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Beilage zn Nr. 70 der Neuen Hessischen Zeitung.

Frankreich.

Paris, 2 August. Dir Nachrichten von den Siegen des österreichischen Heeres in Oberitalien haben hier einen peinlichen Eindruck gemacht. Der „National" nennt sie „verdrießliche Nachrichten."

Paris, 3. August. Der neue sardinische Gesandte Hr. Ricci und ein venezianischer Agent, Hr. Amalfi, sind mit Courierpferden in Paris angekommen; sie verlan­gen, so heißt es allgemein, Frankreichs Beistand gegen Oesterreich. Cavaignac und Bastide sollen sie be­reits empfangen haben. In Turin hat am 29. eine Volks­bewegung gegen das Ministerium stattgefunden; man ver­langte, der König solle die Dictatur übernehmen. Gio- berti ist beauftragt worden, ein neues Ministerium zu bilden und die Kammer hat beschlossen, für die Dauer des Krieges alle Macht in die Hände des Königs niederzulegen. Das Gerücht von der Verhaftung Louis Blancs, Ledru-Rollins und Caussidières hat sich nicht be- stâtigr.

Paris. Soviel bis jetzt ermittelt werden konnte, be­trägt die Zahl der Opfer des Juni-Aufstandes auf beiden Seiten der Kämpfenden, mit Einschluß der später in den Hospitälern Gestorbenen, nur 1380. Die Zahl der ver­hafteten Insurgenten betrug am 30. Juli 9223, die der anderen Verhafteten 3219. — Das Verhältniß der be­schäftigten zu den unbeschäftigten Arbeitern hat sich gehoben, unter 28,225 in Garnis wohnenden Arbeitern waren 18,038 beschäftigt, 10,167 nicht, unter den letzter» befin­den sich jedoch 3000 habituelle Faullenzer. Die Verpro- viantirung der Hauptstadt läßt nichts zu wünschen übrig und da die Ernte sehr gut ist, so werden die Brodpreise fortwährend niedrig bleiben.

Paris, 4. August. Das bedeutungsvollste Ereign niß der letzten Tage war jedenfalls die mit Ausnahme zweier Stimmen einmüthige Verwerfung des Proudhon'- scheu Antrages. Herr Pro ud hon ist trotz seiner ganz modernen Ideen der ächte Typus jener altfranzösischen Philosophen, welche, nicht zufrieden, an den Grenzen der menschlichen Erkenntniß mit dem Gedanken herzustreifen, auch noch ihre Resultate oder Zweifel in pikanter Phrase aussprechen müssen. „Das Eigenthum ist Diebstahl" war der Titel seiner ersten Schrift. „Er wolle das Bekenntniß ablegen, daß ihm bei seinem Srudium des Geheimnisses der gesellschaftlichen Revolutionen Gott, der große Unbe­kannte, eine nothwendige Hypothese, d. h. eine unent­behrliche dialektische Formel, geworden sei," ist der Schluß der Einleitung seines neuesten Buches. Die­selbe Sucht, die kühnsten Wendungen zu gebrauchen, charak- terisirte seinen Vortrag in der Kammer. Wir zweifle« nicht, daß das Schicksal seines Antrages ganz dasselbe ge­wesen wäre, auch wenn er mit dem dem wahren Menschheits- fre linde allein gebührenden ruhigen Ernste an die Behand­lung der socialen Frage gegangen wäre, — aber er hätte dadurch seinen Gegnern unmöglich gemacht, mit dem Aus­drucke sittlicher Entrüstung über seinen Vorschlag Hinwegzu- gehen. Seine Niederlage ward so vollständiger, als der

über seine wissenschaftlichen Geschwisterkindsvettern in den Straßen von Paris mit bewaffneter Hand erfochtene Sieg. Wir können diesen Erfolg nur beklagen, denn wir fürchten, daß durch solche Siege nicht allein die unvernünftigen Refor­men zurückgedrängt werden, sondern, daß man sich über­haupt von der socialen Frage abwenve. Auf dem politi­schen Gebiete ist man schon so erschöpft, daß man sich der Diktatur in die Arme geworfen hat, auf dem socialen werden wir vielleicht in aller Kürze wieder der Lehre be­gegnen, daß das Elend des größten Theiles des menschli­chen Geschlechtes eine innere Nothwendigkeit sei. Herr Thiers, als Berichterstatter in dieser Angelegenheit, ist jetzt wieder eine namhafte Größe geworden. Wie rasch sind doch die Wandelungen in Zeiten der Revolution! Am Tage der Kammereroffnung stanv der vergessene Erminister an der Börse Schildwache. Heute ist der kleine Mann mit dem großen Verstände der Vorsechter der allmälig wieder aus ihren Verstecken hervorkommenden Anhänger der alten Gesellschaftsverfassung. Das Journal des Debats, das mit vielem Geschicke die Sache der gefallenen Dynastie, ohne sie je zu nennen, führt, becomplimentirt den Feind Guizots. Schon tritt er mit großer Ueberlegenheit dem Ministerium bei Gelegenheit der Debatte über die Hypo- thekensteuer entgegen, und vielleicht sehen wir ihn bald selbst auf der Ministerbank. Während sich so eine neue konservative Partei organisirt, spaltet sich die demokratische mehr und mehr. Marrast, Garnier-Pages, Pagnerre rc. hatten sich bekanntlich schon vor einiger Zeit von den Re­unionen im Palais National gesondert und versammeln sich im Institut. Von den unter dem Präsidium von GlaisBizoin zurückgebliebenen haben sich nun die „reinen Demokraten" unter der Ehrenpräsidentschaft von Audy de Puyraveau geschieden und im 9tm Büreau der Kam­mer die Wahl Latardes zum Präsidenten gegen Düpin den Aelteren durchgesetzt. Zu ihnen gehört auchGreppo, der Einzige, welcher mit Proudhon für dessen Antrag stimmte. Bei Gelegenheit der Debatte über die Unterdrückung der Jour­nale ermahnte V i c t o r H u g o dieErecickivgewalt zur Mäßigung, doch stimmten nur M o n t a l e in b e r t und seine Freunde gegen die Billigung der Regierungsmaßregeln bis zum Erscheinen des Preßgesetzes, welches jetzt in der Commission fertig berathen ist. Ebenso ist die Untersuchung über die Mai- und Juni-Emeu- ten nun vollendet und wird zur öffentlichen Kenntniß kom­men. Das Ereigniß jedoch, welches in nächster Zeit am meisten die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen muß, wird die Debatte über den neuen Verfassungsentwurf sein. Die Vorarbeiten sind der Vollendung nahe. Für die unmit­telbare Wahl des Präsidenten der Me publik in den Urversammlungen haben sich 10 von 15 Büreaus erklärt; gegen die Jury in Civil- und Zucht- Polizeisachen 12; 10 für die Ernennung der Friedensrichter durch das Gouvernement. — Die Arbeitercommission be­schäftigt sich mit gesünderer Einrichtung der Wohnungen der Arbeiterklassen. Sie will zu dem Ende Unterstützungen Seitens des Staates für zweckmäßig zu erbauende Häuser und Expropriation zu Gunsten der Bauunternehmer, wo