von beut Stümper unterscheidet. Viele verderben sich gleich nach dem Abgang vom Seminar an literarischem Naschwerk den Magen, und verlieren den Appetit an ernster kräftigender Kost. Andere vergeuden ihre Kraft in nutzlosem und verkehrtem Erperimentircn und werden bei der Erfolglosigkeit ihrer Bemuhnngen muthloS. Noch Andere ergeben sich einem handwerksmäßigen Schlendrian und gehen in Geistes-Dumps- und Sumpfheit unter. Und endlich wieder Andere, von selbstgenügsamem Dünkel befangen, spinnen sich mit ihrer halben oder Viertelsweisheit alsobald so fest in die Fäden ihrer unklaren Ideen ein, daß sie für immer für einen geistigen Fortschritt verloren sind.
Ein so großes Unrecht es nun auch sein würde, die Seminare für diese oder ähnliche Verirrungen ihrer Zöglinge in spätern Jahren allein verantwortlich zu machen, so kann doch die gegenwärtige Seminarbildung und Se- minarerziehung einen großen Theil der Schuld nicht von sich znrückweisen. Mag es immerhin einzelne Directoren und Lehrer gegeben haben und geben, welche durch Talent, Geisteskraft und tiefsittlichen Ernst ihren Schülern für immer Ziel und Richtung geben, und sie befähigen, sich auf dem Gebiete der Pädagogik 311 orientiren und an der eignen Fortbildung mit treuem Fleiße zu arbeiten: so lehrt dennoch die Erfahrung, daß Viele bei ihrem Abgänge vom Seminar diesen Standpunkt nicht erreichen, und Intel« hftued nicht fähig sind, sich weiter zu helfen. Dazu kommt nun noch, daß die Kürze der Ceminarzeit, die Hast und Eile beim Unterricht und die polizeilich-soldatische Disciplin, die auf unsern Seminaren leider vorherrschend ist, die Ausbildung des Charakters gerade in den entscheidensten Lebensjahren erschweren und saft unmöglich machen. Denn wie kann von einer freien Entwickelung eines edlen und festen männlichen Sinnes die Rede sein, wo jede selbstthätige Bewegung, jede Regung des freien Willens, jeder Versuch der eigenen Schwingen bei strenger Casernirung durch eine sich bis auf das kleinste erstreckende Hausordnung unterdrückt, wo jeder Stunde vom Morgen bis zum Abend ihr Pensum vorgeschrieben, und jeder Umgang außerhalb des Seminars verpönt ist? Junge Leute schüchternen, gedrückten Sinnes können bei einer so ängstlichen Ueberwa- chung nicht erstarken, und treten eben so unmündig aus dem Seminar, als sie in dasselbe gekommen waren. Kräftigere Naturen suchen Hinterthüren, und schon das nititum in vethum verleitet sie zu Manchem, was eben nur durch daS Verbot tu etwas Unsittlichem wird. Treten sie aber aus diesem ZwangSjackenleben heraus, so kommt erst recht die Zeit der Versuchung, und daö Seminar entließ sie, ohne die schwere Kunst der Selbstüberwindung geübt zu haben.
Unsere Seminare sind Anstalten, welche der Mangel an Lehrern, also die Noth, ins Leben gerufen hat, und welche allerdings tu einer Zeit, wo es an nur irgend wie vorbereiteten Lehrern fehlte, außerordentlich viel Gutes und Treffliches geleistet haben. Auch geben wir zu, daß in jener Zeit, wo die Nachfrage nach qualisicirten Lehrern von Tag zn Tag sich mehrte, der Staat gezwungen war, die Anforderungen so niedrig als möglich zu stellen, und die
Vorbereitung für das Lehramt auf die möglichst kürzeste Zeit zn beschränken: aber Wunder muß es nehmen, daß nach 30 Friedensjahren die Seminare noch wesentlich auf derselben, oder wohl gar durch ihre Verlegung auf daS Land und ihre scheinbar neue Einrichtung (von den passenden Localitäten wird abgesehen) auf einer niederen Stufe stehen, daß man nicht daran gedacht hat, ihnen eine wirklich durchgreifende Organisation zu geben, und daß man noch die Bildung, die sie verleihen, für ausreichend hält.
DaS Hauptübel, sagt Dr. M a g e r *), woran die Se- minare seit ihrer Entstehung gekrankt haben, setzen mir darin, daß sie einen doppelten Zweck verfolgt haben, daß sie zugleich pädagogische Bildungsanstallen und Realschulen sein wollten, und mehr Unterrichts- als Erziehungsanstalten waren. Die Seminare haben ein bestimmtes Maß realer Bildung zur Voraussetzung, nicht eben zum Vorwurf; ihr Bildungszweck ist ein rein pädagogischer, welcher aber in dem Maße gefährdet ist, als der materiellen Bildung bei den Zöglingen, die sie anfnahmen, noch keine Genüge geleistet war."
Wander führt den Gedanken weiter aus*), und in der That liegt hierin der wunde Fleck unserer Seminare, das Hemmniß, daS die Thätigkeit selbst der ausgezeichnetsten Seminardirectoren und Lehrer mehr oder weniger paralisine. Je mehr die Kraft der Lehrenden und Lernenden nach zwei Seiten hin in Anspruch genommen wurde, desto weniger konnten die Seminare, sei cs als Realschulen, sei eS als eigentliche Berufsbildungsinstitute, leisten.
Dieses Uebel wurde auch von unsern Seminarien erkannt, und um demselben wenigstens einigermaßen zn steuern, war man darauf bedacht, durch Vorbereitungsschulen oder durch sogenannte Präparandenanstalten den Seminarien Zöglinge von einer gleichmäßigeren unb umfangreicheren Bildung zuzuführen. Allein da kein Gesetz den Eintritt in diese Anstalten zur Ncthwendigkeit machte, so wurde bis auf den heutigen Tag noch eine große Menge Seminar- Aspirantey auf die mannigfachste und divergirendste Weise außerhalb derselben vorgebildet, und anderntheils entsprachen die Praparaudenanstalten ans Mangel au ausreichenden Lebrerkrästen ihrer Aufgabe in so ungenügender Weist, daß den Seminaren bis auf die jetzige Stunde noch die ganze volle Last ihrer doppelten Stellung geblieben ist. Soll es demnach mit der Lehrerbildung anders und den Seminarien möglich werden: „nur sollte Zöglinge aufz u u e h m e n, welche s i ch bereits d a s e r f 0 r d e r- liche Maß von Kenntnissen in allen denjenigen Unterrichtsgegenständen an geeignet haben, die der künftige Lehrer in den Elementarschulen (Volksschulen) zu betreiben hat," soll eS ihnen möglich werden, „sich allein darauf zu beschränken, den Seminaristen theoretische und praktische Anleitung zu geben, wie der Unterricht s st 0 f f m e t h 0 d i s ch z u behandeln, wie ein e
*) Pädagog. Revue Bd. 1. S. 230-276.
*) Offenes Sendschreiben an Sr. Erc. den Herrn Minister Dr. Eichhorn 2. Anst. Leipzig 1846. •