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Neue Hessische Zeitung.

,4" 114. Donnerstag, den 21. September. 1848»

Die Neue Hessische Zeitung erscheint t ä fl l i d) , Sonntags mit einem Unterhaltungsblatte, und wird vor 12 Uhr Morgens auSgegeben. Der Abonnementspreis beträgt 1 Thlr. 13 Sgr. für das Quartal, wofür alle kurheffischen Postämter und Buchhandlungen solche ohne Preiserhöhung liefern. Anzeigen jeder Art werden die Petitjeile oder deren Raum mit 1 Sgr. berechnet. Neu hinzugehende Abonnenten erhalten die vom Tage der Bestellung erscheinenden Nummern gratis.

Mit Bezugnahme auf unsere Ankündigung vom 18 d. M. in 9tr. 109 liefern wir probeweise die heutige Num­mer in dem Format rc., in welchem die Neue Hessische Zeitung vom 1. Oktober an erscheinen wird.

Der Waffenstillstand und die Deutsche National­versammlung.

Der Beschluß der Deutschen Nationalversammlung vom 16. d. M., wornach der zwischen Dänemark und Preußen in Deut­schem Namen geschlossene Waffenstillstand nicht länger beanstandet werden soll, hat uns mit bitteren und vorwurfsvollen Betrach­tungen erfüllt. Die Vorwürfe und die Anklagen, welche hier zu erheben sind, treffen manchen faulen Knecht im Vaterlande, sie treffen Vieles, was noch immer so ist, wie es nicht mehr sein sollte, sie treffen vor Allem unsere Nationalversammlung selbst und die ihr verantwortliche Reichsregierung. Aber dennoch zögernd nur und nicht ohne Verwahrung können wir diesen Kla­gen gerade jetzt, gerade in diesem Augenblicke Worte leihen.

Wir wissen es wohl, jene höchste und letzte Autorität im Vaterlande, welcher unsere Anklage und unsere ernste, drängende Mahnung gilt, ist in diesem Augenblicke von frechen Mörderhänden bedroht. Ein Hochverrath, wie ihn die Geschichte unter ähnlichen Verhältnissen nie erlebte, hat soeben dasjenige auszuführen ver­sucht, was uns mit grenzenlosem Frevelmuthe schon seit Wochen nnd Monden gedroht ward. Man hat versucht, den Bestand und die Freiheit unseres Vaterlandes im schweren Augenblicke der Geburt zu morden und schon sind die Feuerbrände gelegt worden an die ersten Pfosten der Brücke, welche von der Vergangenheit zur Zukunft mit mühevoller Sorge errichtet wird. Der Versuch ist gescheitert, aber er ist keineswegs aufgegeben. Die National­versammlung muß im Zustande der Belagerung und des Krieges berathen die Eristenz des Vaterlandes schwebt auf den Spitzen der Vajonnette.

In einer solchen Lage ist esauch das wissen wir sehr wohldie einzige Pflicht des Patrioten, nur für die bedrohte Staatsord­nung und für nichts Anderes einzustehen. Die Debatte har zu schweigen, die Kritik wird zum Verbrechen. Auch wir würden mit unseren Beschwerden gegen die Nationalversammlung schwei­gen, so lange schweigen müssen, bis dem Aufruhr der Kopf zer­treten ist. Wir würden schweigen müssen, wenn die Lage der Dinge in ihrem vorgezcichneten Gange nichts Anderes erforderte, als den Gehorsam gegen das selbst geschaffene Gesetz und gegen die selbst gewählte Obrigkeit.

Leider liegen die Dinge noch anders. Das, was unser Vater­land und unsere Freiheit bedroht, ist nicht blos der Aufruhr, es ist auch die Schwäche, aus der die Schmach und dann der freche Angriff erwuchs. Es ist die thatsächliche Abwesenheit der Macht, welche längst vorhanden sein müßte, auf welche wir durch die dringendste Nothwendigkeit angewiesen sind und welcher zu ge­horchen doch die einzige Bedingung für die Zukunft unseres Staats- lebens ist. Es ist wahr, es bleibt kein anderer Weg auS der alten Wirthschaft in tzas neue Leben, als das deutsche Parlament und das deutsche Reich. Wir müssen ihm gehorchen und es ehren, wie man die Urheber des eigenen Daseins ehrt. Aber wie sollen wir ihm gehorchen, wenn Fürsten und Regierungen des eigenen Landes, die doch den Anderen vorangehen sollten, sich übermüthig und widerspenstig bezeigen? wie sollen wir es ehren, wenn es der Fremde ungestraft verhöhnen und pfui der Schande auf die Unmacht und den Ungehorsam im eig­nen Hause spöttisch Hinweisen darf! Welches sind jetzt die Träger unserer Freiheit, unserer Ehre? Eine Central - Ge-

walt, welche keine Gewalt hat, welche bei ven Regierungen, die ihr gesetzlich unterworfen sind und denen sie nur zu befehlen hätte, bittet und bettelt, und eine Nationalversammlung, welche nur so lange besteht, als sie respectirt wird, eine Nationalversammlung ohne Anfang und ohne Ende, ohne Vorfahr und Nachfolger, eine Versammlung, welche in die Luft gestellt ist, in keinen verfassungs­mäßigen Organismus paßt, und folglich in sich selbst weder den Ausdruck noch die Garantie des Volkswillcns für die Dauer dar­zustellen vermag!!! Es ist die höchste Zeit, daß dieser schmach­volle Zustand, in welchem Nichts gewiß ist, als der drohende Untergang, ein schnelles Ende finde. Dafür die Stimme ernst und nachdrücklich zu erheben, darin hat uns die Gefahr des Au­genblickes nicht gehindert, sondern nur bestärkt. Wir loben oder tadeln den Beschluß der Nationalversammlung nicht, weil wir die Klugheitsgründe und die Erivägungen, aus denen er her­vorging, hier weder billigen noch verwerfen wollen. Aber daß solche Erwägungen eintreten mußten, daß sich eine große Nation ihre eigne Ohnmacht, ihre Trägheit, ihr Ungeschick, ihre Zerrissen­heit und was des Jammers mehr ist, von einem schwedischen und dänischen Gesandten mitleidig mußte vorrechnen lassen, daß es dahin, dahin kam, das beklagen wir aufs tiefste! Man rede hierbei nicht länger von dem Verschulden der alten Politik. Wir muß­ten seit.sieben Monaten eine neue haben, und diese Frist war wahrlich lang genug, um eine Verfassung zu schaffen, um jeden nichtswürdigen und selbstsüchtigen Trotz zu brechen und um eine Macht hinzustellen, welche selbst in einer weniger gerechten Sache, als die Schleswig-Holsteinische ist, eine stolzere Sprache führen durfte! Sieben Monate und nicht einmal die Anfänge einer Flotte, mit denen man die eignen Küsten schirmen könnte!!! Zwölf Millionen genügen, eine Flotte zweiten Ranges zu kauten, nur zwölf Millionen nicht die Hälfte der Civillisten nur eines Jahres und noch ist Nichts dafür gethan, als eine lumpige, lächerliche Bettelei!

Wenn die Noth am größten ist Gott am nächsten. Dür­fen wir diesen Spruch in die Sprache der Geschichte übertragen, so erwächst uns daraus noch eine Hoffnung, die letzte freilich, die wir haben. Der National - Versammlung , wie dem Deutschen Volke, müssen ob dem erlittenen Schimpfe die Augen endlich auf­gegangen sein. Sie wird, sie muß sich jetzt zu schnellem und großartigem Handeln ermannen. Sic wird rasch und in kürzester Frist die Deutsche Verfassung herstellen, und die großen parla­mentarischen Gewalten, deren Eristenz nicht ferner von Handstrei­chen abhängig sein kann. Sie wird sich das Beispiel der schleswig- holsteinischen Versammlung zum Muster nehmen können, welche in 24 Stunden eine volksthümliche Verfassung schuf und sie wird nunmehr die Wahrheit beherzigen, daß man das Eisen schmieden soll, wenn es warm ist, und daß zum Verbessern des einmal Geschaffenen die Zeit des Friedens und der Sicherheit »gut ge­nug ist. Vor allem aber wird sie jetzt, ehe es wiederum zu spät ist, jenen Widerstand alsbald und ohne Weiteres vernichten, welchen die Politik nicht des preußischen Volkes, sondern der preußischen Reaction ihr in den Weg geworfen hat. Die Na­tionalversammlung darf sich jetzt vor Niemandem, vor Nichts mehr fürchten, denn es handelt sich um ihre Eristenz. Am wenigsten wird sie sich vor jener Preußen-Politik zu fürchten haben, deren ganze Blöße in den letzten Tagen genugsam an den Tag getreten ist. Und was die Flotte betrifft, die wir alsbald erwerben müssen, so darf eine kräftige Reichs-Regierung wegen der Auf-