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Der Wahrheit die Ehre!
In Nr. 13 der neuen hessischen Zeitung steht ein Aufsatz von einem Herrn W., über die Nothwendigkeit der Volksbildung und Trennung der Schule von der Kirche, in welchem es u. A. heißt: „Unsere Volksschule muß frei werden, frei von den Banden der kirchl. Herrschaft — der Lehrstand muß aus der Knechtschaft der Geistlichkeit befreit werden."
Es wandelte mich bei der Durchlesung dieser Zeilen ein eigenthümliches Gefühl an. Ich fragte mich: sollte der Mann — doch Schulmann? recht viele und bittere Erfahrungen gemacht haben? — Er ist doch wohl ein älterer Lehrer, der ruhig geprüft und überlegt haben wird, ehe er ein so hartes Urtheil niederschrieb und gewissermaßen über einen ganzen, ich denke, gleich den Schullehrern, ehrenwerthen Stand, den Stab zu brechen sich unterfing? Also, so sagte ich zu mir: die Geistlichkeit predigt Liebe und — sie knechtet ihre treuesten Gehülfen, die Lehrer? Da frage ich nun ältere und jüngere Lehrer: „seid ihr von der Geistlichkeit in Banven gehalten und geknechtet werden?" Ich höre überall: Nein! wir haben solche Banden re. nicht empfunden. Denken Sie nicht, Herr W., daß diese von mir befragten Lehrer Anstand nahmen, mir die Wahrheit zu sagen! Diese Männer haben Zutrauen zu mir und — Windbeuteleien kommen bei ihnen nicht vor. Mein Urtheil dürfte wohl auf Unbefangenheit und Sach- kenntniß Anspruch machen dürfen. Ich bin 50 Jahre alt; sind Sie älter, Herr W. ? — Nun, darauf kömmt eben Nichts an. Ich bin der Sohn eines Dorfschulmeisters, in der Schulstube groß erzogen, als Kind schon für den Lehrerstand bestimmt und demgemäß unterwiesen. Selbst aber habe ich seit meinem 10. Jahre Unterricht gegeben und ich unterrichte noch täglich, weil ich es eben nicht lassen kann. Dabei bin und bleibe ich ein Schüler. — Die Vorsehung wollte es, daß ich Pfarrer und somit Lo- calschulinspector, daß ich Metropolitan und Bezirksschulin- fpcctoc wurde. Als Pfarrer (seit 28 Jahren) bin ich stets der Freund meiner braven Schullehrer gewesen; Gott weiß es: ich hatte stets brave Lehrer. Manche dieser Männer leben noch und sie werden mir bezeugen, daß ich ihr Freund war. Als Bezirksschulinspeetor (seit etwa 13 Jahren) gehörte es zn meinen Dienstobliegenheiten, die Schullehrer- tabellen zu bestätigen, die Schulprotokolle zu lesen, die
Pfarrer über die Sitten und die Dienstführung der Schullehrer zu befragen. Da habe ich denn Viel gelesen, Viel gefragt, aber — in den 13 Jahren fand ich nur zwei Fälle, wo mir das Urtheil der Pfarrer etwas unbillig erschien und wo ich dasselbe zu ändern mich verpflichtet hielt. In alten übrigen Fällen waren die Pfarrer in ihrem Urtheile so mild, oft so übertrieben mild, daß'ich ebenwohl schon eine Abänderung nöthig fand. Dort aber haben die Pfarrer Gelegenheit gegen die Lehrer anzugehen; ich habe das keineswegs bemerkt. Wo ist denn aber die Knechtschaft? Wahr ist es, die Schullehrer müssen sich, als Kirchendiener, lästigen und unangenehmen Geschäften unterziehen. Soweit ich gesehen, haben humane Geistliche ihren würdigen Schullehrern diese Geschäfte zu erleichtern gewußt. Sollte indessen ein alter Pfarrer einem hochmüthigen jungen Lehrer, der die Weisheit in vollen Zügen genossen zu haben wähnte, irgend einmal gesagt haben: „dies ist Kirchendienst!" „Ihre Besoldung giebt fast ausschließlich die Kirche:" so wäre das noch kein Verbrechen und ich habe wohl auch junge Lehrer gekannt, denen eine solche Bemerkung nicht schaden konnte. Ich finde darin noch keine Knechtschaft, denn die Geistlichkeit hat noch keine Mittel gehabt, die Lehrer, nach dem Wegfall des Kirchendienstes, anderweit zu entschädigen. Hin und wieder ist es wohl, wo das Kirchenvermögen zureichte, dennoch geschehen. Daß Schullehrer in der Behandlung der Lehrgegenstände willkürlich beschränkt und gestört worden seien, davon weiß ich kein Beispiel. Davon aber sind mir Beispiele bekannt, wo die Bürgermeister gegen die Lehrer Anzeigen machten und selbst Intriguen schmiedeten und wo die Pfarrer ihre — oft nicht schuldlosen — Lehrer in Schutz nahmen. Lieber Herr W.! Sie verletzen durch ihr hartes Urtheil einen Stand, der sich der Lehrer mehr, als Sie wohl glauben und wissen, angenommen; in dessen Macht es aber nicht gestanden, die freilich g er ech te n Wünsche der Schullehrer, in Beziehung auf ihre Besoldung rc. zu befriedigen. Die Geistlichkeit nimmt es nicht übel, wenn nicht höhere Rücksichten obwalten, daß die Schule von der Kirche getrennt wird. Viel Mühe, viel Verdruß und eine große Verantwortlichkeit fällt für sie hinweg. Ob aber die Schule, ob ihre Lehrer bei dieser Trennung gewinnen: darüber mögen tüchtigere Männer, oder die — Zeit entscheiden. Daß sich aber auch unter den Geistlichen kleine Schul-Tyrannen befinden oder befunden haben, das will