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Beilage zn Nr. 9 3 der Neuen Hessischen Zeitung.

ein Theil der Nationalgarde geneigt scheine, die weiße Fahne aufzupflanzen und Henri V. zu proklamiren. General Ea- vaignac nahm im Laufe der Diskussion das Wort und er­klärte, daß er fest entschlossen fei,' wenn die Nationalgarde so die Fahne der Empörung gegen die Republik aufstecke, mit Kartätschen auf sie feuern zu lassen, und daß er gegen Insurgenten, mögen sie nun weiß oder roth sein, stets so verfahren werde.

Paris, 27. August. Louis Blanc und Caussidière sind entflohen. Folgende Protestation ist heute in den Journalen zu lesen.Nicht als Schuldiger, das war un­möglich, sondern als Feind von Männern angefallen, in denen die politischen Leidenschaften jedes Billigkeitsgefühl erstickt haben, entferne ich mich, um desto wirksamer gegen die Folgen des Belagerungsstandes und der Herrschaft der Gewalt protestiren zu können. Ich kann nicht glauben, daß der Lauf der regelmäßigen Justiz noch lange unterbro­chen bleibe. Wann der Tag der Verhandlung gekommen sein wird, werde ich da sein." 26. August 1848 Louis Blanc.

Auch Caussidière hat sich bei Zeiten aus dem Sitzungs­saale zu entfernen gewußt. Auch er ist geflüchtet. Die vene- tianischen Abgesandten werden morgen, versichert man, ziem­lich verstimmt in ihre Heimath zurückkehreu. Die franzö­sische Republik zeigt wenig Neigung, den Oesterreichern gegenüber aufzutreten. Ihre Sendung kann als eine ver­fehlte betrachteb-werden.

Zwischen der Advokatenzunft und den Kriegsgerichten ist ein arger Zwiespalt ausgebrochen, in Folge dessen die letzter« gestern und vorgestern nicht saßen. Die Advokaten­zunft bestreitet den Herren Offizieren plötzlich das Recht, die Insurgenten in der begonnenen Art fortzuurteln, und es dürfte sich leicht ein Kompetenzstreit entwickeln. Heute Abend hält ein neuer bedeutenderKlub der Republicains Socialistes" im Montesguieu-Saale seine erste Sitzung.

Großbritannien.

London, 23. August. Der Globe, das Blatt der Regierung, berichtet, die irische Regierung habe genaue Untersuchungen über den in Irland vorhandenen Vorrath an Lebensmitteln anstellen lassen; der Erfolg sei in den kurzen Spruch zusammenzufassen: der Vorrath reicht höch­stens hin, um die Bevölkerung bis zur ersten Woche des künftigen Januar zu erhalten Jedermann fragt sich, wie lange dieser Zustand, der zuletzt nicht nur zu einem ma­teriellen, sondern nud) sittlichen Bankerott von ganz Irland nothwendig führen muß, noch dauern soll. England spen­det an seine Stiefschwester Irland, an dieses Aschenbrödel des Reichs, seine Vorschüsse nur ungern und läßt sich wucherische Zinsen herauszahlen; aber es geizt sogar mit guten Gesetzen und menschlichen Einrichtungen, die ihm doch Nichts kosten würden, als höchstens die Huld jener hartherzigen Gutsherren, zu deren Vorrechten es gehört, die Hütten über den Köpfen ihrer Bewohner niederreißen zu dürfen. Eben jetzt erst erzählt die Dublin-Evening-Post einen solchen Fall, indem in Clondoogan l Grafschaft Meath), in Gegenwart einer zahlreichen Polizeimannschaft, siebenzehn Häuser dem Erdboden gleich gemacht und deren Bewohner

ins Elend hinausgestoßen wurden. Wie lange noch wird England diesen gesetzlichen Unfug als ein sein Volk und seine Regierung schändendes Brandmal bestehen lassen? Den Times zufolge streifen bereits Tauseudevon kräftigen Männern umher (namentlich in der Stadt Clonmel), welche Arbeit suchen für bloße Beköstigung und 1 Penny täglich; was wird man erst im Winter und nach Aufzehrung der Erndtevorrâthe erleben müssen?

Uebrigens ist die unglückliche Lage Irlands durch die Härte seinerlandlords noch keineswegs genügend er­klärt. Die Ursachen des irischen Elends liegen tiefer und bevor sie beseitigt sind, ist an eine Rettung Irlands nicht zu denken, selbst wenn man die allervings nicht hinweg zu lâugnenden Sünden seiner Besitzenden auf das Gründlichste ausrotten wollte. Schon ist es dahin gekommen, daß in vielen Gegenden, namentlich im Westen gar keine Besitzen­den mehr eristiren. Dort sind die Felder unbestellt, die Scheuern leer und wenn es auch noch Leute gibt, welche dem Namen nach Eigenthümer weiter Landstrecken sind, so sind doch diese, da sie feit zwei Jahren nicht das geringste Einkommen gehabt haben und wahrscheinlich auch in die­sem und dem nächsten Jahre keines haben werden, in Wahr­heit ebenso hülfloâ wie die eigentlichen Armen, oder sie werden es doch fein, sobald der auf vorweggenommene künftige Einkünfte gebaute Credit erschöpft ist. Es ist kaum übertrie­ben, wenn das Morning-Chronikle sagt, in manchen Graf­schaften Irlands sei kein einziger Gutsherr wirklich solvent. Solchen Leuten ist nun eine Armenstcuer aufgebürdet, welche sich in einzelnen Bezirken zu der furchtbaren Höhe von 50 ja 80 pCt. des Ertrages der Güter erhebt. Man sieht ein, daß unter einer solchen Last der festeste Wohl­stand zusammenbrechen muß; bei solchen Steuern hört die Lust zum Erwerb auf; wer die Hälfte, wer ein Drittel seines Einkommens dem Armenvogt auszahlen muß, legt zuletzt lieber die Hände in den Schoos und wird so selbst ein Armer. In Jrlarw ist der furchtbare Fall eingetreten: das Land hat an vielen Punkten aufgehört, zu pro- duciren. Selbst ohne das Mißratheu der Kartoffelerndte würden ganze Bezirke von fremden Almosen leben müssen; die Mißerndte hat das Unheil nur beschleunigt und auf weitere Kreise ausgedehnt. Dahin ist es gekommen durch ein Zu­sammenwirken verschiedener Umstände, durch agrarische Ver­hältnisse, die aus früheren Jahrhunderten stammen; durch politische Aufregung, welche das Capital aus dem Lande trieb, welche die Bande der Ordnung auflöste und die Sicherheit des Eigenthums zerstörte, endlich durch jene dem irischen Volke eigenthümliche phantastische Richtung, welche den Bauern vom Pfluge fort zur Pike und Muskete lockte. Einzelne bevorzugte Grafschaften, namentlich im Norden, abgerechnet, ist jetzt die Lage der Insel verzweifelter als sie je war, aber mehr als je scheint gerade die gegenwär­tige Noth, nun der Aufruhr gebändigt ist, einem großen Staatsmann Gelegenheit zu bieten $u solchen umfassenden Heilmitteln, welche nicht allein eine augenblickliche Bepflaste- rung, sondern eine dauernde Heilung ver tiefen Wunden des gesellschaftlichen Organismus herbeiführen können.