— 776 —
Minister bereit gewesen. Zu einem Eingehen auf Modifi- cationen des Vertrages habe er denselben nicht so willfährig gefunden. Allein er habe zugestanden, daß Modalitäten bei der Ausführung unter Mitwirkung der Centralgewalt stattfinden sollten. Er habe versucht, ob unter den Parteien der Nationalversammlung eine Ausgleichung auf diese Bedingungen hin zu erzielen wäre; dies sei mißlungen. (Also wird auch v. Hermann kein Ministerium zu Stande bringen?) So sei er auf seinen ursprünglichen Standpunkt zurückgekehrt und stimme für Verwerfung des Waffenstillstandes. Das ganze sei nur eine Ministerfrage; es handle sich nicht um die Ehre Preußens selbst. Er glaube nicht an einen Krieg unter den Deutschen Stämmen, die in der Nationalversammlung repräsentirt seien. „Haben wir denn solche Feindseligkeiten im Leibe (Große Heiterkeit), daß wir uns bekämpfen sollten?" Unsere Bundesgenossen sind alle Die, welche die Einheit und Freiheit lieben. Es ist ein schlechter Waffenstillstand geschlossen, schließen wir einen besseren! (Beifall und Heiterkeit.) Uebri- gen? würden wir einen Krieg nicht zu scheuen haben; er würd: Deutschland einigen und kräftigen. — Es sollte mir nicht schwer werden, den Seekrieg zu führen. Mit 6 Mil- kionen würde ich Schiffe kaufen, ich würde Kaperbriefe ausstellen. Dänemark verdient Achtung für die Energie, mit der es einen ungerechten Krieg geführt hat. Hüte sich Deutschland, daß es nicht zum Kinderspotte werde. (Großer Beifall, Zischen.)
v. Schmerling. Ich habe mich neulich, als ich sprach, als Abgeordneter bezeichnet, ich hätte gewünscht, daß die beiden Herrn aus Baiern (v. H. ü. Eisenmann) auch gesagt hätten, als was sie hier sprachen. Ich wenigstens bin mir nicht klar, ob sich der Vorredner als Minister oder als Ministercandidaten oder Abgeordneter ansehen soll. (Links: Zur Ordnung!) Ich bin dem Vorredner auch dankbar für den guten Rath , welchen er dem abgetretenen Ministerium ertheilt hat, möchte nur wissen, welche besseren Mittel derselbe, nachdem er 8 Tage Zeit hat darüber nachzudenken, vorschlägt. — Für Dänemark bestand die Centralgewalt noch nicht, denn sie war ihm noch nicht noti- sizirt. (Links: Warum nicht?) Weil man Feinden, mit denen man Krieg führt, keine Notifikationen schickt. Daher konnte die Centralgewalt nicht direkt mit Dänemark verhandeln. Der Vorredner hat davon gesprochen, wie er dem preußischen Kabinete bald diese bald jene Bemerkung gemacht haben würde; als ob zwischen Frankfurt und Berlin eine so leichte Communikation wäre, wie zwischen hier und Sachsenhausen. Der Vorredner habe das abgetretene Ministerium seiner Kritik unterworfen, allein er habe darin nicht gefunden, was die Sache besser gemacht hätte. (Beifall rechts, Zischen links.) Die Sitzung wird hierauf auf Morgen vertagt. —
Der Verlauf der Sitzung war ein ruhiger und wurde durch keine Zwischenfälle unterbrochen. Ueber den Ausgang der Verhandlungen läßt sich wohl so viel voraussehen, daß die Ratifikation des Vertrages ausgesprochen werden wird, wenn auch unter der Bedingung einiger daran vorzunehmenden Modifikationen.
In Wien ist am 12. die Ruhe ernstlich gestört worden durch arme Gewerbsleute, welche Staats-Garantie für
die Actien ihres Unterstützungsfonds verlangten. Da Anfangs die Garde nicht energisch auftreten wollte, rückte Militair aus, doch dadurch ward der Sturm noch mehr erregt, und die akademische Legion verbunden mit Garde löste jetzt (4 Uhr) das Militär ab und die Ruhe ist äußerlich hergestellt.
Berlin. In der Sitzung vom 14. Septbr. ward der Nationalversammlung ein Schreiben des Minister-Präsidenten v. Auerswald mitgetheilt, worin derselbe anzeigt, daß, da Hr. V. Beckerath erst am 14. erwartet werde, die Bildung des Ministeriums noch nicht vollführt sei, weshalb er auch anheimgebc die Versammlungen noch auszusetzen. Außerdem zeigte der Präsident noch an, daß am nächsten Dienstage das Schauspielhaus zur Aufnahme der Versammlung bereit sein werde. Bis dahin habe für den Nothfall der Rector der Universität die Aula bereitwillig zugesagt. Die Sitzung wurde dann bis zum Dienstag vertagt.
Dresden, 13. Sept. Abends 7 Uhr. Nachdem durch die Feigheit der ChemnitzerKommunalgarde, durch Unterhandlungen rc. der Ucbermuth und die Ercesse der seitdem dort ihr Wesen treibenden Ruhestörer immer ärger geworden, ist endlich Militär in Chemnitz eingerückt. Folgende Depesche theilt das Dresdener Journal so eben mit: Dresden, 13.Sept.Mittags. Rittmeister Helbig und ungefähr 20 Soldaten sind geblieben,Geh. RegierungsrathTodt durch einen S t e i n w u r f auf der Brust v e r w u n - det. Die reitende Batterie ist von Radeberg hierdurch nach Chemnitz abgegangen.
* Kassel, 16. Sept. Gestern war ein Tag, an welchem vor 18 Jahren — am 15. Sept. 1830 — Kurfürst Wilhelm II. dem draußen harrenden Volke eine Verfassung gewährte. Der Tag wurde in den ersten Jahren der Verfassung festlich begangen, später — unter dem Schreckens- Regiment eines Hassenpflug, Bickel, Scheffer rc. versank Alles in schweren Schlaf und auch die Feier des Tages verstummte. — Gestern nun ward der Tag wieder ein wenig gefeiert, ein menig freilich nur. Deutsche Fahnen in den Fenstern, Mittags eine schwach besuchte Bürgerwehr- Parade, ein Hoch des Majors Eissengarthen auf das einige Deutschland, Abends einige Festessen, das war Alles. Vielleicht war es der Ernst dieser verhängnißvollen Zeit welcher ein Mchres nicht erlaubte, vielleicht war noch die Folge und der Eindruck jener für Hessen so schimpflichen, jämmerlichen Zeit, vor welcher uns die geschriebene Ver- fassungs-Urkunde aberdings nicht zu bewahren vermochte. In diesem Falle geben wir zu bedenken, daß, wenn die Menschen nicht frei sein wollen und können, auch die beste Verfassung — und unsere Kurhessische zählte damals zu den besten — sie nicht zu schützen vermag. Die Kurhessen haben sich selbst und den geschichtlichen Verhältnissen die frühere Nutzlosigkeit ihrer Verfassung zuzuschreiben. Die Verhältnisse haben jetzt eine europäische Revolution erlebt, sie können nicht wieder werden wie früher, möchten nun auch die Kurhessen nie wieder in die frühere Schwäche und Lethargie gerathen. Dann werden sie erst wahrhaft frei, dann aber auch gerecht werden gegen die Licht- und Glanzpunkte ihrer Geschichte. Ein solcher war aber ohne Zweifel der 15. September 1830.
Beilage