- 886 —
lung bildete die Fortsetzung über die Berathung des Programms, welches in einer feurigen Rede des Bürgerpräsidenten erläutert ward.
8 Kassel, 30. Sept. In der gestrigen Gmcral-Versamml'mg des hiesigen Bürgervcrcins wurde eine Erwiederung des Herrn Staats-Raths Wippermann auf die Adresse vorgelesen, welche der Verein denjenigen vaterländischen Deputirten zu Frankfurt votirt hatte, deren Abstimmung über die Genehmigung des Waffenstillstandes von Malmö verneinend ausgefallen war. Das erwähnte Schreiben dankte dem Bürger-Verein unter Bezeugung derjenigen Gesinnung, von welcher in der Adresse ausgegangen war. Hierauf erstattete der gewöhnliche Ausschuß Bericht über die demselben zugegangenen Vorlagen. Der Referent des Ausschusses setzte die Versammlung zunächst einleitend von dem Fortgange seiner Thätigkeit in Kenntniß, und verlas sodann den Entwurf einer Adresse an das Deutsche Parlament, in welcher die Annahme einer nationalen Handelspolitik und Zollverfassung, so wie der Erlaß einer freisinnigen Gewerbeordnung als dringend dargcstellt, und die niöglichst baldige Gewährung der deèhalbigen Forderungen erboten wurde. Die Adresse wurde einstimmig angenommen. (Dic- seMe wird in einer späteren Nummer mitgetheilt werden.) Hierauf wurde über den Vorschlag des Herrn Fabrikanten Hagelsieb, wegen Errichtung einer Industriehalle, in Verbindung mit einer Vorschußkasse von demselben Berichtscrstatter der Antrag des Ausschusses gestellt und begründet, dahin:
1) daß die Staats-Regierung ersucht werden möge, ein solches Institut baldthunlichst für hiesige Residenz in^ Leben zu führen rind die nothwendigsten Mittel dazu vorzuschießen.
2) den Stadtrath zur Förderung und Unterstützung des Unter» nehmens gleichzeitig anzugehen. Der Antrag des Ausschusses wurde nach einer vielseitigen Debatte, welche Zeugniß gab von einer allgemeineren Intelligenz des hiesigen Gewerbstandes, angenommen. Bei schon sehr vorgeschrittener Zeit wurde der Plan des Herrn Secretar Koch, wegen Errichtung einer auf Personal-Credit zu gründenden Vorschußkasse für den Gewerbstand hierselbst von dem Berichterstatter mitgetheilt , die weitere Verhandlung jedoch der nächsten Versammlung Vorbehalten. Für die letzterwähnten beiden Institute zum Besten der hiesigen Stadt wird eine besonders rege Theilnahme gewiß nicht fehlen, da dieselben einem dringenden Bedürfnisse des hiesigen Gewerbstandes in der Kürze abzuhelfen geeignet sein möchten.
Frankreich.
Paris, 25. September. Die hiesigen Blätter schöpfen ihre Nachrichten über den Einfall Struves ausschließlich aus den radikalen Blättern des Elsaßes und der Schweiz; man darf sich daher nicht darüber wundern, wenn sie die ungeheuersten Siegesberichte bringen — in einem Augenblick, wo Struve schon dem Kriegsgericht überliefert und die in Lörrach residirende „provisorische Regierung" bereits nach Liestal ausgerisscn ist. Charakteristisch ist nur, daß mit wenig Ausnahmen dieselben französ. Blätter, welche die Niederlage der rothen Republik in Paris mit Freude begrüßten, für Deutschland den Sieg derselben rothen Republik unverkennbar wünschen; natürlich, die lieben Nachbarn denken, wie jener Quacksalber: „ist für Schneider nicht gut, aber für Schmiedknechte", oder mit andern Worten, wenn auch Frankreich die Wunde der Anarchie um jeden Preis sich heilen muß, so ist es für Deutschland zweckmäßiger, dieselbe immerfort offen zu halten. So hat benii heute ein gescheites Blatt, der National, über den badischen Lügenberichten ganz den Kopf verloren oder vielleicht nur die Maske abgc- worfen unb das wahre Gesicht gezeigt. Die Friedcnspredigteu, die dort Reinecke seit Monaten hielt, schlagen heute plötzlich in die wildeste Kriegölust um und der National macht auf einmal Propaganda gegen ganz Europa, droht und trotzt sämmtlichen Thronen und sieht schon im Geiste die französische Republik im Bunde mit der Lörracher ihren Weg um die Welt machen. So leicht schlägt der alte Adam durch! Unv dies „republikanische" Blatt, das einst so mächtig für die demokratische Freiheit gefochten und heute so gehorsam dem Militärdespotismus das Wort redet, dies Blatt schämt sich nicht einmal über die leere Prahlerei! Wenn es Propaganda machen will für die Republik, so muß cs uns erst eine andere Probe erweisen, als dieses von Beamten, Kommissären, Bajonetten unter einem Militärbiktator mühsam zufammengehaltene Frankreich, das
gleichwohl in ewiger Todeèsorge um die eigene Eristenz sich befindet, auf das man im Ernste wetten kann, daß es in so und soviel Wochen oder Monaten auch die Lüge ablegt, die bis jetzt in dem republikanischen Titel noch beibehalten ist.
Paris, 25. Septbr. Gäbet zeigt schon wieder einmal an, daß er im Begriff stehe, seine Reise nach Jkarieu anzutrelen. — Gen. Oudinot, der Oberbefehlshaber des französischen Alpen- Heeres, hat nach Angabe der „Presse" seine Reise nach Chambery auf Befehl aus Paris unternommen. Wie es scheint, ist Chambery als Zusammenkunftsort zwischen dem General und und dem Könige Karl Albert verabredet, welcher letzterer am 21. dort eingetreffen sein soll. Das Resultat dieser Zusammenkunst könnte um so wichtiger werden, als von sardinischer Seite der Waffenstillstand mit Oesterreich nur auf kurze Fristen verlängert worden ist. — Die Ulirademokraten in Lvon sind äußerst erbittert, daß ihr Candidat Raspail gegen den Conservativen, Rival, bei der Wahl durchgefallen ist. Sie rückten vor die Präfektur und verlangten von bem Präfecten, er solle die Wahl annulliren. Das kann nur die Nationalversammlung, antwortete der Präfect, und ihr müßt Beweise beibringen, daß Ungesetzlichkeiten stattgefunden haben. „Was brauchen wir Beweise!" schrie die Menge. „Wir haben die Ueberzeugung, und das ist genug!" — Das Militär trieb die Lärmenden von der Präfeetur hinweg.
Paris. Sitzung der Nationalversammlung vom 26. Die Verhandlung über das Ein- und Zweikammersystem war im Gange, als Louis Napoleon in den Saal trat In seiner Anwesenheit ward über seine Wahl berichtet. Ein Bureau erkannte die Wahl als gültig an, wollte aber Nachweis über Alter und Nationalität vorbehalten; ein anderes hatte andere Bedenken. Die Versammlung zeigte aber eine entschiedene Abneigung gegen jeden Vorbehalt, und auf die Frage des Präsidenten, ob Jemand etwas einzuwenden habe, folgte ein entschiedenes Nein! Nein! „So proklamire ich denn den Bürger Louis Napoleon Bonaparte zum Volksrepräsentanten für das Departement der Donne." Louis Diapo» leon bestieg die Tribüne unv verlas folgende Worte: „Bürger Repräsentanten ! Es ist mir nicht möglich, nach den Verleumdungen, deren Gegenstand ich war, Stillschweigen zu beobachten; es ist für mich nothwendig, mich schon am ersten Tage, wo ich die Ehre habe, in Ihrer Mitte zu sitzen, laut zu erklären und die Gesinnungen kund ;u machen, von denen ich stets beseelt war. Nach 33 Jahren der Aechtung und der Verbannung ist es mir endlich vergönnt, Frankreich und meine Mitbürger wiederzusehen. Die Republik hat mir dieses Glück verschafft; die Republik empfange den Schwur meiner Dankbarkeit und Hingebung. Steine hochherzigen Landsleute, die mich mit ihren Stimmen beehrt haben, können auf meinen Eifer zählen, mit Ihnen die demokratischen Institutionen zu geben, welche zu fordern das Volk berechtigt ist. Bisher konnte ich Ihre Arbeiten nur durch Lesen und Nachdenken kennen; jetzt, Meine werthen Collegen, kann ich an diesen Arbeiten Theil nehmen. Mein Verhalten unter Ihnen ivirb das eines Mannes sein, der fest entschlossen ist, sich hinzugeben für die Vertheidigung der Ordnung und für das Heil der Republik." (Beifall.) Auch Foulds Wahl ward nachdem als gültig anerkannt, eben so die Raspails, letztere aber sofort dadurch unwirksam gemacht, daß die Versammlung ihre Zustimmung zur Fortsetzung des gerichtlichen Verfahrens gegen Raspail ertheilte.
F r u ch t p r e i s e.
Kassel. Von: 26. bis 30. Sept, einschließlich: Waffen d. Vrtl. von 6 Thlr. 10 Sgr. — Hlr. bis 6 Thlr. 26 Sgr. — Hlr. Roggen „ „ „ 3 „ 15 „ — „ „ 3 „ 22 „ „ Gerste „ „ „ 2 „ 20 „ — „ „ 3 „ 5 „ — „
Hafer „ „ „ 1 „ 18 „ — „ „ 1 „ 22 „ 6 „
In der Cxtra- Beilage werden die hvchst- wichtigen Gesetzentwürfe re., welche am 2G seit September der Ständeversammlung vvrgelegt worden sind, veröffentlicht, nm solche einer fachgemäßen Kritik in ausgedehnterem Umfange zugänglich zu machen. Wir werden ausführliche Beurtheilungen sowohl als einzelne Bemerkungen gern aufnehmen.
Die R e d a c t i o n.