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Neue Hessische Zeitung.

J\p 1^8» Donnerstag, den 5. October. 1848*

Die Neue Hessische Zeitung erscheint t fl q I i d), Sonntags mit einem Unterhaltungsblatte, und wird vor 12 Uhr Morgens ausgegeben. Der"Abonnementspreis beträgt 1 Thlr. 15 Sgr. für das Quartal, wofür alle kurhessischen Postämter solche ohne Preiserhöhung liefern. Anzeige» jeder Art werden die Petitzeile oder deren Raum mit 1 Sgr. berechnet.

Deutschland und die Revolution.

IV.

Bei dem hoffnungslosen Gange, den die Deutschen Angelegen­heiten seit Monaten genommen hatten, haben wir die Ereignisse, welche in der zweiten Hälfte des Septembers eintraten, so beschä­mend, so schmerzlich und erschreckend sie an sich sein mochten, dennoch als eine Huld des Schicksals begrüßt. Die Erfahrungen, die man an den Waffenstillstandsunterhandlungen, an den Frank­furter Barrikadenkämpfen, an dem übereilten Hervortreten der rothen Republik und an der Wendung der Berliner Krise machen mußte, sind geeignet, allerseits über die Sachlage noch bei Zeiten aufzuklären.

Es war eine glückliche Fügung, daß sich die Absichten unb die Berderblichkeiten der äußersten Parteien so gleichzeitig und Beide so zur Unzeit enthüllten. Es wird sich zeigen, ob die Reichsregierung den Wink des Schicksals sich zu Gemüte führt und ihn zum Heile des Vaterlandes zu benutzen weiß.

Das Unglück und die Hoffnungslosigkeit der Deutschen Zu­kunft fing an, als sich Frankfurt vor Berlin zu fürchten begann. Sie muß enden, sobald diese leere Furcht verschwindet. Es ist wahr, man hat in Berlin von Anfang an Nichts unversucht gelassen, um nich ufzujehn! Die Eitelkeit der berühmten Ecken­steher und die Eitelkeit der berühmten Hofschranzen hielten sich in dieser Beziehung durchaus das Gleichgewicht. Die Petitionen der Kreuzritter und die Plakate des Preußenvereins standen im natürlichsten Verhältniß zu jenem diplomatischen Dunst, der sich zwischen Deutschland und Preußen hineinzudrängen beflissen war. Natürlich! der Hofschran; glaubte sich um die Aussicht geprellt, an einer kaiserlichen Schleppe zu tragen und wollte doch dte kö­nigliche retten, der Eckensteher fürchtete, am Hofschranz nichts mehr zu verdienen und die Diplomaten die kämpften um ihr bedrohtes Stückchen Brod. So brachte man eine Art öffentlicher Meinung ge­gen Deutschland zu Stande, ja durch die geschickten Bemühungen der Kammerlinken sogar ein Votum des Berliner Nebenparlaments. Man erlaubte sich Bedenken, dann ward man immer dreister, und man kündigte am 6. August den Gehorsam auf, und verlangte end­lich die Unterhandlungen mit Dänemark ganz in die Hand zu nehmen.

Die Nationalversammlung hatte versäumt, nach dem ersten kühnen Griff den zweiten zu thun und auch den dritten, wenn es sein mußte, und die Reichsgewalt beging den schweren Fehler, sich durch die Berliner Weisheit imponiren zu lassen. Was sie in Hannover nicht duldete, ließ sie sich in Berlin gefallen und nährte mit ihrer Schwäche die verderbliche Ueberhebung des Thei­les auf Kosten des Ganzen. Sie war so schwach, sich sogleich in dem ersten Falle, wo es ein auswärtiges Amt für sie gab, an Preußen Preis zu geben. Während man im gemeinen Leben nut solche Leute mit einem Geschäft betraut, deren Treue und lln- eigennützigkeit erprobt, deren Gehorsam gewiß ist, beauftragte die Reichsgewalt in dem vorliegenden Falle mit ihrem wichtigsten und schwierigsten Geschäfte eine Macht, die sich noch so eben im Au­genblicke ungehorsam und eigennützig erwiesen hatte. Ob sie das Gefährliche dieses Verhaltens nicht bemerkte, ob sie es übersah, daß auf diese Weise zwar der Zwist für den Augenblick umgangen, aber für die Zukunft der Bürgerkrieg um so gewisser vorbereitet ward, ob fix des bekannten Satzes nicht gedachte , daß aus dem vorlauten Kind ein ungezogener Knabe und aus dem ungezogenen Knaben ein widerspänstigex, streitsüchtiger, gefährlicher Mann wer- ben kann, oder ob sie sich vor der ganz besonderen Weisheit fürch­tete, die hinter all' dem Preußischen Treiben zu stecken schien *

diesen Beziehungen hat der Waffenstillstand eine recht deutliche Lehre gegeben.

Ohne sich an die Reichs-Gewalt, an deren Vollmachten, an deren Gesandten sonderlich zu kehren, hat die Preuß. Regierung diesen Waffenstillstand mit einem Uebermuthe abgeschlossen, für den man nur aus Rücksicht für das Preußische Volk keinen be­zeichnenderen Namen wählen darf, und für welchen selbst die stockpreußischen Blätter keine Rechtsertigung mehr aufzufinden wußten. Da ward die Nationalversammlung zu Frankfurt unter dem Spottgelächter des Auslandes inne, was in der Politik dabei her­aus kommt, wenn man sich die verzogenen Kinder über den Kopf wachsen läßt. Das giebt jedes Mal ein Bürgerkrieg und in der That, jetzt endlich sah man den Bürgerkrieg, nachdem man ihn so lange Zeit nicht hatte bemerken wollen. Hätte man sich jetzt nicht vor dem Bürgerkrieg fürchten müssen, dem Waffenstillstand wäre wahrlich nicht mit 21 Stimmen Majorität der Lauf gelassen worden.

Die Reichsgewalten haben um den Preis dieser Beschämung eine wichtige Lehre empfangen; zugleich haben sie Gelegenheit gehabt, die Preußische Diplomatie, die sie für so gar gefährlich hielten, in puris naturalibus zu betrachten. Großer Gott! ein Ge­sandter, ein Unterhändler, ein alter Diplomat, der den berühmten Grafen v. Moltke nicht einmal aus den Zeitungen kennen gelernt hat, und ihn sich als einenMann des öffentlichen Vertrauens in Schleswig-Holstein" unbesehen ausschwatzen ließ. Hätte er doch wenigstens den Kammerdiener zuvor gefragt, der hätte ihm zweifelsohne die nöthige Auskunft geben können. Und hat man je etwas dümmeres gesehen, als eine Diplomatie, die während sie sich in ihren Sonder-Gelüsten auf kriegerische Armeen stützen zu können glaubt, es mit denselben Armeen gründlich verdirbt, indem sie die Früchte ihrer Siege opfert?

Wird sich Frankfurt nun noch immer vor Berlin fürchten? und dürfen nach den gemachten Erfahrungen die Reichsminister und der Reichstag noch einen Augenblick zögern, daS Versäumte nach­zuholen, damit die Gefahr des Bürgerkrieges nicht zum zweiten Male wieder kehre? Der Genius der Deutschen Revolution hat auch auf diese Fragen die Antwort so recht nahe legen wollen.

Wer es noch nicht wußte, was für ein Gift am Herzen unseres Volkes frißt und wer daheim vor lauter Grundrechten den Blick von der lebendigen Gegenwart und ihrem Elend allzusehr abge- wendet hat, für den bedurfte es allerdings des grellen, des gräß­lichen Schlaglichtes, welches der 18. Septbr. auf unsere Zustände geworfen hat. Und wer in seiner Gutmüthigkeit noch nicht wis­sen wollte, daß der Fanatismus energisch und thätig und uner­müdlich ist, daß er mit Wachsamkeit nnd Energie bekämpft sein will, dem haben es die Vorgänge an anderen Orten, von denen die rothe Republik in Lörrach lange noch nicht die gefährlichste ist, wohl endlich beweisen können. Jener tiefere, furchtbare Schaden, der die Nation bedroht, und von dem wir im zweiten Ar­tikel sprachen, er ist noch zeitig genug zu Tage getreten. Er hat seine Opfer bereits gefordert; es waren nicht die schlechtesten, und noch sind es Opfer, mit denen sich die unterirdischen Götter versöhnen, lassen. Noch ist es Zeit, dafür zu thun, daß ihr Blut nicht umsonst zum Himmel schreit.

Wer die Geschichte der rothen Republik in Deutschland, der socialen demokratischen" wie sie sich mit eitler Wortfülle nennt, nicht von Hause aus verfolgt hat, und leider schien die Reichs- Versammlung am wenigsten sich mit diesem nützlichen Studium beschäftigt zu haben, der kann sich aus ihren gleichzeitigen Aeuße­rungen, wie sie in den letzten Wochen in übereilter Weise in Frankfurt und der Umgegend, in Baden, Würtemberg, Sigmarin­gen, Köln K. hervorgetreten sind, nur einen ungefähren Begriff davon machen. Von Hause aus ging daS Bestreben dieser Ro­then zunächst" auf dasselbe Ziel los, welches auch die Reaction in