Einzelbild herunterladen
 
  

— 416 —

Zu Schriftführern des Reichstages sind von 289 Stim­menden, Streit mit 228, Ullepitsch 155, Wieser 154, Hauschild 147, Zwickle 135, Kobuczowski 120 Stimmen gewählt worden.

Der Sicherheits-Ausschuß hat nicht gewollt, daß des Erzherzogs Gemahlin in einem Privat-Hotel absteigen solle. Sie wurde von der Deputation direct in die Kaiserliche Burg geführt Dies erregte unter den Wienern großen Jubel. Auch sind im kaiserlichen Schlöffe zu Schönbrunn ihre Zimmer eingerichtet worden. Die Deputation der Na- tionalgarde empfing sie am Bahnhöfe. „Hohe Frau," so begrüßte sie der Redner, Herr Wessely, „ich wurde von diesen Männern bestimmt, Sie zu begrüßen! „Ich bin kein Redner und vermag es nicht, mit zierlich geschmückten Worten die Gefühle kund zu geben, welche in diesem Au­genblicke unsere Brust erfüllen; aber cs ist die Zeit ge­kommen, wo das rauh klingende Wort des Bürgers ertönen darf, und in der Hörer Brust tief eindringen kann. Blicken Sie um sich; auf jedem Antlitz dieser Männer strahlt die Freude, in jedem Auge liegt das Herz, und wissen Sie, warum der heutige Tag uns freut, ich will es Ihnen sa­gens weil wir heute Sie als Schwester begrüßen!!" „Sie sind entsprossen aus dem Bürgerstande, und es gelang Ihnen als Deutsches Weib einen Fürsten ?u beglücken, der mehr als ein Fürst, der auch der erste Mann des Deut­schen Volkes ist, sein Glück zu begründen, hat das Deutsche Volk ihn erkoren, ihn, dessen höchster Ruhm die Bürger­krone ist." „So oft wir ein Hoch" dem Deutschen Jo­hann bringen, wiederhallt ein Hoch auch seiner Deutschen Frau. Darum seien Sie uns Allen auch herzlich hier­mit willkommen." Noch einmal Hoch, dreimal hoch, lebe „die erste Deutsche Frau!" Mit tiefgerührtem Herzen reichten der Reichsverweser und seine Gattin dem Sprecher und seinen Begleitern die Hand. „Ich verstehe Sie, meine Herren," sprach der Erstere. „Meiner Frau ist heute der Lohn geworden, den ihre Liebe zu mir schon lange verdiente."

Wien, 22. Juli. Feierliche Eröffnung des Reichstages. Der Reichstag ist eröffnet. Um 12 Uhr verkündete Trommelschlag und die Volksmelodie: „Was ist des Deutschen Vaterland", welche von mehreren Musikbanden gespielt wurde, die Ankunft des Erzherzogs- Stellvertreters. Die Deputation empfing ihn an den Stu­fen des Vorsaales und unter ihrem und der Minister Dor­tritt betrat Erzherzog Johann den Saal der Reichsversamm­lung. Ungeheurer Jubel empfing ihn. Die Minister stell­ten sich zu beiden Seiten des Erzherzogs auf die Stufen deS Thrones. Der kaiserliche Stellvertreter stand vor dem Thronstuhle rind las hierauf mit fester Stimme die nach­folgende Thronrede:

Meine Herren Abgeordneten! Von Sr. Majestät un­serem allergnädigsten constitutionellen Kaiser beauftragt, den Reichstag zu eröffnen, erfülle ich hiermit diese erfreuliche Pflicht und begrüße aus voller Seele Sie, meine Herren, die Sie berufen sind, das Werk der Wiedergeburt des Vaterlandes zu vollbringen. Die Befestigung der erwor­benen Freiheit für uns und unsere Zukunft erheischr Ihr offenes und unabhängiges Zusammenwirken zur Feststellung

der Verfassung. Alle Nationalitäten der österreichischen Monarchie stehen dem Herzen Sr. Maj. gleich nahe (All­gemeiner Beifall) und in der freien Verbrüderung derselben, in der vollen Geichberechtigung Aller, so wie in dem in­nigen Verbände mit Deutschland (ungeheurer Jubel v. d. Linken und dem Centrum) finden alle Interessen eine feste Grundlage. Schmerz erfüllte das Herz S. Majestät, daß nicht zugleich die Fülle aller Segnungen eintreten konnten, welche freisinnige Institutionen im weisen Gebrauche den Völkern zu sichern pflegen. Se. Majestät, theilen im regen Mitgefühle die Bedrängnisse ihrer Völker. In Beziehung auf Ungarn und seine Nebenländer läßt sich von dem Rechtlichkeitsgefühle der edelmüthigen Bevölkerung eine friedliche, befriedigende Ausgleichung der noch obschweben- den Fragen erwarten. Der Krieg in Italien ist nicht ge­gen die Freiheit der italienischen Völker gerichtet, er hat den ernsten Zweck unter der vollständigen Anerkennung der Na­tionalität, die Ehre der österreichischen Waffen den italieni­schen Mächten gegenüber zu behaupten (Beifall) und die wich­tigsten Interessen des Staates zu bewahren. (Beifall.) Nach­dem die wohlwollenden Absichten, die unseligsten Zerwürf­nisse friedlich beizulegen, ohne Erfolg blieben, so wird es die Aufgabe unserer tapfern Armee sein, einen ehrenvollen Frieden zu erkämpfen. (Allgemeiner Beifall.) Die freund­schaftlichen Beziehungen Oesterreichs mit allen andern Mäch­ten sind nicht verändert worden. Das durch lange Zeit unterbrochene Verhältniß zum Königreich Spanien ist wie­der hergestellt. Durch die Folge früherer Finanzoperationen und durch das Zusammentreffen außerordentlicher Ereignisse sind die finanziellen Verhältnisse des Staates in einen Zu­stand versetzt worden, der außerordentliche Maßregeln er­heischt, und schon in nächster Zukunft das Ministerium veranlassen wird, die erforderlichen Entwürfe sammt allen Nachweisungen vorzulegen. In der Berufung der Volks­vertreter zu eigener Berathung der allgemeinen Inter­essen ruht die sicherste Gewähr der geistigen und ma­teriellen Entwicklung Oesterreichs. Se. Majestät läßt Ihnen daher, meine Herren, und der ganzen Nation seinen kaiser­lichen Gruß und die Versicherung seines herzlichen Wohl­wollens entbieten. Der constituirende Reichstag ist eröffnet.

Die Antworts - Rede des Präsidenten schloß mit den Worten: Heil seiner Majestät unserm gütigen, con­stitutionellen Kaiser (Allgemeines Vivat). Heil der nun constitutionellen Dynastie und Ihrer Dauer zum nachhalti­gen Wohle des neuen Bundes. Heil dein volksthümlichen, edlen Deutschen Prinzen, Erzherzog Johann (dreimaliges be­geistertes Hoch), und Heil dem, was seinem Herzen am theuersten und Zeuge dieses feierlichen Aktes ist. (Alle Blicke suchen in der Hofloge die Gemahlin des Erzherzogs, aber Baronin Brandhof in schlichter Kleidung dankt unter Thränen dem nicht enden wollenden herzlichen Zurufe aus einer Seitenloge. Von vielen Seiten ertönt der Ruf: „in die kaiserliche Loge.") Heil dem freien, einigen, österreichischen Volke. (Jubel.) Heil und Ehre den öster­reichischen Waffen und unsern Brüdern, die sie führen. (Allgemeines Hoch.)

Verantwortlicher Herausgeber: Fr. Oetker.— Redaktion: Fr. Oetker und A. Pfaff. — Druck und Verlag von Th. Fischer,in Caffel.