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Neue Hessische Zeitung.

^ö LAG« Dienstag, den 3. Oktober. IS-IS*

Die Neue Hessische Zeitung erscheint t ä q H d), Sonntags mit einem Unterhaltungsblatte, und wird vor 12 Uhr Morgens ausgegeben. Der Abonnementspreis beträgt 1 Thlr. 15 Sgr. für das Quartal, wofür alle kurheffischen Postämter solche ohne Preiserhöhung'liefern. Anzeigen jeder Art werden die Petitzeile oder deren Raum mit 1 Sgr. berechnet.

Deutschland und die Revolution, in.

Wir haben gesehen, die Erfahrungen, die wir während der Deutschen Revolution am Volke gemacht haben, bieten vieles Drohende, vieles Entsetzliche und unverhältnißmäßig wenig des Tröstlichen und Beruhigenden dar. . Wenden wir den erschrocke­nen und besorgten Blick dahin, wo wir am ersten Trost und Erhebung zu erwarten, wo wir neue Hoffnungen fassen zu dürfen glauben in die Paulskirche nach Frankfurt. Dort sitzt ja die Versammlung, welche vom ganzen Volke, von mehr als vier­zig Millionen den Auftrag und die Macht empfangen hat, diese Revolution zu einem heilsamen Ziele zu führen. Sie m u ß diesen Auftrag erfüllen, folglich kann sie ihn auch erfüllen und an ihrer Macht und Weisheit muß List und Frevel gleichmäßig zer­schellen. Diese hohe Versammlung wird, so hoffen wir nun seit Monaten, uns schon Hülfe und Rettung bringen. Und wenn es im Volke noch wüst und schlimm aussieht, wenn sich die Einzel­nen nicht sogleich ihrer großen Aufgaben und Pflichten bewußt geworden sind, so wird die Versammlung der Erwählten, die daS größte Mandat empfingen, was Menschenhänden je gegeben ward, die Versammlung, in welche man gewiß die Weisesten, Kräftigsten erkor, uns mit leuchtendem Beispiele voranschreiten in dem, was Noth thut. So blickten wir denn sehnsüchtig nach Frankfurt hin; aber was wir dort seither fanden, ist leider nicht das, was wir suchten. Was wir dort fanden Intriguen rechts, frivole Frechheit links und Schwäche in der Mitte, das haben wir auch daheim und anderwärts. Da ist ja derselbe Einfluß diplomatischer Noten und selbstsüchtiger Interessen, dieselbe Schreckenswirthschaft ungewaschener Volksredner, vor denen man eben in Frankfurt Rettung suchte. Unsere Hoffnungen sind in Frankfurt noch nicht erfüllt worden. Die constituirende Versammlung hat Nichts con- stituirt, als den Zustand quälender Ungewißheit und sogar, als an die Nationalversamnilung und an die Reichsgewall die Nöthi- gung erging, etwas Anderes als Grundrechte, nehmlich ihre Au­torität fest zu stellen, da hat sie ungewiß lind rathlos die letztere an Preußen Preis gegeben. Diese Grundrechte, sie sind wohl schön und gut und es war gewiß recht zweckmäßig, sie der Na­tion als ein Angebinde des neuen Bundesstaates mitzugeben. Aber nimmermehr durfte darüber die Hauptsache, die Feststellung und unbedingte Durchführung der Reichsgewalt, so lange es noch Zeit war, vergessen werden. Man mußte das Eine thun und durfte das Andere nicht lassen. Die Grundsätze der bürgerlichen Frei- Heit, aufdenen diese Grundrechte beruhen- die stehen jetzt fest genug. Die Grundrechte wären uns unter allen Umständen zu Theil geworden, mochte es kommen, wie es wollte, ja wir besitzen sie zum größten Theile schon. Aber nicht eine einzige der Bestim­mungen des Gesetzes vom 28. Juni hat man ins Leben einge- fuhlt, nichts hat man zu thun gewagt, um die Centralgewalt, well , voll, die Grundrechte beschirmen soll, nach allen Seiten zu be-

während man an den Grundrechten berieth.

Als die Mißachtung der Reichsgewalt bis zu einem Grade gediehen war, wo ihr kaum noch der Name blieb, da that sie llchts, und die Nationalversammlung that auch Nichts, berieth sie wch immer noch an den Grundrechten. Man glaube nicht, daß ue>e Grundrechte deshalb vortrefflicher geworden wären, weil die Nacht und Ehre Deutschlands darüber gefährdet wurden. Sie ind noch keineswegs so beschaffen, daß nicht künftige Parlamente »aran ju ändern hätten. Aber darauf kommt es jetzt nicht an. . "uch der Nationalversammlung gewiß nicht darauf anae- unübertreffliches Werk zu liefern, worüber man "us den Augen setzen dürfe. Die Grundrechte waren nur

der traurige Nothbehelf, womit man für den Augenblick den Schwierigkeiten zu entweichen glaubte, die man alsbald zu besiegen nicht den Muth besaß. Die Nationalversamnilung hat hierbei ver­gessen, daß die Gefahr und der Streit, dem sie entgehen wollte, indem sie wie der Vogel Strauß den Kopf immer wieder in die Grundrechte steckte, deshalb doch ganz derselbe blieb', daß er nur unter sich fraß und für das Vaterland immer gefährlicher wurde. Aber aus der Nath- und Thatlosigkeit der Nationalversamm­lung und der Reichsgewalt haben sich dann zwei große Gefahren für uns herausgestellt.

Zunächst hat das Provisorium die Aufgabe, den llebergang in den Bundesstaat zu vermitteln und die Probe zu liefern, ob und welche Widerstandskraft dem Particularismus etwa noch zu Ge­bote stehe? Die geschickte und kräftige Lösung dieser Aufgabe muß vom günstigsten Einflüsse sein bei der definitiven Consti- tuirung der Reichsregierung. Scheitert der Versuch, dann beginnt die Verwickelung von Neuem. Und wie sie dann auch schließlich gelöst werden mag, ein friedlicher Ausgang scheint unmöglich.

Und doch ist der Bürgerkrieg, der uns aus der Entkräftung des Provisoriums erwachsen muß, noch nicht die größte der uns drohenden Gefahren. Denn er setzt immer noch auf Seiten deS Volkes irgend eine Leidenschaft und Kraft für Deutschlands Ein­heit voraus. Viel bedeutender noch als der Bürgerkrieg ist die Gefahr, daß uns die deutsche Einheit, das Verfassungswerk, die Nationalversammlung, die Reichsgewalt über Nacht abhanden kommen, daß sie zwischen den Sandbänken der Grundrechte fest­fahren und recht eigentlich im Sande stecken bleiben.

Wenn die Versammlung, während draußen der Wilde vor den Mauern tobt, fort und fort in stiller Schwärmerei über den Grundrechten sitzen bleibt; wenn sie diese Grundrechte auch da nicht aus der Hand legt, wo man, statt zu gehorchen, den Po­tentaten spielt und die Reichsgewalt zum Spött der Welt macht; wenn sie auf diese Weise jeden Boden verliert und die Dinge dahin kommen läßt, daß der Kampf zwischen den Parteien endlich los­bricht und ohne sie ausgenommen und zu Ende geführt wird, dann ist es allerdings schlimm bestellt um ihre Eristenz. Dann könnte es leicht geschehen, daß man sie über den Grundrechten ruhig sitzen ließe und daß sie von keinem Menschen mehr gestört würde. Wenn sie dann endlich nach Jahr und Tag mit den fertigen Grundrechten aus der Paulskirche herausträte, so würde sich Niemand mehr ihrer erinnern können und endlich brächte man es dann heraus, daß sie eigentlich hundert Jahre dadrinnen geseffen, und daß man sie in dieser langen Zeit ganz vergessen habe. Dann würde aber auch die deutsche Einheit wie eine ver­klungene Sage verweht und längst vergessen sein.

(Fortsetzung folgt.)

Politische Nachrichten. Deutschland.

6. Kassel, 3. Oct. Die in der gestrigen Nummer erwähnte, vom Kassel'schen Bürgerverein beschlossene Adresse an die Deutsche Nationalversammlung lautet wie folgt:

Mit der großen Mehrheit des Deutschen Volkes blicken auch ins­besondere di» Gewerbtreibenden unter Hoffnung und Vertrauen auf die Thätigkeit einer hohen, verfassung-gebenden National-Ver- sammlung, von der Deutschland eine durchgreifende Verbesserung des weiten Umfangs seiner öffentlichen Zustände erwartet. Diese Thätigkeit würde, wir glauben es unbefangen aussprechen zu dürfen zur Begründung des wahren Wohls, zur Siche­rung eines dauerhaften Zustandes in Gesellschaft und Staat, dem Deutschen Volke keinerlei Gewähr leisten, wenn eine hohe Nationalversammlung nichtl auch vorzugsweise den materiellen In-