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Die Noth des Gewerbstandes und die Kattenburg.
Abhülfe der Noth des Gewerbstandes ist das Losungswort der Zeit. Unsere neue Aera will aber auch Recht und Gerechtigkeit für Alle, und ist es nicht eine Ungerechtigkeit gegen die Konsumenten, wenn die Freiheit der Gewerbe beschränkt sein, somit Monopole geschaffen werden sollen zu Gunsten weniger Producenten, zum Nachtheil vieler Konsumenten, Monopole, deren Druck der Producent bei allen den Lebensbedürfnissen, die das eigne Gewerbe nicht liefert, als Konsument mitzutragen hat? — Noch gibt es andere Mittel! — Die Arbeit richtig zu Zertheilen unter den Genossen eines Gewerbes, das Uebergewicht des im Bunde mit Kapitalien arbeitenden Unternehmers über den Gewerbsmann, dem solche Hülfe weniger zu Gebote steht zu beseitigen, ist eine Aufgabe, die vollständig zu lösen kaum wohl je gelingen wird. Eine andere Aufgabe ist zu lösen. Willst du Arbeit, so schaffe dir Abnehmer; der Producent muß Konsumenten haben. — Ohne mich weiter darauf einzulassen, wie dem gesummten deutschen Daterlande durch Regelung der gewerblichen Verhältnisse im Innern, Schaffen von Absatzwegen nach dem Auslande, angemessenen Schutz wider dessen Konkurrenz u. s. w. zu helfen sein werde, bleibe ich einmal stehen bei dem, was uns am Nächsten liegt, bei unserer guten Stadt Kassel. — Die Residenz Kassel ist keine Stadt, die von der Fabrikation für die Fremde, vom Handel nach Außen lebt, sie hat zum größeren Theil die Konsumenten in ihren Mauern. Nehmt ihr Hof, Beamte, Militär, und wir werden sehen, was aus einer Provinzstadt Kassel wird! Konsumenten in unsere Mitte! sei drum der Kasselaner Parole. — Wie aber die schaffen? —■ Der Grundstein ist gelegt in den Eisenbahnen, die Brücke geschlagen zu unserer lang verödeten Insel. Die Fremden nahen, fügt nun den Schllißstein in den Bau, und fesselt sie! Wie wenige Städte Deutschlands können sich in Schönheit und Mannichfaltigkeit der Gegend mit der unseren messen, wie wenige können mit ihr auf den Namen eines irdischen Paradieses Anspruch machen! So laßt es denn kein todtes Paradies sein! Leben muß hinein, und mit dem Leben Arbeit und Verdienst. Macht den Fremden den Aufenthalt so reizend, so angenehm, daß die Wunder der Kunst und Natur mehr und mehr Besucher herbeilocken und festhalten, für kurz, für lang, am Besten für immer! Wen der Reiz eines Ortes bestimmen darf, seinen Wohnsitz zeitweise oder ganz dahin zu verlegen, der ist unabhängig, das heißt, er hat Geld, und so erhalten wir, was uns Noth thut, Kapital und Abnehmer der Arbeit. Was wir bieten können an Annehmlichkeiten für den genußsuchenden Fremden ist viel, recht viel, aber es schickt nicht. Wir haben eine Wilhelmshöhe, eine Aue, Felsenkeller, Rauchfreiheit auf den Straßen, das ist aber Alles nur für gutes Wetter. Nun regnet es. Da ist Theater, aber der Tag ist lang bis sechs Abends; Café fran^ais, aber seine Genüsse fordern keine Stunden; Museum und Bildergallerie, aber sie stehen ohne Aufwand und Umwegen noch nicht zu Gebote, und ständen sie, sie füllten noch nicht den Tag. Es muß
also weiter gesorgt werden. Thut es nicht Sinn für Hei- misches Wohl; wird die Spekulation sich der Aufgabe bemächtigen, Kafès, Restaurationen werden entstehen, sich beleben, und, indem sie die geschlossenen Gesellschaften aufhören machen, Bedürfniß zu sein, unterstützt vom Bürgerverein Klassen und Stände durcheinanderwerfen, und einen öffentlichen geselligen Verkehr schaffen, ivie so lang er vergebens ersehnt wurde. Dem Freunde Kassels, dem Spekulanten einen Wink.' Hoch an den Ufern der Fulda liegt ein schöner Anfang zu einem schönen Schlosse. Ein Ende, wie es in des Gründers Absicht lag, scheint es, wird nimmer kommen. Warum nicht ein anderes unterschieben? — Es falle der unschöne Bretterzaun, an dem der Geist der neuen Zeit schon arg gerüttelt hat, die freie Fläche abwärts vom Friedrichsplatze ebne sich zu einem ungefährlicheren Erercierrasen, gangbare Pfade durchziehen die Ruine, der Epheu und Moose mit geringer Nachhülfe einen Anstrich von Alterthum verleihen könnten; den Schein des Alten, verdammt ihn auch die neue Politik, hier werden wir uns ihn gern gefallen lassen. Eine Ballustrade schütze den Lustwandelnden auf Thurm und Terrasse am Fuldaufer, die Wüstenei werde ein Garten, eine Holz- und Rindenbrücke auf den Trümmern der alten bahne den Weg zur Voraue, und auf der Süd Ostseite der Katlenburg erhebe sich leicht und zierlich ein gefälliger Bau, vielleicht ein Schweizcrhäuschen, mit Salon und schützendem Vordach gegen Sturm und Wetter. Mag es heiter, mag es regnig sein, werden nicht Einheimische und Fremde gern hinziehen zu dem unendlich reizenden Punkte, wo eine gute Wirthschaft auch den leiblichen Bedürfnissen Befriedigung bietet? Doch geht und prüfet selbst! Denkt euch die Terrasse bedeckt mit Tischen und Bänken und zahlreichen Gästen, wiegt euch in den Klängen eines besseren Musikchors, als wir an unseren öffentlichen Lustorten zu hören gewohnt sind, und nun blickt umher in das unvergleichliche Panorama! Im Rücken die großartigen Massen des Riesenbaues, zur Linken die alterthümlichen Mauern des Renthofes, der Brüderkirche, des Marstalles, die Fuldabrücke und die Schön- heitspcrlc der Kasseler Gegend, das liebliche Wolfsanger, tief unten der heimische Fluß, an dessen Gestaden die Ge- werblichkeit zeugenden Häuser der Altstadt und freundliche Gärten sich hinziehen, rechts den Strom aufwärts in seiner vollen Breite, über welchem der Heiligenberg in malerischen Umrissen thront, die üppigen Alleen und Büsche der Aue, die majestätischen Kontouren eines devastirten Palastes, der melancholisch seiner Wiedergeburt entgegenharrt, die antiken Formen des Auethors mit der stolz sich erhebenden Häuserreihe der Bellevüe! Ist das nicht eine „Brühlsche Terrasse," die der Dresdner die Alleinherrschaft streitig machen darf? Eine Idee ist's, die schon Mancher gehabt, schon Mancher ausgesprochen haben mag, und die mir auf so guten Basen zu beruhen scheint, daß ihre Ausführung kaum wohl ein gewagtes, vielmehr — selbst bei der voisichtigsten Berechnung — ein ganz gewinnbringendes Geschäft sein würde. Dem Wirthe in der Schloßruine dürfte es nicht schwer fallen, die Konkurrenz auszuhalten mit den Wirthen der Felsenkellergärten, und eine Konkurrenz zu schaffen der