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„mit Respekt" auf, dem Volkswillen nicht in den Weg zu treten, sondern das neue Wahlgesetz schon für die jetzt bevorstehenden Wahlen zu erlassen: ja in Kassel ist der Vorschlag gemacht worden, die Wahlkorporationen anzugehn, bis dahin ihre Wahlen auszusetzen. Man hat gesehen, daß ich ein neues Wahlgesetz so ernstlich wünsche, wie irgend ein Mensch, aber auf das Entschiedenste muß ich es in Abrede stellen, daß das vorgeschlagene Verfahren mit Recht und Billigkeit iu Einklang stände. Die jetzigen Deputirtrn, zu einer Zeit erwählt, wo kein Mensch an Reform des Wahlgesetzes dachte, sind wenn auch juristisch, aber sittlicher und ehrenhafter Weise nicht befugt, ihre Wähler des Wahlrechts zu entkleiden. Dazu kommt, daß mehrere Wahlcorporationen bereits gewählt haben, der Vorschrift der Verfassung gemäß, daß wir uns also schon in der Periode der künftigen Ständeversammlung befinden: ich zweifle sicher, daß der jetzigen das Recht zusteht, durch raschen Erlaß eines neuen Wahlgesetzes diese Wahlen zu kassiren, die gewählten De- putirten abzusetzen, und die Wähler zu einer Wiederholung ihres Acts zu zwingen. Ueberhaupt aber, wozu diese Hast? Die Verhandlungen über den Inhalt des neuen Wahlgesetzes sind so eben erst eröffnet: man gebe sich einmal die Mühe, nicht bloß „für ein volksthümliches Wahlgesetz" Unterschriften zu sammeln, was ein kinderleichtes und wenig beweisendes Thun ist, sondern umzufragen, wie viele Leute im Lande sich ein selbstständiges Urtheil über die verschiedenen bis jetzt vorgeschlagenen Amendements gebildet haben und man wird anerkennen müssen, daß es höchst nützlich ist, wenn die Verhandlungen darüber noch einige Monate fortgesetzt werden.
Marburg, 19. August 1848. Sybel.
Politische Nachrichten.
Deutschland.
— r. Kassel, 21. August. Die gestrige Feier des Geburts- festes unseres Kurfürsten wurde glänzender und zugleich herzlicher begangen, als jemals. Am Vorabend großer Zapfenstrich, am Morgen große Reveille mit obligatem Kanonendonner, große Revue sämmtlicher Bürgerwehr und Schutzmannschaft, Mittags ein Festessen von mehr als 400 Personen aller Stände zu Wilhelmshöhe, den ganzen Tag über jubelnde Volkshaufen mit Fahnen und Gesang und Musik durch die Straßen ziehend, öfters Bürger, Soldaten und Schutzwehrmänner in brüderlicher Umarmung darunter, am Abend Illumination, oder doch wenigstens der (durch schlechtes Wetter vereitelte) Versuch einer solchen. — Woher kommt denn — so wird man fragen — dieses Volksfest zu Ehren eines Fürsten in einer Zeit, wo die Fürstengewalt die schwächste ist, wo keine Polizei mehr spioniren darf, ob die Unterthanen pflichtschuldigst gejubelt haben, wo gar Mancher schon überall republikanisch-vulkanischen Boden unter seinen Füßen zu fühlen glaubt? — Das gestrige Fest war die Freude eines edlen, biedern Volkes, welches, langjährigen Leiden und Verläumdungen zum Trotz, seine Ltief eingewurzelte treue Deutsche Anhänglichkeit an das lange angestammte Fürstenhaus bewahrt hat, ohne daß die republikanischen Rechenkünstler solche über Nacht weg-
zu räsonniren vermocht hätten. Diesem Volke wurde es gestern zum ersten Male zu Theil, den Geburtstag des Landesfürsten mit dem Gedanken begehen zu können, daß dieser sich ihm wahrhaft genähert habe, daß derselbe nicht mehr einem Stand ausschließlich angehören, sondern die Interessen des ganzen Volkes zu den seinigen machen wolle. In dieser seiner innersten Bedeutung hatte das jubelnde Entgegenkommen des Volks, wie es sich gestern an den Tag legte, etwas wahrhaft Erhebendes, und erinnerte an Jordans edles Handle», welcher nach seinen jahrelangen Qualen dennoch als Vertheidiger der Monarchie in die Schranken tritt. Wahrlich, die Hessen werden wieder den alten Satz bestätigen: das Volk ist gut, wenn nur der Herrscher gut ist. — Bedauern müssen wir, daß bei dem Festmahl zu Wilhelmshöhe, wo doch ein großer Theil derjenigen, welche sich der wahren Bedeutung der Feier deutlicher bewußt sind, anwesend waren, diese Bedeutung in dem dort zu Ehren des Gefeierten ausgebrachten Trinkspruche keinen genügenden Ausdruck fand. Die Herrn Festordner hätten es erwägen sollen, daß in unserer Zeit nicht mehr dem pensionirten Alter und der ersten Rangklasse vor der begeisterten Manneskraft und dem ranglosen Talent der absolute Vorzug gebührt, und daß in einem constitutionel- len Staate der constitutionelle Minister überall die erste Person ist, selbst wenn ihn der Fürst nicht bis über die vierte Rangordnung hinaus gewürdigt haben sollte. Die Festrede gewährte zwar keinen besonderen Anstoß, hätte aber eben so gut anch im Jahr 1843 et retro ihren Zweck erfüllen können, während wir doch bei Gott diesmal ein anderes Fest hatten/ als die vorjährigen Zwangshuldigun- gen der nach den Dienstbranchen gesonderten Staatsdienerschaft. Nur Ihm, dem Beförderer der Einheit Deutschlands, dem constitutionellen Fürsten im Geist und in der Wahrheit, dem» Fürsten, welcher seinem ganzen Volke angehören will, nur Diesem galt das begeisterte Hoch der verbrüderten Bürger und Krieger. Gegen jede andere Fassung des Toastes, und sei es auch nur die negative! welche jene Alles im Sinne behält, müssen wir Protestiren; und wir glauben damit der Ansicht von mindestens 95 Procent der dort Anwesenden, und noch unzweifelhafter den Gefühlen des gesammten kurhessischen Volkes einen Ausdruck zu geben *).
*) Wir können nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit der Rede des Hrn. Seidler zu gedenken, womit er am Morgen des gestrigen Tages vor der versammelten Bürgerwehr den Geburtstag des Landesfürsten feierte. Die große Zeit, in der wir leben, habe die Geschicke der Völker, aber auch die der Fürsten mächtig bewegt; diese wandelten jetzt mit und in ihrem Volke. Mit einem großen Beispiele sei in dieser Beziehung unser Kurfürst vorangeschritten ic. Als darauf Hr. Seidler seine Kameraden aufforderte, den frohen Hoffnungen, welche sich an das Leben und den Geburtstag des Kurfürsten knüpften, einen Ausdruck zu geben, da stimmte Alles gern in das Lebehoch ein, welches den Gefeierten und die Feiernden gleich sehr ehrte. Es kommt jetzt darauf