Neue Hessische Zeitung
^-h^m ^â^â^Ub Sonntag, den 1. Oktober. J^//F^' /^ 184^--^
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Deutschland und die Revolution.
I.
Die großen und betäubenden Ereignisse der letzten Tage haben das deutsche Volk von Neuem in eine jener erwartungsvollen Stimmungen versetzt, deren dieses gesegnete Jahr der Revolution nun schon so viele aufzuweisen hat. Wiederum drängen sich alle unsere Hoffnungen, alle unsere Sorgen wie in einem Brennpunkt zusammen. Falls wir es vergessen haben sollten, aufs Neue werden wir es jetzt inne, — dieses Jahr gehört dem Weltgeist an. Was sich seit Decennicn vorbereitet hat, was unter Druck und Not im Stillen groß wuchs, das ist jetzt herausgetreten ans Tageslicht und Niemand kann es bannen. Es ist wahr, die Gewalt der Dinge ist noch eben so mächtig, eben so unwiderstehlich, als sie in den Tagen des März war; sie wird es bleiben, bis die politische Bewegung dieser Zeit — die größte, welche je in einem Volke vorging — ihr naturgemäßes und nothwendiges Ziel erreicht hat. Es ist wahr, die Ereignisse, welche zu diesem Ziele hindrängen, sind nach wie vor mächtiger als die Menschen und reißen einen Jeden, der sich ihnen entgegenstellt oder gedankenlos des Weges verfehlt, mit sich fort. Ihre übernatürliche Macht wird erst dann aufhören und die Menschen werden erst dann wieder die Herren ihres Schicksals werden, sobald sie, des Zieles und des Weges sich bewußt, dasjenige bei Zeiten mit Ordnung vollbringen, was ohne sie auf den wüsten Wegen des Unheils und der Verwirrung doch geschehen müßte.
Es ist nun der achte Monat, daß unsere Gefühle von den Wechselfällen der Revolution umhergeworfen werden: man darf verlangen, daß wir uns endlich darin zurecht finden, Laß wir endlich, des Zieles und des Weges gewiß, ihn sichern Schrittes zu beschreiten wagen. Nur dann wird Licht und Ordnung in die Entwicklung Deutschlands kommen, nur dann wird mit der Freiheit auch die Wahrheit und die Moral Lieder zu Ehren kommen, nur dann werden wir verhindern können, daß die nichtsnutzigen und schlechten Elemente der Nevolurion nicht zu einem zwar sehr vorübergehenden, aber deshalb um nichts weniger verderbliche Triumph gelangen. — Zu diesem Zwecke aufklärend und mahnend beantragen, das ist jetzt die Pflicht der vaterländischen Presse und wir werden dieser Pflicht nach Kräften zu genügen suchen.
Wie bei allen großen politischen Umwälzungen, sind es auch jetzt drei große Parteien, welche um die Herrschaft des Tages streiten, die Männer des Stillstandes und der Reaction, die Liebhaber des Umsturzes und der Revolution und zwischen beiden die Freunde der wahren Freiheit.
Als im März dieses Jahres das Deutsche Volk mit einer bewundernswürdigen Ruhe und Uebereinstimmung die Fesseln deS -Absolutismus zerbrach, als die Herrscher zu Regenten wurden und man als das Ziel dieser Bewegung, als den Anfang eines neuen Lebens aller Orten jene Einheit des Volksstaates verlangte, welche an die Stelle der seitherigen Fürsteneinheit treten sollte, — da glaubte man sich in dem stolzen Wahne wiegen zu dürfen, das Deutlche Volk sei einig in diesem Ziel der Freiheit. Wir gedachten der bluttriefenden Revolutionen anderer Zeiten und anderer Völker, die nicht ein Zehntel von dem erreicht, was wir in wenigen Tagen gewonnen hatten. Wir rühmten uns der politischen Bildung unseres Volks. Es schien, als ob es nur einen Drang nach der neuen Freiheit gäbe, Niemand verlangte nach dein alten Zustande zurück und Niemand dachte die Ausschweifungen jenes Jakobinerthums zu wiederholen, über welches die Geschichte schon mehr als einmal gerichtet hat.
Diese Hoffnung, diese süßen Träume, unrichtig, wie sie wa
ren, haben sich seitdem als eitel herausgestellt; es hat sich gezeigt, daß es immer noch Menschen gibt, wie es deren zu allen Zeiten gab, die bei dem alten Zustand der Dinge ihre Rechnung besser fanden und die, weil sie das Neue nicht begreifen, das Alte bequemer finden. Sie schwiegen damals oder stimmten gar mit ein — sie hatten sich nur für den Augenblick verkrochen. Es hat sich ferner gezeigt, baß es auch jetzt noch wie zu allen Zeiten Menschen gibt, welche im allgemeinen Umsturz der Dinge ihr eigenes Elend zu vergessen trachten, oder welche sich vermessen, gus dem Chaos eine neue Welt zu schaffen, die sich ihren unreifen Plänen fügsamer gestalte. Diese Partei ist jetzt größer als sic jemals war, sie ist in Deutschland zahlreicher, als in irgend einem Lande, denn zu keiner Zeit war eine solche Mehrheit sich ihres Elends so sehr bewußt als jetzt, und in keinem Lande so sehr als in Deutschland lebt jene halbe und Viertels-Bildung, welche etwas von Robespierre und Marat gelesen hat und es gerne nachmachen möchte, jenes Literaten-Geschlecht, welches Nichts so eigentlich gelernt hat, welches Nichts zu schaffen weiß, und da es im ordentlichen Gang der Dinge unnütz wäre, fort und fort auf den Umsturz spekulirt. Auch diese Leute schwiegen damals, denn noch fehlte ihnen der Boden. Erst als sie sich auf den so arg geschmähten „breitesten Grundlagen" sicher fühlten, wuchs ihnen zusehends mit der Sicherheit die Frechheit.
Die Parteien haben sich seitdem mehr und mehr gesammelt, organisirt, ihre Fäden nach allen Seiten hin zu einem Netze geworfen. Mächtige Bundesgenossen stehen ihnen zur Seite. Der Neid und die Anfeindungen des Auslandes, die Umtriebe einer pfiffigen Diplomatie, der Hochmuth des beschränkten Preußen- und Junkerthuins, die Angst und der Eigennutz der großen Grundbesitzer und der hohen Militär-Aristokratie, — das Alles sind erfolgreiche Waffen, welche dort zunächst gegen den Bundesstaat gerichtet werben, dessen Zustandekommen jegliche Reaktion definitiv unmöglich machen würde. Hier ist das Elend und der grenzenlose Unverstand der Masse, welcher man nicht gestattet hat, sich auch nur die einfachsten politischen Begriffe zu verschaffen und welche nun dem ersten besten Verführer zur leichten Beute wird und jeden Augenblick Miene macht, die Grundlagen jeder sittlichen Staatsordnung zu zerstören.
llnd die dritte Partei, welche man die der Gemäßigten nennt, was hat sie gethan? Hat sie die Aufgabe der Zeir begriffen und erfüllt? Hat sie die Grundlagen gelegt, auf denen sich der Wohlstand und die Bildung Aller erreichen läßt, hat sie der Freiheit für alle Zeiten das Bollwerk errichtet, hat sie durch ihr Handeln die Umtriebe der Einen, die Verdächtigungen und das Geschrei der Anderen unmöglich gemacht, hat sie den Bundesstaat geschaffen, hat sie der Deutschen Einheit Kraft nach Innen und Geltung nach Außen zu verschaffen gewußt? Nein, sie hat es nicht gethan, nicht einmal geordnet, gesammelt und verständigt hat sie sich selbst: dagegen hat sie ihren Feinden acht Monate Zeit gelassen, sich zu einer geschlossenen Phalanx zu vereinen. Acht Monate hat man sich in einem baufälligen Hause beholfen, an dessen Stützen von allen Seiten gerüttelt wird — ohne doch ein neues zu errichten. Das macht dem Phlegma der Bewohner alle Ehre, aber desto weniger ihrer Einsicht und ihrer Energie.
Over sollte die Energie auch dieses Mal nur bei dem Egoismus und nur bei der Verzweiflung zu Hause sein? Sollte cs wiederum sich zeigen, daß Besonnenheit und Mäßigung nur der Mantel sind unter welchem sich Trägheit, Feigheit und Gleichgültigkeit verbergen? soll wiederum den Männern, welche zum Handeln drängen, da es noch Zeit ist, weiter nichts als die traurige Befriedigung werden, daß sie das UngUicf ihres Vaterlandes bei Zeiten weissagten?