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Beilage zu Nr. ai der Neuen Hessischen Zeitung.

Volksthnmlichkeit unsers Heerwesens.

(Zugesandt).

Die seit 60 Jahren Europa bewegenden Zeitereignisse bil­den unverkennbar eine Epoche im Culturzustande der Völker, wobei auch die politische Grundlage des Heerwesens eine Verpflanzung auf anderen Boden zu erleiden hat, wie die Geschichte sie nur in Zeiträumen von Jahrhunderten und dabei nie mit scharfer Abgrenzung, vielmehr stets so ver­schmolzen zeigte, daß der Vollendung eines Systemes auch schon der Beginn eines folgenden entkeimte.

Unsere altgermanischen Vorfahren zogen gleichsam mit der Bevölkerung selbst zum Kampfe. Auf den Kriegsruf des Oberhauptes eilten die Streitbarsten als Heerbann (Heerfahrt), mit eigener Bewaffnung, meist als Fußvolk nach dem auch zu der Berathung solcher Angelegenheiten be­stimmten Sammelplätze des Gaues, und unter größtentheils selbst gewählten Anführern weiter gegen den andringenden oder aufzusuchenden Feind, während der heimathliche Heerd unter dem Schutze eines folgenden Aufgebotes verblieb.

Im Mittelalter theilte zunächst das Erwachsen einer hervortretenden Verschiedenheit im Grundbesitze und weiter­hin die Absonderung der Gewerbthätigkeit auch die Inter­essen im Bereiche der Heer- und Schutz-Angelegenheit. Aus jener ging die bekannte vielseitige Gliederung des Lehn- und Ritterwesens, mit dem Haupt-Prinzipe offensiver Thätigkeit, aus der Gewerbthätigkeit aber die nicht minder mächtige Schöpfung der Städte und ihrer Innungen, mit der über­wiegenden Richtung von 9Sereii.cn zu gegenseitigem Schutze, hervor. Ueber dem Ganzen verblieb das Reichsoberhaupt; jedoch unvermögend, dem unübersehbaren Gebilde der son- derbündlerischen Parteien, zwischen welche sich auch noch die Hierarchie als solche einschob, mit ausreichlichem Erfolge zu gebieten. Als nun die Kriegsanwendung des Schieß­pulvers der sich hauptsächlich auf Reiterdienst beschränken­den Lehns -Miliz den bisherigen Eifer unb alle Zuläng­lichkeit für den Krieg entzog, wurden die deßfallsigen Ver­pflichtungen mehr und mehr in Geldvergütung (Ritterpfand- Geld rc.) geleistet, und diese nebst dem als allgemeine Reichssteuer (1427) dazu bewilligtemgemeinem Pfennige", auf temporäre Söldnerhaufen verwendet. Die Ungeübtheit und Zügellosigkeit solcher Massen führte (schon 1439 in Frankreich, um 1500 in Deutschland) zum Beginn des

jetzigen Heerwesens von stehenden Truppen, das bereits ein Vorbild in den schon längst vorhandenen eigenen Leibwachen der Fürsten fand, neben welchem jedoch erst nach dem drei­ßigjährigen Kriege die ziemlich jedem Lohnherrn käuflichen temporären Horden verschwanden und zugleich noch um 1790 ein Aufgebot von Lehnsmannschaft, wenn auch fast nur als Curiosität, vorkam.

In der Entwicklung des Wesens stehender Heere laßt sich eine zweifache Richtung verfolgen, je nachdem eS sich jenen schon unter den Merovingern vorhandenen Leibwachen, wie unser Linien - Militair den Garden, anschloß, oder von jenen getrennt, mehr aus dem ursprünglichen Begriffe deS Heerbanns hervorgehend, Landregimenter, provinzielle Hülfs- stellungen verschiedener Benennungen tc, bildete. Beide er­scheinen jedoch im heutigen Bestände, der auch die Landwehr im Wesentlichen gänzlich nur als eine Erweiterung ober als ein folgendes Aufgebot der Linien-Formation erscheinen läßt, bis auf bloße Analogien, mit einander verschmolzen.

Der Einführung des jetzigen Heerwesens verdankt auch Deutschland den Genuß civilistrter Lebens- und Regierungs- Verhältnisse. Nicht minder gibt ihm die Geschichte, bis auf den heutigen Tag, das Zeugniß von nirgend in anderer, namentlich in minder beschwerender Weise übertroffener, oder auch nur erreichter Kriegstüchtigkeit und von einer Unent­behrlichkeit für das selbstständige Staatsleben im nachbarlichen Verhältnisse der Völker, die außer dem Bereiche von Ein­seitigkeit unb Leidenschaft ebensowenig, als die Thatsache zu bestreiten steht, daß namentlich England und Frankreich bei allen, theils sehr extremen Umgestaltungen ihrer Negierungs­formen, doch nie zu einer Auflösung ihrer stehenden Heere schritten. Auch sind es längst die Söhne des Vaterlandes selbst, welche im stehenden Heere die Liebe zur Heimath bewahren, und hinwiederum die Zöglinge des Heeres, welche, mit freudiger Erinnerung an die in ihm verlebte Jugend und mit Anerkennung der in ihm genossenen Achtung und Schule sittlicher Bildung, die aufrichtigste Anhänglichkeit und den Sinn für Heerwesen auf das Volksleben übertragen.

Es ist demnach keinesweges eine fundamentale Unzweck­mäßigkeit oder gar eine in der Zusammensetzung wurzelnde Unvolksthümlichkeit *), welche seit geraumer Zeit in man*

*) Die englische Armee ist bis auf die i* allen großen «**