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der Kranken, die Helferin der Armen, die Schätzerin der Waisen und Verlassenen, die Trösterin aller Derer, die mühselig und beladen? sie ist nicht mehr! Sie starb — verehrt und beweint — aber sie lebt fort in dem Herzen ihrer Mitbürger und in den Werken, die ihre aufopfernde Liebe zur Linderung von Leid und Noth geschaffen. —
Die erste Jugend der Verblichenen schien nicht ein jo legens- reiches Alter vorauszusagen-, denn ihre Erziehung war mehr auf das Aeußere als das Innere gerichtet, und Formen und Wellton waren ihrer Mutter, einer liebenswürdigen Frau der großen Welt, oft wichtiger wie die Entwickelung des Herzens und Geistes. Aber die begabte und ungewöhnliche Natur Wilhelminens brach sich durch Alles Bahn, was ihrem reinen innern Wesen widerstrebte; ihr lebendiger Geist verlangte früh nach Nahrung, und sie wußte sich selbst die Mittel zu verschaffen, um ihn mehr und mehr aus- zubilden. Schöne Talente wurden entwickelt, namentlich malte sie viel und vortrefflich. Dabei war sie dem geselligen Verkehr keineswegs abhold und durch ihre muntere lebendige Laune und durch treffenden Witz war sie in allen Cirkeln eine gesuchte und willkommene Erscheinung. Ihre Thätigkeit war ungewöhnlich; sie wußte jeden Augenblick so umsichtig zu benutzen, daß sie neben ihren ernsten Beschäftigungen noch an Handarbeiten und kleinen häuslichen Verrichtungen das Unglaubliche leistete. So verfertigte sie noch in den letzten Jahren in den wenigen Mußestunden und während der zahlreichen Besuche, die sie täglich erhielt, zwei kunstvolle Altardecken, die in der Brüderkirche und in der Martinikirche zu Kassel bei großen Festen prangen.
Fräulein von Goeddaeus war nicht immer glücklich, sie machte manche herbe und trübe Erfahrung im Leben, und erndtete oft da Undank, wo sie mit Liebe und Sorge gewirkt und gewaltet hatte. Dennoch machte sie das niemals irre in ihrem Streben, ja ihr Eifer schien nicht selten mit den Hemmnissen, ihre Liebe mit den Fehlern und Schwächen der Menschen zu wachsen. Doch hatte sie auch das seltene Geschick, zahlreiche Freunde zu finden, die ihr mit großer Liebe und Verehrung anhingen und von denen Manche sie wie ein höher begabtes Wesen betrachteten. — Sobald Fräul. Goeddaeus den ernsten Beruf der Barmherzigkeit sich erwählt hatte, verfolgte sie ihn mit der ganzen Kraft ihrer Seele; sie zog sich von aller Geselligkeit zurück, entsagte ganz der Ausübung ihres schönen Malertalentes, und nur ihr wohnliches, mit Gemälden von eigener Hand rcichgeschmücktes Zimmer, zeugte noch für den Eifer, womit sie früher dieser Lieblingsbeschäftigung huldigte. Wenn man mit ihr über dieses Opfer sprach, das sie brachte, so pflegte sie lächelnd jn erwidern: „ach, wozu half alle diese unnütze Mühe? mein ganzes früheres Leben erscheint mir jetzt wie ein Puppenspiel, und erst seit ich mich für meine Mitmenschen nützlich zu machen fu$ez fühle ich Ruhe und innere Befriedigung." — Eine besonders merkwürdige Epoche in ihrem innern Leben bildet der Moment, wo sie von einer philosophischen Religions-Richtung sich durchaus und mit voller Seele dem Chri- ienthum und seinen biblischen Lehren zuwandte; es zeugt gleich 'ehr für ihren Hellen Geist, wie für ihr edles Herz und reines Zemüth, daß sie bei dieser Umwandlung nicht wie Viele, in Bigotterie und Frömmelei verfiel, sondern mit gläubigem Sinn, mit vahrem christlichen Eifer, eine große Duldsamkeit und Milde gegen Andersdenkende und selbst gegen Ungläubige verband, die sie wohl lus tiefster Seele bedauern konnte, aber niemals verdammte. Ihrer vahren offenen Natur war selbst jeder Schein von pietistischem Treiben zuwider; sie wußte, wie nahe dies der Heuchelei verwandt st, und empfand cs tief, daß wahre Frömmigkeit nicht zur Schau etragen sein will. Ihren Kranken verwies sie es, wenn solche — ftmals im Wahne, ihrer Wohlthäterin Freude zu machen — lraktätlein lasen; in der Bibel und in dem Gesangbuche, sagte e, würden sie besserer und sicherer finden, was ihrer Seele Noth Hue. Sie leitete daher auch selbst die Lectüre und die geistige Ehrung ihrer Pflegbefohlenen, und hatte das schöne Bewußtsein, rß sie mit der irdischen Noth auch manche geistige gelindert, und anches Heil der Seele mit der Gesundheit des Leibes befördert üte. — Auch in politischen Dingen sah sie klar und mit einer r ihre Verhältnisse seltenen Unbefangenheit. Vorurtheilsfrei und nschieden wie sie war, sprach sie sich oft mit Freimuth über die illosen Bestrebungen der letzten Jahre aus und verlor damals
wie in den jüngsten Tagen niemals die Zuversicht auf segensreich Ausgleichung und Entwirrung der streitenden Elemente.
Die bekannte Anstalt, deren Vorsteherin sie seit mehrere« Jahren war und die ihrem beharrlichen Willen ihr Dasein verdankt , ist eine der wohlthätigsten und fegenbringendsten der Neuzeit, denn 'sie wußte es durch ihre große Thätigkeit und Umsicht möglich zu machen, daß sie nur solche Individuen aufnahm, deren Verhältnisse und begründete Ansprüche sie selbst vorher geprüft hatte. Dabei gab sie ihren Pflegbefohlenen selbst nie Geld in die Hand, sondern wußte alle ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und sie so wieder in eine gewisse Gemächlichkeit und besonders in einen bessern Gesundheitszustand zurückzubringen, ohne sie der Gefahr anszusetzen, durch schlechte Anwendung der Geldmittel sich in neue Verlegenheiten zu stürzen.
Der seltenen Energie ihres Charactes war es möglich, zu dieser Anstalt in dem letzten Jahre ihres Lebens noch eine zweite Hinzuzufügen.- ein Hospital für kleine kränkliche Kinder, wodurch sie manche Gesundheit unv manches Leben erhalten hat und mancher trostlosen unbemittelten Mutter eine Quelle des SegenS geworden ist. Sie hat dies Hospital trotz endloser Schwierigkeiten ganz nach ihrer Idee eingerichtet, und bereits genießen 22 kleine kränkliche Wesen dort der ausgezeichnetsten Pflege, und viele sind schon im ersten Jahre, als geheilr, entlassen. Die Anstalt ist nach dem Urtheile vieler Aerzte und Sachverständigen als eine Muster- Anstalt dieser Art zu betrachten, und wird ein schönes dauerndes Denkmal der edlen Schöpferin bleiben. — Zu früh für ihre leidenden Mitmenschen ist Fräulein G. heimgegangen. Schon lange hatte sie mit einer hartnäckigen immer mehr zunehmenden Gicht zn kämpfen; doch überwand ihr energischer Wille dies körperliche Leiden, und obgleich nur unter großen Schmerzen und zagenden Schrittes, besuchte sie nach wie vor ihre Kranken, und täglich ihre Pflege-Kinder im Hospital. Da nöthigte sie ein nervöses gastrisches Fieber ihre Arbeit und Sorge fremden Händen anzuvertrauen. Mehrere Tage schwebte sie in Gefahr, dann frohlockten ihre Freunde, sie selbst betrachtete sich als Genesende, als ein plötzlicher Rückfall und ein hinzugetretener Schlagfluß ihrem Leben ein Ende machte. Sie starb am 15. September 1848. Geboren war sie am 10. März 1790. Erschüttert stehen Alle, die sie kannten und liebten am Grabe; aber Eins fühlt Jeder tief an dieser Stätte des Friedens und der Ruhe: sie war reif für die Seligkeit des Jenseits; ihrer wartet der Lohn des Gerechten! Anspruchslos im Umgänge, frei im Urtheil, bedacht im Entschließen, entschieden im Handeln, bescheidenen Sinnes und freudigen Bewußtseins, voll Heiterkeit und Ernst, voll Thätigkeit und Aufopferung, im Unglück gefaßt, im Glücke demüthig, reich in der Liebe und befeligt im Glauben, streng gegen sich selbst und mild gegen Andere, die Bekümmerten tröstend, die Gefallenen aufrichtend — so lebte sie, so starb sie.
Bei der Eröffnung ihres letzten Willens zeigte es sich, daß sie auch noch über das Grab hinaus ihres schönen Berufs gedacht hatte, sie vermachte einen großen Theil ihres Vermögens der Stadt Cassel mit der Weisung, es der Krankenpflege und dem Kinderhospital zuzuwenden, und fürchtete nicht, dadurch ihre Verwandten zu verletzen, denen sie mit warmer Liebe angehörte, und sich ihr großes Streben von ihnen verstanden und begriffen fühlte. Ihr beweglicher Nachlaß soll öffentlich versteigert werden. Es findet sich darüber folgende Bestimmung: „Mein gesammtes Mobiliar-Vermögen, soweit ich darüber nicht noch besonders verfügen werde, soll zum Besten des Krankenpflegevereins nach zu- voriger Bekanntmachung durch die Zeitungen öffentlich versteigert werden, und habe ich die freudige Ueberzeugung, daß das herzliche Wohlwollen so vieler Menschen mir auch noch im Tode folgen und meinen lieben Armen und Kranken einen guten Erlös bereiten werde." Möge ihr Vertrauen in Erfüllung gehen!
Anfragen, Rügen und Wünsche.
Dem Vernehmen nach ist der Landtagsabgeordnete Oekonom Pfeiffer aus Ermschwerd in seinem Wahlbezirk nicht wieder erwählt worden. Herr Pfeiffer ist ein gesinnungstüchtiger Mann, der dieses nicht etwa erst jetzt, sondern auch schon bei frühern Landtagen bewiesen hat, weshalb dessen Wiedererwählung in einem