Hessische Zeitung.
JV5. NII» Freitag, den 18. August. tS4S»
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Der 6. August und die Deutsche Einheit.
IV.
Die Demonstrationen des preußischen „Volkes" gegen die Deutsche Einheit gingen und gehen, wie wir sahen, zum Theil von verwerflichem Reaktionsgelüste, zum Theil von einem engherzigen Lokal-Egoismus aus, dem wir doch keinesfalls die Bedeutung einer ganzen Volksstimmung beimessen dürfen. Wir haben im Gegentheil gesehen, daß alle jene Manifestationen einen Rückschlag im deutschen und freiheitlichen Sinne zur Folge hatten, welcher nicht blos von Proletariern oder von der Berliner Slraßcnjugend, auch nicht blos vom souveränen Lindenelubb, oder von einer Volksversammlung unter den Zelten ausgegangen ist sondern auch vom eigentlichen Kerne deS Volkes, von den gebildeten Mittelständen. Lauter als Alles redet hier die einfache Thatsache, daß sich die coustitutionelleu Vereine mit seltener Energie und Einstimmigkeit für das unbedingte Aufgehen Preußens in Deutschland ausgesprochen haben. Man kann die von diesen konstitutionellen Vereinen dargestellte Partei das Centrum des Volkes nennen, in ihnen beruht die Schwerkraft der Gesellschaft, sie bilden die entscheidende Majorität. Man darf auch diesen Constitutionellen gewiß nicht Mangel an Patriotismus oder etwa leichtfertige Behandlung politischer Fragen vorwerfen. Im Gegentheile, Hinter Besonnenheit und ihrem politischen Takt haben wir dasjenige zu verdanken, was wohl einzig in der Menschengeschichte dasteht und einem Wunderwerke gleicht, — die geordnete Entwickelung einer sechsmonatlichen kolossalen Revolution inmitten einer systematisch demoralisirten Bevölkerung. — Diese konstitutionelle Partei ist sich der Bestrebungen bewußt, welche als dunkele Sehnsucht in den Herzen des Volkes schlummern. Sie weiß es, daß auch die Familie, auch die Gemeinde, auch die Stammes- und Landesgenossenschaft ihre volle Berechtigung im großen Gesammtstaate hat. Und wie jedem Bürger die Ehre seines Hauses und seiner Vaterstadt am Herzen liegt, so ist der konstitutionellen Partei in Preußen auch der Ruhm und die Große ihres Preußenvolkes kein leerer Schall. Aber gerade indem diese Partei sich von den natürlichen Grundlagen des Lebens und von dem Boden der Heimath nicht entfernt, behält ihr Streben jene naturmächtige Kraft, welche des Sieges nicht verfehlen kann. Preußen muß in Deutschland aufgehn, nicht obgleich, sondern weil es Preußen ist. Was schlecht
an Preußen war, wird dann verschwinden und was groß und tüchtig, wird sich um so prächtiger entfalten können. Wann war Preußen groß? als es für Deutschland mit dem Schwerte und mit der Feder stritt; wann war es klein? als es sich von Deutschland entfernte. Preußens jetzige Größe und seine ganze Zukunft beruhte auf der Mission, die es für Deutschland zu erfüllen hat. Diese Mission war das Le- benspriuzip, das geistige Band, welches seine verschiedenartigen Bestandtheile eng vereinte, in dieser Mission hatte es die Macht der öffentlichen Meinung, die Unterstützung eines Volkes von 45 Millionen, die Beistimmung aller Gebildeten hinter sich, durch diese Mission erlangte es die Ehrfurcht bei den Völkern, welche ihm den Rang einer Großmacht verschaffte. Verräth es diese seine Mission, durch welche allein es eine Großmacht wurde, will es eben nur eine Großmacht und nichts als eine Großmacht fein: so wird sich an ihm das Sprüchwort schmählich bewähren: Hochmuth kommt vor dem Fall.
Was ist jetzt an Preußen groß und tüchtig? Die Vor- trefflichkeit seiner Bewehrung, die Intelligenz seiner Bürger re. Kann diese Größe überhaupt in Deutschland untergehn? Statt aller Antwort werfe man einen Blick auf die Schlachtfelder, wo sich Preußische Waffen hervorthun, und einen Blick in die Paulskirche, wo auch das Papageiengeschrei der Clague vor dem eminenten Wissen und Talente preußischer Deputaten unwillkürlich verstummen und wo auch der politische Gegner sich sagen muß: von diesen Leuten kannst du Vieles lernen. — Aber — was ist an Preußen schlecht? uud was hat Preußen um einen guten Theil seines Credites gebracht? Das Liebäugeln mit dem Absolutismus, die russischen Beziehungen, die Abhängigkeit von fremden Diplomaten, das widerliche Prunken mit undeutschem Flitter. Dies Alles wird allerdings in Deutschland untergehn und gründlich verschwinden, aber gerade für Preußens Große kann nichts so förderlich sein, als dieser glückliche Verlust. — Von solchen Betrachtungen und nicht von ohnmächtigen Phrasen geht die nationale Partei in Preußen aus. Sie hat darin eine Waffe, mit welcher man alle Gegner, die dem Kampfe stehen, vernichtet, die Waffe der einleuchtendsten Wahrheit. Sie wird damit alle edlen und reisigen Preußenritter bald aus dem Felde schlagen, und es wird dann nur der jämmerliche Troß reaktionärer und spießbürgerlicher Marodeurs im Feindes-Lager verbleiben. (Fortsetz. Morgen.)