtriebe ununterbrochen fort-