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Fürst Lichnowsky wurde gleich nach seinem Auffinden auf dem nämlichen Wege aus dem Schmidt'schen Garten ge­bracht, jedoch noch eine Strecke von etwa 350 Schritten in der Richtung nach Bornheim in der Pappelallee fort- geführt und alsdann durch mehrere Flintenschüsse zu Boden gestreckt. An einen Kampf oder auch nur irgend eine Ver­theidigung von Seiten des Fürsten Lichnowsky und des Generals v. Auerswald war unter den angegebenen Um­standen nicht zu denken, und zwar, was den General V. Auerswald betrifft , um so weniger als diesem schon vor seiner Ankunft in den Schmidt'schen Garten durch einen Steinwurf der eine Arm gelähmt woiden war.

§ Frankfurt. Die Deutsche Reichstagszeitung, das Organ derjenigen, welche nichts versäumt haben um den Haß und die wildeste Leidenschaft bis zu jenem bluttriefen­den Ausgange zu steigern, vor welchen, auch der Verblen- detste — wenn er blos verblendet war — zurück­schaudern muß, schaudert nicht im mindesten zurück. Sie sieht in dem haarsträubenden Attentat des 18. September eine bloße Spielerei, welche in ihrer „kindlichen" (sic) Un­bedeutendheit von selbst aufgehört haben würde, aber vom Reichsminister, wie sie nicht undeutlich zu verstehen giebt, künstlich gesteigert worden ist — „damit eine Militärdiktatur herbeigeführt werde." Daß Schmerling bei dieser Gelegen­heit mit Koth beworfen wird, finden wir natürlich, hat er sich doch den Dank des Vaterlandes verdient. Daß man aber die nackten Thatsachen hinweglügt, daß man Ange­sichts der Mordthaten, vor denen — sollte man denken — auch dem verstocktesten Verbrecher der Muth des Lügens entsinkt , nur von einigen Kisten, „zum Scherz" als s. g. Barrikade, errichtet, und nur von einer Verwundung zu berichten weiß, das hat uns selbst von diesen „Bürger- Republikanern" überrascht. Denjenigen unserer Leser, welche zu ihrem Unglück ihre Kenntniß der Dinge etwa aus der Deutschen Reichstagszeitung schöpfen sollten, wollen wir doch, um das Bild des „kindlichen Spieles" zu vervoll­ständigen, im Nachstehenden einen amtlichen Bericht über die Ermordung des Fürsten Lichnowsky geben. Der Wahr­heit die Ehre! Auch ist es gut und nützlich, wenn man weiß, mit wem man es zu thun hat, und welches die „Bürger-Republikaner" sind, in deren Schoß die National­versammlung unbesorgt ihr Haupt legen soll. Sowobl die Beschaffenheit der an der Leiche vorgefundenen Wunden, als die Aussagen von Augenzeugen lassen keinen Zweifel mehr darüber, daß der General wenigstens das Glück ge­habt hat durch die ersten Schüsse sogleich todt niederge­streckt zu werden. Unendlich beneidenswerth muß sein Ge- schick erscheinen, wenn man die Qualen erfährt, die seinem unglücklichen Gefährten Vorbehalten waren. Gegen 3 Uhr Nachmittags sind die beiden Abgeordneten auf der Hanauer Chaussee vorgeritten, in der Absicht die Umgebung der Stadt und den von Hanau erwarteten Zuzug zu recognos- ciren. Von einem Posten der Anführer mit Flintenschüssen empfangen, versuchten sie wie es scheint auf verschiedenen Wegen die Stadt wieder zu gewinnen; aber von allen Seiten zurückgewiesen sind sie eine Zeit lang zwischen den Gärten aus schmalen Pfaden herumgaloppirt — immer von

den Schüssen der Insurgenten gejagt, bis sie zuletzt, zwi­schen den Hecken gefangen, sich genöthigt sehen abzusteigen, um wo möglich zu Fuß zu entkommen. General von Auerswald hat, von den Verfolgern alsbald erreicht, iher sein Ende gefunden. Fürst Lichnowsky hingegen als ein stärkerer und gewandter Mann leistete obwohl unbewaffnet den heftigsten Widerstand und erhielt hier die ersten Wunden von einem Beile, nämlich eine lange und klaffende Kopfwunde, eine Wunde über die linke Hand, sowie 3—4 parallelle Hiebe in den rechten Arm, die den Knochen zerschmetterten und, nach ihrer Richtung zu urthei­len, in der Abwehr gegen die auf den Kopf gerichteten Streiche empfangen wurden. Inzwischen gelang es dem schwer Verletzten eine kleine Gartenwohnung zu erreichen und mit Hülfe der Bewohner sich zu verrammeln; als aber die Mörder Feuer anzulegen drohten verließ Lichnowsky das Haus freiwillig und, an Rettung verzweifelnd, durch seine Wunden zu jeder Gegenwehr unfähig, bat er nur noch um einen raschen Tod. Aber die bittersten Qualen waren ihm noch vorbehalten. Das Mordgesindel trieb mit dem ritterlichen und wehrlosen Manne seinen Spott; mit einem weißen Tuche drapirte man ihn als Don-Quirote, hetzte ihn eine Zeit lang im Kreise herum und stellte den von Blutverlust Erschöpften zuletzt mit dem Gesichte gegen eine Mauer, um ihn als Scheibe zu benutzen. In dieser Stel­lung empfing er mehrere Schüsse, namentlich einen tö'dt- lichen Flintenschuß, der von hinten nach vorn den Unter­leib durchbohrte; aber so stark war die Lebenskraft dieses muthigen, unbeugsamen Mannes, daß Fürst Hohenlohe, der, durch Zufall in die Nähe geführt und von diesen Vorgän­gen unterrichtet, ein KavaUeriepatrouille herbeigeholt hatte, ihn noch immer in stolzer aufrechter Stellung fand. In das Haus des Herrn Bethmann und später auf sein Ver­langen in das Heiligen-Geist-Spital gebracht, behielt der Verwundete seine volle Besinnung und die ganze Kraft seiner Sprache bis zum letzten Augenblicke; ertheilte alle Aufschlüsse, die zur Entdeckung der Mörder führen können, und unterzeichnete mit dem zerschmetterten Arme sein Testa- ment. Gegen 1 Ubr Morgens ist er nach kurzem Todes­kampfe verschieden. — Im ganzen Verlaufe jener blutigen französischen Revolution ist ein ähnlicher Gräuel wie dieser Mord an den preußischen Abgeordneten nicht erhört worden.

-4- Frankfurt, 22. Sept. In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung ward §. 17 der Grundrechte an­genommen, die Abstimmung über §. 18 dagegen nach län­gerer Berathung auf nächsten Montag verschoben. *) Die Stimmung der Nationalversammlung ist immer noch eine sehr gedrückte. Namentlich ist die rechte Seite der Pauls­kirche wie todt, seitdem sie ihr belebendes und organistren- des Princip, den Fürsten Lichnowsky verloren hat. Sein väterlicher Freund v. Radowitz ist sehr niedergeschlagen und wird auf 3 Wochen Frankfurt verlassen. v. Beckerath ist wieder hierher zurückgekehrt.

Die Linke schöpft wieder Athem und fährt in ihrer bis­herigen Weise fort, das Ministerium zu verdächtigen, dem

*) Wir theilen den Bericht Morgen mit.