Einzelbild herunterladen
 
  

- 868 -

gezogen, rind von diesen waren die vielen Unfreiwilligen bei guter Gelegenheit wieder heimwärts gelaufen, ein Theil der eigentlichen Freischärler hatte sich nach Todtnau gewen­det und ein guter Theil ward bei Güntersthal, hinter Hei­tersheim, von den Reichstruppen vollständig aufgerieben. Unter den in den Schwarzwald Entflohenen befand sich auch Struve. Der moderne Rinaldini strebte wieder nach der freien Schweiz; aber seine Leute wollten ihn in Todt­nau nicht weiter ziehen lassen: „er solle sagen, wohin er mit dem Gelde wolle". Da spiegelte er ihnen mit der listigen Verschlagenheit, welche die Geschichte an ihm rühmt, und womit er einst den guten Schwab, den Hinkeldey, be­log, allerlei vor: er müsse mit dem Gelde nach St. Blasien, um dort den Aufstand zu organisiren re. Sie ließen ihn ziehen; darauf suchte er natürlich nach der Schweiz zu ent­wischen und seine Leute im Malheur sitzen zu lassen, wie das die Art dieser Hauptleute ist, welche darin den so viel geschmähten großen Herren nichts nachgeben, da fiel er, nahe am Ziele, den Dienern des Gesetzes in die Hände.— Die Herstellung der abgenommenen Brücke von Staufen und die Einnahme der verbarrikadirten Stadt dauerte etwa 3 Stunden. Leider kamen auch friedliche Bürger dabei um. 7 Aufständische hielten sich noch folgenden Tages in einem Hause verborgen und schossen auf eine Patrouille. Sie wurden herausgezogen und sofort süstllirt.

△ Frankfurt, 21. Septbr. Ein Artikel in der O.- P.-A.-Ztg. sucht die Feigheit der Frankfurter Bürgerwehr zu entschuldigen und scheut sich nicht, von der „Verstim­mung" zu reden, in welche Jene durch die Requisition von Ocstcrreichischen und Preußischen Truppen versetzt worden sei. Das fehlte noch! die Herren sollten schweigen und sich bessern, nicht aber aufs Neue Betrachtungen anregen, welche nicht zu ihrem Vortheile aussallen! Noch vor wenigen Monaten mußten wir hören und lesen: Die Deutsche Nationalversammlung bedarf des Schutzes der Ba­jonette nicht! So gern wir diese Hoffnung theilten, mußte uns doch die solchem Ausspruch zu Grunde liegende ver­achtende Abweisung des Soldaten, der doch auch und vor Allem Bürger ist, und die krasse, leider sehr ge­bräuchliche Bezeichnung „Bajonette" mit einiger Bitterkeit erfüllen. Leider hat es sich nun gezeigt, daß man die Spitze umzukehren hat, und daß es Orte giebt, wo nicht der Bürger, sondern gerade der Soldat, — wenn man nun einmal unterscheiden will — eine Nationalversammlung zu schützen weiß. — In Paris hatte es sich in den Mai- und Junitagen gezeigt, daß der Soldat neben seinen Mit­bürgern wohl noch etwas nütze ist für die bürgerliche Freiheit; sie beide haben treu zusammengestanden. Den Frankfurter Septembertagen war es vorbehalten, der Welt das Beispiel zu liefern, daß der Soldat sogar allein Bür­ger sein kann und daß gerade diejenigen, welche diesen Namen gepachtet zu haben gjauben, zu Hause bleiben, wenn es ihr Bürgerthum zu schützen gilt. — Und nun dieVer­st i m m u n g! Schon am Sonnabend Abend hatten die Haufen mit unerhörter Frechheit gewirthschaftet, Eigenthum und Personen angegriffen; am Sonntag waren sie nach jener saubern Pfingstweiden-Versammlung in großen Massen

unter fortwährendem Schießen durch die Stadt gezogen, — wer aber nicht einschritt, sondern neugierig zuschaute, war die Bürgerwehr. Wie leicht wäre es ihr gewesen, mit einiger Energie das Gesindel am Morgen entfernt zu halten. Die Bürgerwehr-Männer würden auch ohne Zweifel wie die Löwen gekämpft haben, hätten sie etwa Communisten in den Aufständischen erblickt, welche jedoch weislich an die Thüren schrieben: „Heilig ist das Eigenthum." Aber freilich, für „Meinungen," d. h. für die höchste Ehre der Nation, für den Schutz ihrer Vertreter, mochten sie, wie sie selbst erklärten, nicht einftehcn. Man hat es mit Recht getadelt, daß Nobili so lange mit der ernstlichen Attaque gezaudert habe. Hätte er der Stimmung in der durch Hohn und hinterlistigen Angriff aufs Aeußerste indignirten Mannschaft nachgeben wollen, so würde er ohne Weiteres zur Schwärm­und Bajonett-Attaque haben schreiten lassen. Aber, von jeder Kenntniß der feindlichen Mittel entblößt, mußte ihn natür­lich die Muthlosigkeit der Dürgerwehr vollends mit den übertriebensten Vorstellungen von der Stärke der Feinde erfüllen und da ward die Vorsicht zur Pflicht. — Nur für die Neugier der Frankfurter bot der Kampf selbst, wie es scheint, jenes Vergnügen dar, womit die entnervten Römer den blutigen Spielen, von sicherm Orte ans, zu­schauten. Alles Andere hat so ein Patricier schon für sein Geld gesehen und genossen, dieser Straßenkampf war ihm neu. Er möge sich hüten, sonst könnte die „rothe Re­publik" leicht zum Kaligula an ihm werden, der ihn selbst auf den grausen Kampfplatz peitscht.

C Frankfurt, 26. Septbr. Die Barrikaden des 18. Septbr. haben eine Veränderung in unseren öffent­lichen Zuständen hervorgebracht, deren Bedeutung zunächst nur hier und zwar vorzüglich aus der veränderten Richtung der Parteien in der Nationalversammlung zu erkennen ist. Die Centren haben eine ungleich konservativere Richtung angenommen, und die Rechte hat durch einzelne hervor­ragende Persönlichkeiten aus ihrer Mitte einen Einfluß auf die Regierung Deutschland's erlangt, welcher noch vor we­nigen Wochen für unmöglich gehalten worden wäre. Mit welchem frohen Bewußtsein haben sich nicht Deutsche Ge­lehrte, wenn sie von den Gräuelthaten der ersten französt- schen Revolution sprachen, in dem Gedanken gewiegt, für solche Thaten sei der moralische Kern unsres Volkes zu gut! Sie vergaßen, daß die Wuth des Fanatismus, der das sittliche Maß seiner Handlungen verloren hat, zu allen Zeilen und bei allenVölkern dieselbe ist. So beriethen die Verfolger Heckscher's in Höchst, wie ich aus zuverlässiger Quelle versichern kann, mehrere Stunden lang, ob sie es vor ihrem Gewissen verantworten könnten, wenn sie einen solchen Feind der Deutschen Freiheit am Leben ließen *). Ihr Verstand entschied hier gegen das

*) Diese Nachricht stimmt ganz zu einer Darstellung in der Deutschen Zeitung. Danach hatte Dr. Heckscher eine ganze lange Nacht ein grauenvolles Verhör zu bestehen und mehr als einmal war man entschlossen, ihn zu todten. Er fragte: was er gethan habe? wie er sich als Volks- und Freiheitöfeind bewiesen habe? Man sagte ihm, er habe „zwei Stunden gegen die Linke geredet" und einmal aus dem Wagen „das Volk verächtlich angesehn." (Heckscher ist sehr kurzsichtig.)